Digitaler Journalismus

Eine Frau hält ein Smartphone mit Tagesschau Meldungen dargestellt mit der Tagesschau App.

Fernsehnachrichten

Digitaler Journalismus

Von Götz Bolten und Wiebke Ziegler

In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Journalismus in ein noch kurzlebigeres Geschäft entwickelt als er ohnehin schon war. Im Zuge der Digitalisierung sind die neuesten Meldungen innerhalb von Minuten im Internet verfügbar und weltweit abrufbar. Die Zeitung druckt morgen das, was die User heute schon längst wissen.

Von der Zeitung ins Netz

Im Herbst 1994 ging "Der Spiegel" als erstes Nachrichtenmagazin weltweit online. Anfangs von den traditionellen Magazinlesern noch kritisch beäugt, ist Spiegel Online inzwischen eines der drei erfolgreichsten Online-Nachrichtenportale in Deutschland neben Bild.de und Focus Online (Stand: Januar 2018).

Heute ist es selbstverständlich, Nachrichten online abrufen zu können. Aus den überschaubaren und einfachen Homepages von damals sind multimediale Seiten mit interaktiven Elementen geworden.

User können Kommentare zu einzelnen Themen schreiben und mit anderen diskutieren. Sie können RSS-Feeds abbonieren – etwa vergleichbar mit einem Newsticker – und sind so immer auf dem neuesten Stand.

Über Soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook oder Youtube sind die Online-Medien rund um die Uhr abrufbar und ermöglichen es den Usern, mit den Redaktionen und untereinander in Kontakt zu treten.

Verschiedene Nachrichten-Apps auf einem Smartphone

Nachrichten sind auch über Apps verfügbar

Was bedeutet das für die Tageszeitungen?

Doch mit der wachsenden Online-Präsenz steigt auch die Konkurrenz. Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender – sie alle buhlen darum, die aktuellen Meldungen und Schlagzeilen als erste zu veröffentlichen.

Gedruckte Tageszeitungen haben hier einen entscheidenden Nachteil. Sie sind durch den Redaktionsschluss daran gebunden, alle Meldungen für die nächste Ausgabe bis zu einer bestimmten Uhrzeit beisammen zu haben. Was danach passiert, schafft es nicht mehr ins Heft. Inzwischen arbeiten die meisten Zeitungen jedoch "crossmedial". Das bedeutet, es gibt nicht entweder nur Print oder nur Online, sondern beides.

Viele überregionale und lokale Tageszeitungen bieten neben ihrem kostenlosen Onlineangebot außerdem digitale Abos an. Man bekommt die aktuelle Ausgabe zum Herunterladen oder kann sich auf der Homepage der Zeitung einloggen und zusätzliche Funktionen nutzen und Artikel lesen, zu denen die nicht-registrierten Nutzer keinen Zugang haben.

Eine besondere Herausforderung für die Redaktionen

Für die Arbeitsabläufe in den Redaktionen hat sich durch die Digitalisierung einiges verändert. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) bringen die neuen Entwicklungen viele Chancen, aber auch Herausforderungen für die Journalisten mit sich.

Jemand betrachtet die Homepager der New York Times mit einer Lupe.

Die neuesten Nachrichten gibt es jederzeit im Internet

Der Arbeitsalltag hat sich um ein Vielfaches beschleunigt. Die Journalisten müssen die Sachlage permanent im Blick haben und Inhalte aktualisieren, sobald es neue Meldungen gibt. Die Redaktionen stehen unter einem enormen Druck. Denn trotz der Hektik müssen sie recherchierte Informationen kritisch beurteilen und auf ihre Richtigkeit überprüfen. Da es keinen Redaktionsschluss mehr gibt, arbeiten die Reporter Tag und Nacht.

Die direktere Kommunikation mit den Lesern über die Kommentarfunktion der eigenen Homepage oder die sozialen Netzwerke ist eine zusätzliche Belastung für die Redaktionen. Kritische Kommentare oder Hinweise zu Fehlern im Text müssen ernst genommen und möglichst schnell bearbeitet werden.

Ein großer Vorteil liegt in der digitalen Recherche. Der Journalist kann bequem von seinem Arbeitsplatz aus im Internet recherchieren und unterschiedliche Quellen aus dem In- und Ausland vergleichen. Auch der Kontakt zu anderen Redaktionen und der Austausch von Material ist heute wesentlich einfacher als noch vor 20 Jahren.

Auch die Videoproduktion hat sich verändert

Digitaler Journalismus beschränkt sich nicht nur auf die Verbreitung von Informationen über das Internet. Auch die Videoproduktion hat von der Digitalisierung profitiert. Cutter müssen Videobeiträge längst nicht mehr mit der Schere bearbeiten, sondern nutzen dazu den Computer.

Mithilfe spezieller Soft- und Hardware kann das digitale Bildmaterial bearbeitet werden. Einzelne Szenen können wie Bausteine zusammengefügt werden, bis das Grundgerüst des Beitrags steht. Danach werden Effekte wie Ton- oder Bildüberblendungen eingefügt.

Blick auf den Arbeitsplatz in einer Senderegie: An der Wand stehen über- und nebeneinander zahlreiche Monitore und Recorder verschiedener Größen, davor die dazugehörenden Mischpulte.

Die meisten Schnittplätze laufen inzwischen digital

Der Vorteil des digitalen Schnitts liegt auf der Hand: Gefällt dem Redakteur der Aufbau des Beitrags nicht, muss der Cutter ihn nicht komplett umschneiden, sondern kann einzelne Passagen schnell austauschen und verschieben. Besonders in der aktuellen Berichterstattung kann dies von Vorteil sein, etwa wenn kurz vor Sendebeginn noch aktuelles Material in den fertigen Beitrag integriert werden soll.

Mit dem Reporter am Ort des Geschehens

Bei der Berichterstattung aus Krisengebieten ist Exklusivität Trumpf. Die meisten Nachrichtenredaktionen haben ihre eigenen Auslandsreporter, die vom Ort des Geschehens berichten.

Um den Reporter live in die Nachrichtensendung einbinden zu können, braucht man einen speziellen Übertragungswagen, der mit einer sogenannten SNG-Einheit (Satellite News Gathering) ausgestattet ist und mit einem Schnittplatz, einer Satellitenschüssel auf dem Dach und Kameras.

Über die Schüssel können Bilder und Töne zu einem Satelliten geschickt werden. Dort, in einer Höhe von etwa 36.000 Kilometern, werden die Signale verstärkt und zurück zur Erde geleitet. Vom Leitungsbüro, der Aufzeichnungs- und Bildaustauschzentrale der jeweiligen Sendeanstalt, können die Signale direkt über den Sender ausgestrahlt oder aufgezeichnet werden.

Übertragungswagen stehen vor dem Joseph-König-Gymnasium in Haltern am See.

Mit dem SNG-Wagen vor Ort

Früher waren solche Live-Schalten schwierig. Anfang der 1990er war die SNG-Ausstattung noch sehr schwer und unhandlich und konnte nur von einem großen Stab an Mitarbeitern bedient werden. An vielen Orten war die Stromversorgung nicht ausreichend und die Übertragungszeiten über den Satelliten für den regelmäßigen Einsatz zu teuer.

Die heutigen SNG-Einheiten sind dagegen so klein, dass sie im Notfall von einer einzigen Person bedient und transportiert werden können, meist dem Reporter selbst. Der Strom wird von tragbaren Generatoren erzeugt. Dadurch sind die Nachrichtenmacher schneller vor Ort und unabhängiger von der vorgefundenen Infrastruktur.

Seit Mitte der 1990er werden die Aufnahmen digitalisiert, bevor sie über den Satelliten gesendet werden. Das spart Zeit und Übertragungskosten.

Die Entwicklung handlicher Geräte und die Digitalisierung haben weitreichende Folgen für die Gestaltung der Nachrichten. Die einzelnen Nachrichtensendungen zeigen eine größere Präsenz durch den Reporter vor Ort. Die Reporter können innerhalb kürzester Zeit ihre Bilder oder Beiträge in die Redaktionen schicken. Die Sender sind dadurch unabhängiger von dem Material der weltweit arbeitenden Nachrichtenagenturen und können eigene Themenschwerpunkte setzen.

Stand: 23.07.2018, 09:20

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