Die Fremden in der Südsee

Fidschi-inseln: Türkisfarbenes Wasser und eine Insel mit weißem Sandstrand und Palmen

Südsee

Die Fremden in der Südsee

Von Christiane Gorse

Weiße Strände, türkisfarbenes Meer, grüne Regenwälder, strahlend blauer Himmel, Temperaturen so angenehm, dass man nur wenig Kleidung tragen muss, dazu exotische Früchte und frischer Fisch – noch heute verkaufen Reiseunternehmen die Südsee als das Paradies auf Erden.

Das verklärte Bild von den 7500 Inseln der Südsee prägten die ersten Europäer, die ab dem 16. Jahrhundert mit ihren Segelschiffen hierher kamen. So entlegen die winzigen Inseln in der gigantischen Weite des Pazifiks auch sind, die Europäer – und damit die Kolonialmächte – fanden sie alle. Und spätestens mit ihnen nahte auch das Ende des Paradieses.

Die ersten Europäer und der Mythos Südsee

Der erste Europäer, der die Südsee erreichte, war ein Spanier. 1513 nahm Konquistador Vasco Núñez de Balboa den Südpazifik für sein Land in Besitz.

Den Mythos Südsee beflügelte James Cook, der im 18. Jahrhundert mehrere Fahrten in den Südpazifik unternahm. Bei seiner zweiten Expedition reisten Louis Antoine de Bougainville und die Deutschen Johann Reinhold und Georg Forster mit, die mit ihren Reiseberichten ein wahres Südsee-Fieber in Europa entfachten.

Auf Tahiti schienen sie die "Edlen Wilden" gefunden zu haben, wie sie Jean-Jacques Rousseau beschrieben hatte. In einem Garten Eden, der ihnen alles zum Leben bot, erschienen ihnen die Tahitianer als freundliche und von der Zivilisation noch unverdorbene Menschen.

Auch der Maler Paul Gauguin hat maßgeblich zum Mythos Südsee beigetragen. Als er endlich die Mittel hatte, selbst dorthin zu fahren, war er allerdings tief enttäuscht. Statt der unverdorbenen Wilden traf er Mitte des 19. Jahrhunderts fast nur noch missionierte Tahitianer an. Die Bilder, die er schuf, entsprechen nicht der Realität, die er vorfand, sondern seinen Wunsch- und Traumbildern.

Gemälde "Zwei Frauen aus Tahiti" von Paul Gauguin

Paul Gauguin war von Tahiti fasziniert

Mythos und Wirklichkeit

Das Bild der schönen, braun gebrannten und freundlichen Menschen Polynesiens war – so sind sich Ethnologen sicher – schon immer realitätsfern. Untereinander hatten die vielen Völker und Kulturen blutige Konflikte.

Ihre freundliche Art erschien so herzlich, weil sie durch die Brille von Männern gesehen wurde, die wochen- und monatelang mit wenig Abwechslung und eintöniger Kost auf ihren Schiffen darbten und außerdem aus der sehr zugeknöpften, strengen Kultur Europas kamen.

Die Gesellschaften Polynesiens waren aber ebenfalls hierarchisch. Es gab genaue Verhaltensregeln für Männer und Frauen, die aber auf ganz anderen Wertvorstellungen basierten als in Europa.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Besitz. In den Südsee-Kulturen war es üblich, dass man einen Gegenstand verschenkte, den ein anderer bewunderte – ein Gebot der Höflichkeit. Im Umkehrschluss aber nahmen sich die Menschen mitunter auch, was ihnen gefiel – für die Europäer ein klarer Fall von Diebstahl.

Dieser Unterschied wurde James Cook zum Verhängnis. Er versuchte, den Häuptling eines Stammes in Gefangenschaft zu nehmen, als wertvolle Teile der Expeditionsausrüstung abhanden gekommen waren. Und das kostete ihn sein Leben: In der Kealakekua-Bucht auf Hawaii wurde er niedergestochen.

Die Einheimischen verteidigten ihre Heimat, aber die Europäer hatten zwei Dinge im Gepäck, die die Einheimischen nicht hatten: Schusswaffen und europäische Krankheiten. Gegen beides waren sie wehrlos.

Zeichnung illustriert Cooks Ermordung

Ein Missverständnis zwischen den Kulturen wurde James Cook zum Verhängnis

Kolonialisierung und Missionierung

Noch bevor die Südsee kolonialisiert wurde, kamen die Walfänger. Sie brachten die ersten fremden Krankheiten, auf die das Immunsystem der Einheimischen nicht eingestellt war. Ganze Dörfer wurden von der Grippe oder auch durch Scharlach hinweggerafft.

Auf Mikronesien lebten einst 15.000 Menschen, nach den Epidemien waren es nur noch 1000. Als die christlichen Missionare eintrafen, fanden sie daher eine dezimierte Bevölkerung vor, die sich recht einfach missionieren ließ.

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen der Handel und damit die ersten Kolonialherren. In erster Linie wollten sie Kokosplantagen anlegen und die Ernte in Europa teuer verkaufen.

Die einheimische Bevölkerung war allerdings nur schwer zur Arbeit anzuhalten, deswegen wurden Zwangsarbeiter aus Asien eingeschifft. Noch heute gibt es aus dieser Zeit Nachfahren und Konflikte, die auf die unterschiedliche ethnische Herkunft zurückzuführen sind.

Ein Boot mit zwei Kinder vor der Insel Tuvalu

Einst lebten auf Mikronesien 15.000 Menschen

Deutsche in der Südsee

Sämtliche Industriestaaten hatten in der Südsee Kolonien und noch heute sind bestimmte Inselstaaten weiterhin abhängig: Auf Hawaii sitzen bis heute die Amerikaner und die Franzosen verwalten Französisch-Polynesien als Département d´Outre Mer.

Deutschlands koloniale Zeit in der Südsee war vergleichsweise begrenzt. Die Herrschaft währte von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg 1914. Beispielsweise Samoa, Palau, die Karolinen-Inseln, das Bismarck-Archipel oder auch Papua-Neuguinea gehören zu den ehemals deutschen Südsee-Inseln.

Die Deutschen hatten unter den Einheimischen einen relativ guten Ruf. Sie waren wohl streng, dafür aber berechenbar. Anders als die Australier, die offenbar oft willkürlich und grausam gegen die Einheimischen handelten.

In einem samoanischen Dorf wird die Reichsflagge gehisst

In einem samoanischen Dorf wird die Reichsflagge gehisst

Folgen der Kolonialzeit: Atomtests in der Südsee

Ein besonders dunkles Kapitel sind die Atomtests, die sowohl die USA auf dem Bikini-Atoll als auch Frankreich auf Mururoa durchführten. Die USA beschlossen 1945, auf dem Atoll ihre Kernwaffentests durchzuführen, weil es weit weg war von allen wichtigen Schiffsrouten, und evakuierten die knapp 200 Bewohner auf eine andere Insel.

67 Bomben wurden insgesamt gezündet. Die Bewohner hatten immer gehofft, zurückkehren und ein unbeschwertes Leben in ihrer Heimat führen zu können. Doch bis heute sind die Früchte und Fische der Insel ungenießbar.

Frankreich zündete ab 1966 insgesamt 46 Atombomben in der Atmosphäre und 147 Atombomben unterirdisch. Erst nach massiven Protesten aus der ganzen Welt lief das Testprogramm 1996 aus. Auch hier wurde die Bevölkerung evakuiert, allerdings traf schon der erste Fallout durch einen Windwechsel die Nachbarinsel, was lange verschwiegen wurde.

Offiziell bestand niemals ein Strahlenrisiko und die Arbeiter berichten, dass sie ohne Schutzkleidung und ohne Warnung ihren Dienst absolviert haben. Niemals wurden sie systematisch von Ärzten untersucht, sodass ein Nachweis, dass Krankheiten auf die Atomtests zurückzuführen sind, für die Betroffenen schwierig ist. Erst 2009 entschied sich Paris für eine Entschädigung.

Atombombe auf Bikini-Atoll 1946

Bis heute belasten die Folgen der Atomtests die Inseln

SWR | Stand: 02.07.2020, 09:49

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