Wiener Kaffeehauskultur

Innenraum des Wiener Café Schwarzenberg. Ein großer Raum mit hoher Decke. An den Tischen sitzen Gäste, die von schwarz livrierten Obern bedient werden.

Traditionslokale

Wiener Kaffeehauskultur

Kaffeehäuser gibt es auf der ganzen Welt, aber keine Stadt ist so eng mit dem dampfenden Getränk verbunden wie die österreichische Hauptstadt. Die vielen berühmten alteingesessenen Kaffeehäuser strahlen einen unvergleichbaren Charme aus. Unzählige Kaffee-Spezialitäten stellen jeden Wien-Touristen vor die Qual der Wahl. Wie die braunen Bohnen ihren Weg nach Wien gefunden haben, ist eine spannende und von Legenden umrankte Geschichte.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Was den oftmals hektischen Touristen beim Betreten der typischen Wiener Kaffeehäuser zuerst auffällt, ist die Ruhe. Die Entdeckung der Langsamkeit hätte dort ihren Ursprung nehmen können. Beim Servieren und beim Verzehren wird das Thema Schnelligkeit scheinbar ausgeblendet.

Es ist dort üblich, dass Stammgäste ungewohnt lange bei einer einzigen Tasse Kaffee verweilen und dabei ausgiebig die Tagespresse studieren, ohne von einem geschäftstüchtigen Kellner laufend zur nächsten Bestellung gedrängt zu werden. Auch das kostenlos mit dem Kaffee servierte Glas mit frischem Leitungswasser ist in den Wiener Kaffeehäusern eine Selbstverständlichkeit.

Was die Einrichtung angeht, unterscheiden sich die einzelnen Kaffeehäuser stark voneinander. Die Palette reicht von plüschig angestaubt bis hin zum modernen, fast nüchternen Ambiente. Von angestaubt-antiquiert bis modern-cool reicht auch die Gemütsscala der Kellner, die in einem Kaffeehaus allerdings mit "Herr Ober" angesprochen werden wollen.

Innenansicht des berühmten Wiener Café Hawelka

Das berühmte Café Hawelka

Die Araber haben’s erfunden

Die arabische Welt darf es für sich beanspruchen, als Erste Kaffeepflanzen kultiviert und ihre Bohnen systematisch zu einem aromatischen Getränk verarbeitet zu haben. Historisch ist belegt, dass dort mindestens seit Mitte des 15. Jahrhunderts Kaffee getrunken wird.

Manche Quellen sprechen davon, dass Kaffeebohnen auch schon viele hundert Jahre vorher konsumiert wurden, allerdings ungeröstet und als Heilmittel. Einer Legende nach, ist die Idee zur Kaffeeverarbeitung auf einen Viehhirten zurückzuführen, dem das unruhige Verhalten seiner Herdentiere aufgefallen war. Sie hatten die belebenden Bohnen von einem Busch genascht.

Geröstet, gemahlen und mit heißem Wasser aufgebrüht, setzte sich Kaffee zunächst in der arabischen Hemisphäre durch. Kaffeeschänken entstanden und wurden zu beliebten Treffpunkten. Vor allem vom vielbesuchten Pilgerort Mekka aus brachten Reisende die Kunde von dem belebenden Getränk nach Europa.

Der Augsburger Mediziner Leonhard Rauwolf, der 1573 den Vorderen Orient bereiste, lernte das Kaffeetrinken in der syrischen Stadt Aleppo kennen und beschreibt in einem 1582 veröffentlichten Reisebericht das ungewöhnliche Getränk und seine spezielle Zubereitung.

Innenansicht des Café Sperl

Auch eine Wiener Kaffeehausattraktion: Café Sperl

Türkischer Mokka vor Wien

Neugierig geworden auf das exotische Getränk, orderten einige Händler erst einmal sehr vorsichtig und in geringen Mengen Säcke mit Kaffeebohnen. In den Hafenstädten London, Hamburg, Marseille, Amsterdam und Venedig entstanden ab 1645 die ersten Kaffeehäuser.

Im Hinterland setzte sich der Kaffeegenuss später durch. 1672 hatten auch die Pariser ihr erstes Speziallokal mit Kaffeeausschank. Die Wiener mussten allerdings bis zum Jahr 1683 auf ihren Kaffee warten.

Wieder ist es eine Legende, die von der Einführung der Kaffeekultur in der Residenzstadt der Habsburger berichtet: Die Türken hatten es während ihrer Expansionskämpfe auf die österreichische Hauptstadt abgesehen und die Stadt belagert. Doch das türkische Heer wurde vor den Toren der Habsburger Metropole vernichtend geschlagen und musste fluchtartig abrücken.

In der Hinterlassenschaft der Türken befanden sich auch Säcke mit Kaffeebohnen, die man einem Mann überließ, der sich tapfer auf österreichischer Seite geschlagen hatte, Franz Georg Kolschitzky.

Damit nicht genug, erhielt Kolschitzky auch die Erlaubnis für den Ausschank von Kaffee, und das erste Wiener Kaffeehaus konnte seine Pforten öffnen. Soweit die Legende. Andere Quellen sagen, dass es ein Armenier namens Deodato gewesen sein soll, der 1685 das erste Kaffeehaus in Wien eröffnete.

Ein Bildteppich zeigt eine Schlachtszene aus dem Jahr 1683

Die Belagerung Wiens im Jahr 1683

Die Mischung macht's

Ob der Wiener Kaffeehauspionier nun Deodato oder Kolschitzky hieß, jedenfalls trat der Kaffee einen ungeahnten Siegeszug durch die österreichische Metropole an. In den Folgejahren entstanden viele Kaffeehäuser. 1819 war die Zahl auf 150 angestiegen, um 1900 waren es 600.

Das Geheimnis des Wiener Erfolges war die Beimischung von Zucker und Milch. Und da die Kaffeehausbesitzer nicht etwa fertiges Kaffeemehl verwendeten, sondern selbst rösteten und eigene Sorten-Mischungen herstellten, nannten sie sich stolz Kaffeesieder. So nennen sich die Wiener Kaffeehausbesitzer auch heute noch.

Es gab in den Anfangszeiten der Kaffeehäuser zwar auch schon verschiedene Zubereitungsarten, aber von den phantasievollen Namen unserer Zeit, wie Melange, Fiaker oder Verlängerter, war damals noch nicht die Rede. Die ausschließlich männlichen Kaffeehausbesucher konnten sich ihren Kaffee mithilfe einer Farbpalette bestellen und individuell zubereiten lassen.

Die Farbskala reichte von dunkelstem Schwarz bis hin zu milchig-weiß. Den Wiener Frauen wurde erst ab 1856 der Zutritt in die Kaffeehauswelt gewährt. Und die sprichwörtliche Wiener Kaffeehauskultur setzte erst ab Ende des 19. Jahrhunderts ein und reichte bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts.

Kaffeehausnostalgie wieder im Trend

Es waren die vielen Maler, Schriftsteller und Theaterleute, die als illustres Publikum die Kaffeehäuser in Wien bevölkerten und durch ihre Anwesenheit bereicherten. Literaten wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Friedrich Torberg hatten ihre bevorzugten Stamm-Cafés, in denen sie sich trafen, in denen sie saßen, sinnierten und arbeiteten.

Maler der Moderne, wie Gustav Klimt oder Egon Schiele, hielten in ihren Kaffeehäusern Hof und holten sich Inspiration für neue Werke. Etablissements wie das Café Griensteidl wurden um 1890 zum Tummelplatz einer jungen Garde von Bohemiens, die sich anschickte, die Kunst- und Kulturwelt zu revolutionieren.

Allein auf der mondänen Wiener Ringstraße gab es zu dieser Zeit nicht weniger als 30 Kaffeehäuser. Kleine Orchester spielten dort auf und die Kaffeehausmusik wurde zu einem beliebten musikalischen Genre.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929, die Hitlerdiktatur, der Zweite Weltkrieg und ein verändertes Freizeitverhalten in der Nachkriegszeit sorgten für den Niedergang der berühmten Wiener Kaffeehauskultur und brachten das wirtschaftliche Aus für viele ehemals berühmte Lokale.

Doch seit einigen Jahren scheint man sich wieder auf die gute alte Tradition zu besinnen. Die Kaffeehausnostalgie boomt und man entspannt im Hawelka, Central, Sperl, Griensteidl oder Schwarzenberg bei Mokka, Kleinem Braunen, Verlängertem, Melange oder Einspänner.

Außenaufnahme des Wiener Café Griensteidl. In der auf eine Straßenecke zulaufenden Rundfassade befinden sich hohe Rundbogenfenster und das ebenfalls als Rundbogen angelegte Eingangsportal. Über dem Eingangsbereich ist der Name der Lokalität zu lesen. Das Gebäude ist in weißer Farbe gehalten.

Im Café Griensteidl verkehrte die Wiener Künstlerszene

Autor: Alfried Schmitz

Weiterführende Infos

Stand: 20.12.2016, 14:18

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