Kibbuz Ein Gedi

Im Vordergrund des Fotos sieht man Salzablagerungen in bizarren Formen und im Hintergrund die weite Wüstenlandschaft mit dem türkis schimmernden Toten Meer und der grünen Oase Ein Gedi.

Geschichte des Staates Israel

Kibbuz Ein Gedi

Ein Gedi ist eine der schönsten und größten Oasen am Westufer des Toten Meeres. Seit mehreren Jahrtausenden schon siedeln hier an den vier Wasserquellen mitten in der Wüste Menschen. Seit dem Jahr 1956 residiert an der "Quelle des Zickleins", wie der Name Ein Gedi übersetzt heißt, exponiert auf einem Felsplateau der abgelegenste Kibbuz Israels.

Lebensfeindlich und doch bewohnt - die Wüstenregion am Toten Meer

Es ist eine aufwühlende Fahrt: Wo eben noch eine recht üppige Vegetation mit mediterranen Bäumen und Sträuchern vorherrschte, sieht man jetzt, ein paar Kilometer weiter gen Osten fahrend, nichts als Wüste, soweit das Auge reicht. Die Landschaft ist zwar immer noch bergig, aber jetzt atemberaubend karg.

Die Autofahrt führt aus den Bergen von Jerusalem langsam, aber stetig bergab, hinunter ans Tote Meer, bis auf 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Grün ist verschwunden, jetzt zeigt sich der Boden in beigefarbenen Schattierungen, wandelt sich dann und wird gelblich-orange.

Hinten am Horizont sieht man das Tote Meer im Sonnenschein aufblitzen. Und dahinter, an dessen östlichem Ufer, ragen die Berge von Jordanien empor. Beide Völker, Palästinenser und Israelis, wollen hier leben. Es ist wunderschön und geschichtsträchtig, unwirtlich trocken und gnadenlos heiß.

Die Oase in der Wüste

Wasser schießt einen kleinen Wasserfall herunter, umringt von üppigem Grün. Im Hintergrund sieht man eine karge Felslandschaft.

Eine der vier Quellen von Ein Gedi

Anderthalb Autostunden von Jerusalem entfernt und 18 Kilometer nördlich von Masada liegt am Westufer des Toten Meeres die Oase Ein Gedi. Wer das Wachhäuschen zum Kibbuz passiert, denkt: Ringsum nichts als Wüste, und hier sieht es aus wie im Paradies! Auf dem Felsplateau, auf dem sich das Gemeinschaftsdorf erstreckt, blühen Hunderte Pflanzen, meist subtropischer Gattungen, in üppigem Grün.

Die Natur hat Mensch und Tier hier am Rande der Judäischen Wüste ein großes Geschenk gemacht: Aus vier Quellen dringt stetig Wasser an die Erdoberfläche. Dass hier schon seit Jahrtausenden Menschen siedeln, belegen zahlreiche archäologische Funde. Kupfergegenstände, Bottiche und die Relikte zweier Synagogen aus dem 2. und dem 5. Jahrhundert können an der "Quelle des Zickleins", wie Ein Gedi übersetzt heißt, besichtigt werden.

Kibbuzim, das Herz Israels

Auf dem Schwarzweiß-Foto sieht man im Vordergrund Menschen, die auf dem Feld arbeiten, und im Hintergrund kleine Wohnhäuser.

Landwirtschaftlicher Kibbuz im Jahr 1958

1949, kurz nach der Staatsgründung, richteten die Israelis in Ein Gedi ein Militärlager ein. Der Ort hat bis heute geostrategische Bedeutung: Am Rand des Kernlandes gelegen, also dem Gebiet, das im Unabhängigkeitskrieg erobert wurde, ist das Dorf eine Art Außenposten Israels. Denn nur etwa vier Kilometer nördlich von Ein Gedi beginnt das von Israel besetzte palästinensische Westjordanland.

Im Jahr 1956 ging aus dem Militärlager der landwirtschaftliche Kibbuz hervor. Kibbuzim wie Ein Gedi sind jüdische Gemeinschaftssiedlungen mit kollektiver Wirtschafts- und Lebensweise. Sie sind ein typisches Element der jüdischen Siedlungspolitik in Palästina.

Die Pioniere der Kibbuz-Idee kamen zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Polen, Ungarn, Österreich, aus Russland und aus Deutschland nach Palästina. Sie waren angetrieben vom zionistischen Traum der Heimkehr ins Gelobte Land und von der Vision einer jüdischen Gesellschaft, in der die Menschen in Gleichheit und Gerechtigkeit leben.

Theodor Herzl, Karl Marx oder auch Sigmund Freud standen den Ideen Pate. Die einen träumten vom zionistischen Israel, die anderen von der Weltrevolution. Zwar durchleben viele Kibbuzim seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion härtere, eben marktwirtschaftliche Zeiten, aber Totgesagte leben länger: 2014 gab es rund 270 Kibbuzim in Israel.

Ein Rundgang durch Ein Gedi

Fünf Palmen stehen im Vordergrund. Im Hintergrund sieht man die karge Wüstenlandschaft und das Tote Meer.

Stille und Sonne satt in Ein Gedi

Im Kibbuz Ein Gedi leben und arbeiten rund 550 Personen. Auf dem Felsplateau ist in den Jahrzehnten seit Gründung des Kibbuz' ein botanischer Garten mit 900 verschiedenen Blumen, Pflanzen und Bäumen entstanden. Die Sonne scheint hier 360 Tage im Jahr, die Vögel zwitschern und ansonsten ist es relativ ruhig. Denn Autos dürfen hier nicht hinein, sie werden auf einem Parkplatz am Ortsrand abgestellt.

Zu Fuß oder mit einem Elektro-Wägelchen kann man die Anlage innerhalb einer halben Stunde gut erkunden und entdeckt Gebäude, die diesen abgelegenen Kibbuz autonom machen und zudem den Kollektivcharakter unterstreichen: Neben Kindergarten, Schule, Bücherei, Freibad, Hallenbad und dem kleinen Krankenhaus gibt es auch einen kleinen Zoo.

Typisch für einen Kibbuz sind die Gemeinschaftsgebäude: Da ist zum Beispiel der große Speisesaal, in dem jeden Tag gegen ein paar Schekel das Mittagessen aufgetischt wird. Abends bereiten sich die Bewohner Salate zu und essen Humus mit Brot. Dazu reichen die kleinen Kochnischen in den Wohnungen.

Einkaufen können sie die nötigen Lebensmittel in dem kleinen Supermarkt hinter dem Gemeindezentrum. Daneben liegt die Wäscherei, in der alle Kibbuzniks ihre Wäsche zur Reinigung geben, mit eingenähten Namensschildchen versehen, damit es bei so großen Wäschemengen nicht zu Verwechslungen kommt.

Die Anlage lebt vom Charme einer sozialistischen Architektur aus den 1960er und 1970er Jahren. So auch das schicke Gebäude mit dem großzügigen Foyer im Stil einer Lounge: Es ist das ehemalige Kino, das aber heute nicht mehr bespielt wird. Denn Ein Gedi steckt, wie so mancher Kibbuz in Israel, in einer Krise.

Haupteinnahmequelle Tourismus

Eine Frau liest im Wasser liegend eine Zeitung.

Der Tourismus ist heute die Haupteinnahmequelle

Das Verschwinden des praktizierten Sozialismus in der Welt hat nun auch diese Bastionen erfasst. Um wirtschaftlich überleben zu können, hat das Streben nach Profit und Rentabilität nicht nur in das sozialistische Gemeinschaftsdorf am Toten Meer Einzug gehalten. Die einst klassenlose Gesellschaft bricht langsam auseinander.

Die alte Kibbuz-Losung "Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen" verwässert. Da, wo früher alle materiell gleichgestellt waren, gibt es heute Individuallöhne. Wo früher nur Mitglieder integriert waren, gibt es nun auch Familien, die als Mieter in den Kibbuz ziehen.

Überhaupt hat die Familie in Israel heute einen viel höheren Stellenwert als früher: Sie hat die Utopie der ideologisch zusammengeschweißten Kommune beinahe verdrängt.

Viele Kibbuzim, deren Haupteinnahmequelle früher landwirtschaftliche Produkte waren, orientieren sich seit den 1980er Jahren um. Sie versuchen, neue, ertragreichere Wirtschaftszweige zu etablieren. Ein Gedi hat sich, ob seiner atemberaubenden Lage, für den Tourismus entschieden.

Zwar gibt es eine Quelle, aus der Mineralwasser abgefüllt wird, und einige Dattelhaine, aber das Gästehaus für die Touristen und das etwa zwei Kilometer entfernt liegende Spa am Toten Meer sind heute die Haupteinnahmequellen der 110 Familien im Kibbuz.

Aus dem Schlamm des Toten Meeres werden zudem Cremes, Gesichtsmasken und Badezusätze hergestellt, die weltweit exportiert werden. In das Paradies 420 Meter unter dem Meeresspiegel, wo das viele Brom in der Luft müde und zufrieden macht und die ultravioletten Strahlen der Sonne keinen Schaden mehr auf der Haut anrichten, kommen viele Touristen, Kurgäste und Durchreisende.

Autorin: Natalie Muntermann

Stand: 05.09.2016, 16:38

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