"Man darf sich als Journalist nicht einbinden lassen"

Uwe Krüger.

Fernsehnachrichten

"Man darf sich als Journalist nicht einbinden lassen"

Von Beate Krol

Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger hält Journalisten den Spiegel vor. Für seine Doktorarbeit über die Netzwerke von sogenannten Alpha-Journalisten und das Buch "Mainstream" erhielt er 2016 den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik. Außerdem gehört er der Jury der Initiative Nachrichtenaufklärung an, die jedes Jahr eine "Top Ten der vernachlässigten Nachrichten" präsentiert. 

Planet Wissen: Ihr Buch "Mainstream" trägt den Untertitel "Warum wir den Medien nicht mehr trauen". Ist das Verhältnis zwischen Journalisten und Bürgern wirklich so zerrüttet?

Uwe Krüger: Es gibt Umfragen, die zeigen, dass es statistisch gesehen keinen Vertrauensverlust gegeben hat. Einzelne Ergebnisse finde ich jedoch alarmierend. Zum Beispiel glaubt eine hohe Prozentzahl von Bürgern, dass die Medien die Menschen im Einvernehmen mit der Politik systematisch belügen und dass die Politik den Medien die Themen vorgibt.

Viele haben auch der Aussage zugestimmt, dass die Medien einseitig berichten. Also, es gibt offensichtlich bei großen Teilen der Bevölkerung die Wahrnehmung: Das sind nicht ihre Medien, wenn sie Tagesschau gucken oder Zeitung lesen.

Inwieweit trifft diese Wahrnehmung zu?

Generell kann man sagen, dass wir in Deutschland ein hohes journalistisches Niveau haben. Trotzdem ist an der Kritik was dran. Wir haben an der Universität Leipzig zum Beispiel bei der Berichterstattung zum Euromaidan [Bürgerproteste in der Ukraine 2013] festgestellt, dass die deutschen Leitmedien eindeutig *pro* Euromaidan waren und *gegen* Russland und die pro-russischen Kräfte in der Ukraine.

Ein anderes Beispiel ist die Berichterstattung über die Flüchtlinge im Herbst 2015. Da war der Mainstream liberal-humanitär, während die Sorgen, die viele Einheimische angesichts des großen Zuzugs hatten, kaum vorkamen.

Wenn man plötzlich überall nahezu dasselbe liest, hört und sieht, fällt es schwer zu glauben, dass so etwas ungeplant passiert. Schwört die Regierung die Medien bei manchen Themen nicht vielleicht doch auf eine bestimmte Linie ein?

Mainstream-Berichterstattung entsteht vor allem deshalb, weil sich Journalisten aneinander orientieren: Welche Themen halten die anderen Leitmedien für relevant? Wie ist der Sound der Berichterstattung? Welche Meinung ist legitim und anschlussfähig?

Außerdem beziehen Journalisten ihre Informationen oft aus denselben Quellen. Da gibt es dann beispielsweise bei einem Thema drei Institutionen oder Interessensvertreter, die relevant sind, und die fragt man. Das engt den Meinungskorridor natürlich ein.

Sie haben sich vor ein paar Jahren den Ärger einiger Leitmedien-Journalisten zugezogen, weil sie deren Mitgliedschaften in politischen Vereinen und Netzwerken kritisiert und öffentlich gemacht haben. Was ist so problematisch daran?

Ein bekannter Soziologe hat mal unterschieden zwischen einem Machtdiskurs, den Politiker führen, und einem Wahrheitsdiskurs, den Journalisten führen sollen. Wenn Journalisten eng mit dem politischen Establishment verwoben sind, besteht die Gefahr, dass sie sich in den Machtdiskurs einbinden lassen und dessen interessenbedingt blinden Flecken in ihrer Berichterstattung übernehmen.

Andererseits müssen Journalisten nah dran sein.

Nur vom Schreibtisch aus zu recherchieren und auf bereits veröffentlichte Dokumente und Internetquellen zuzugreifen, ergibt natürlich auch keinen guten Journalismus. Und es muss auch möglich sein, vertrauliche Gespräche zu führen.

Aber man darf sich nicht einbinden lassen. In einem der Fälle saß ein Redakteur bei der Bilderberg-Konferenz im Lenkungsausschuss. Der war hochgradig involviert.

Wie können sich Journalisten dagegen wappnen, politisch vereinnahmt zu werden?

Idealerweise pflegen sie gute Kontakte zu verschiedenen Kreisen und Fraktionen. Wenn ich als Journalist zum Beispiel jedes Jahr bei der Münchner Sicherheitskonferenz eingeladen bin und dort die Positionen des außenpolitischen Establishments und des Militärs mitkriege, dann sollte ich auch mal zur Münchner Friedenskonferenz herüberschauen, wo es um zivile Konfliktbearbeitung geht.

Oder wenn ich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Gewinner der Globalisierung erlebe, sollte ich auch mal beim Weltsozialforum den Verlierern zuhören. Perspektivwechsel können sehr heilsam sein.

Sie bilden Journalistinnen und Journalisten aus. Wie sensibilisieren Sie die für die Gefahren des Mainstreams?

In den Recherche-Seminaren geht es immer wieder darum, nicht nur in eine Richtung zu recherchieren, sondern auch andere Quellen zu suchen und die Informationen gegenzuchecken.

Das ist wichtig, weil wir einen Journalismus brauchen, der ein verbindliches, von den Fakten her zutreffendes und ausgewogenes Bild liefert. Auf dieser Grundlage können dann alle diskutieren und ihre Entscheidungen fällen.

Wie groß ist die Chance, dass der Journalismus wieder unabhängiger und weniger mainstreamig wird?

Ich bin optimistisch. In den vergangenen Jahren haben Journalisten angefangen, sich wieder stärker zu hinterfragen. Außerdem ist das Publikum in ihren Köpfen heute sehr viel präsenter.

Stand: 15.08.2017, 14:00

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