Hoaxmap.org: "Es ist ein bundesweites Phänomen"

Porträtfoto von Karolin Schwarz

Fake News

Hoaxmap.org: "Es ist ein bundesweites Phänomen"

Von Sonja Kolonko

Die Journalistin Karolin Schwarz gründete 2016 die Webseite hoaxmap.org, auf der Falschmeldungen über Geflüchtete und nicht-weiße Personen zusammengetragen und nach ihrem Ursprungsort kartiert werden. Seitdem hat sie viele Erkenntnisse gesammelt.

Planet Wissen: Warum haben Sie die Seite hoaxmap.org ins Leben gerufen?

Karolin Schwarz: Ich habe hoaxmap.org gegründet, weil ich 2015 ehrenamtlich in einer Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gearbeitet habe und mir damals auffiel, dass in deren Umfeld viele Falschmeldungen entstanden.

Zusammen mit meinem Kollegen Lutz Helm beschloss ich dann, mit hoaxmap die Entstehungsorte von Fake News mit einer Art Datenbank sichtbar zu machen. Damit man sieht, dass das kein lokales Phänomen ist, sondern ein bundesweites.

Sie interessieren sich auch für die Entstehungsmechanismen von Falschmeldungen. Was konnten Sie darüber herausfinden?

Es gibt sehr unterschiedliche Methoden: zum einen Augenzeugenberichte von Menschen, die behaupten, sie selbst oder Freunde/Bekannte seien Zeugen von Straftaten geworden. Es gibt Dokumente oder Fotos und Videos, die völlig aus dem Kontext gerissen werden.

Und dann gibt es tatsächlich Menschen, die zur Polizei gehen und Dinge behaupten, die nicht oder ganz anders passiert sind. Die Falschmeldung entsteht dann auf Grundlage einer Pressemitteilung der Polizei und das macht sie natürlich noch gefährlicher, da viele dieser Quelle vertrauen.

Hoaxmap ordnet die Fake News nach ihrem Entstehungsort. Gibt es Gegenden, wo besonders viele Fake News entstehen?

Es gibt schon ein paar Schwerpunkte in der Zeit, die wir jetzt untersucht haben, seit Sommer 2015. Überall dort, wo es über längere Zeit rechte Demonstrationen von der Pegida in Dresden gab oder die AfD-Demonstrationen in Erfurt, kam es auch zu mehr Falschmeldungen.

Zwischen Ost- und Westdeutschland gab es keine Unterschiede. Bayern und NRW sind ebenfalls sehr oft vertreten auf der Karte.

Das erkläre ich mir so, dass NRW sehr viele Geflüchtete aufgenommen hat nach dem Verteilungsschlüssel und dass in Bayern damals die Menschen über die Grenze kamen und von da aus verteilt wurden.

Auf einer Landkarte von Deutschland sind die Ursprungsorte von Fake-News-Meldungen eingezeichnet.

Die Hoaxmap: Fake-News-Meldungen entstehen überall in Deutschland

Wie hat sich die Häufigkeit von Fake News seit 2016 entwickelt? Gab es besondere Hoch-Zeiten?

Es gab schon sowas wie eine Art Hoch-Zeit. Das ging im Sommer 2015 los und gipfelte bei uns dann im Januar 2016 nach den Vorfällen in Köln. Mit der Schließung der Balkanroute hat das Ganze erst mal abgenommen. Allerdings sind die Lokalmedien auch nicht mehr so hinterher, diese lokalen Falschmeldungen zu widerlegen, das war schon auch so ein kurzer journalistischer Trend.

Auffallend ist, dass es inzwischen viel mehr in Richtung Verschwörungstheorien geht, also dass Migration (angeblich) von irgendwelchen Menschen im Geheimen gesteuert wird. Also dieses Element der Geheimpläne, Verschwörungstheorien, des Verschweigens, das ist sehr viel größer geworden. Die lokalen Falschmeldungen gibt es aber nach wie vor.

Gab es sonst noch Veränderungen, die die Entstehung von Fake News beeinflusst haben?

2017 ist die Presseratsrichtslinie 12.1 dahingehend geändert worden, dass bei "begründetem öffentlichem Interesse" die Nationalität von Straftätern genannt werden darf. Das hat aber nun leider dazu geführt, dass viel öfter die Nationalität von Straftätern genannt wird und nur diese Meldungen weiterverbreitet werden, besonders von rechtspopulistischen Twitter-Accounts und Facebook-Seiten.

Was dabei völlig unberücksichtigt bleibt, ist, dass [die Polizei] eine Vorauswahl der Geschehnisse [trifft], die gemeldet werden. Das Bild ist also zunächst schon einmal selektiv und wird durch die Weiterverbreitung dann noch mehr verzerrt.

Was sind besonders beliebte inhaltliche Themen von Fake News?

Man kann beobachten, dass es vor allem um Migration, Flucht oder Innere Sicherheit geht und immer Bedrohungslagen suggeriert werden. Bei diesen Migrations-/Flucht-Falschmeldungen geht es inhaltlich um Raub und Diebstahl, sexualisierte Gewalt und Geld- und Sachleistungen. Das heißt, es dreht sich entweder um die Bedrohung des Eigentums oder des Körpers.

Und dann gibt es natürlich noch Falschmeldungen und Fakes zum Thema Gesundheit. Im Prinzip wird jede Woche über ein neues angebliches Krebsheilmittel berichtet.

Was müsste Ihrer Meinung nach gegen Fake News getan werden?

Ich würde mir wünschen, dass die Politik den Begriff "Fake News" und auch "Desinformation" nicht so instrumentalisieren würde, wie sie es im Moment gerade tut. Man sollte vorsichtiger mit diesen Begriffen umgehen.

Dann natürlich Medienkompetenz, und zwar nicht nur für Schüler und Schülerinnen, sondern auch ganz klar für ältere Bevölkerungsteile, die von Unis und Schulen nicht mehr erreicht werden. Ich glaube, das Feld ist unzureichend bearbeitet.

Ich wünsche mir, dass Behörden, Ämter, Politik, Institutionen und auch die Polizei sehr viel mehr sensibilisiert werden für das Thema und nicht mehr so häufig Antworten hinausschieben und Dinge aus dem Internet nicht ernst nehmen. Ich glaube, das ist falsch. Je schneller eine Falschmeldung widerlegt werden kann, desto schneller kann man sie auch wieder einfangen!

Und was können wir Journalisten tun?

Ich glaube, wir müssen einerseits [die Faktenprüfung] deutlich ausbauen und andererseits ist es auch wichtig, dass alle Medien transparenter arbeiten, das heißt: Quellen deutlich kennzeichnen und verlinken, Fehler deutlich als solche kennzeichnen und transparent [aktualisieren] in Onlineartikeln.

WDR | Stand: 20.08.2018, 13:45

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