Eingebettete Journalisten

Krisenberichterstattung

Eingebettete Journalisten

Als amerikanische Flugzeuge am 21. März 2003 die ersten Bomben auf Bagdad warfen, konnten die Zuschauer vor dem Fernseher live dabei sein – in den USA zur besten Sendezeit. Es war der erste Krieg, der von den Medien so nah begleitet wurde. Rund um die Uhr berichteten Journalisten von vorderster Front. Damit dies möglich war, wurden sie militärischen Einheiten zugewiesen und in deren Operationen "eingebettet". Durch die "embedded journalists" waren spektakuläre Bilder aus dem Irak garantiert. Aber kann ein Reporter, der seinen Alltag über Wochen mit den Soldaten "seiner" Einheit teilt, noch mit Distanz über sie berichten?

Recherchieren unter Aufsicht

Das Militär hat selten Interesse daran, dass Journalisten kritisch berichten. Denn allzu viele kritische Berichte können das Militär den Rückhalt in der Heimat kosten. Während des Vietnamkrieges ab 1965 ermöglichte es die neue Satellitentechnologie erstmals, die Brutalität des Krieges Tag für Tag in Fernsehbildern einzufangen und in amerikanische Wohnzimmer zu bringen. Die Zuschauer in den USA sahen brennende Dörfer, Leichenberge und schwer verwundete Soldaten.

Später hieß es, der Vietnamkrieg sei an der "Heimatfront" verloren worden. Das Militär machte dafür auch die Journalisten verantwortlich und zog Konsequenzen: Während der Invasion in Grenada 1983 war die Anwesenheit von Journalisten generell verboten. Keine gute Lösung, wie sich bald herausstellte. Viele Berichte über das restriktive Militär fielen daraufhin ganz besonders negativ aus.

Die Nachtaufnahme zeigt das brennende Bagdad nach dem Abwurf der ersten Bomben 2003.

Bomben auf Bagdad

Im Golfkrieg ab 1990 wurde stattdessen das Pool-Prinzip entwickelt: Sorgfältig ausgewählte Fernsehteams und Reporter wurden vom Militär an ebenso sorgfältig ausgewählte Orte im Kampfgebiet gebracht, um dort unter Aufsicht zu drehen und zu recherchieren. Nach der Rückkehr hatten sie ihr Material mit den anderen Kollegen zu teilen. Unter den Journalisten war das Pool-Prinzip ausgesprochen unbeliebt. Zum einen war es streng reguliert und erlaubte kaum einen echten Einblick in das Kriegsgeschehen, zum anderen bot es keine Aussicht auf exklusive Geschichten.

Korruption durch Nähe?

Die "Einbettung" von Journalisten in einer militärischen Einheit bietet gegenüber dem Pool-Prinzip größeren Spielraum. Eingebettete Journalisten können einzelne Soldaten über einen längeren Zeitraum begleiten und Ereignissen damit ein Gesicht geben. Vor allem Fernsehjournalisten bietet sich so die Möglichkeit, spannender zu erzählen.

Fotograf mit Tarnanzug und Schutzhelm.

Kriegsbilder wie im Spielfilm

Die Bilder aus dem Irakkrieg 2003 waren für viele Zuschauer beeindruckend: Panzerduelle, Lkw-Trecks durch die Wüste, ferngesteuerte Waffen - Bilder wie im Spielfilm. Die größere Freiheit der Journalisten führte jedoch nicht dazu, dass kritischer berichtet worden wäre. Im Gegenteil: Zahlreiche US-Reporter identifizierten sich nach vielen Tagen mit der Einheit so stark mit den Soldaten, dass sie in ihren Berichten ständig von "uns" und "wir" sprachen.

PR fürs Militär

Für das US-Militär hatte die Einbettung zahlreicher Fernsehteams bei Truppen noch einen weiteren Vorteil: Die US-Armee konnte damit rechnen, dass die irakischen Militärs im Fernsehen ständig vorgeführt bekommen würden, mit was für einem technisch und personell übermächtigen Gegner sie konfrontiert waren. Journalisten so eng an die Truppen anzubinden, kann also durchaus als PR-Maßnahme des Militärs dienen.

In Deutschland wurde die Einbettung von Journalisten von Anfang an kritisch gesehen. Der Deutsche Journalistenverband wertetet die Umarmungsstrategie sogar als "Schlag gegen die Pressefreiheit". In anderen Ländern hingegen wurde das Prinzip oft nicht einmal diskutiert. Rund 600 Journalisten waren während des Irakkrieges mit militärischen Einheiten im Kampfgebiet unterwegs.

Zwischen den Fronten

Der Kommunikationswissenschaftler Thymian Bussemer schreibt in seinem Aufsatz "Medien als Kriegswaffe": "Die USA wollten durch das Embedding sicherstellen, dass die Journalisten aus den 'richtigen' Quellen schöpfen. Sie waren zwar bereit, mehr Informationen als früher zur Verfügung zu stellen, keinesfalls aber wollten sie ihre interpretative Hoheit über die Fakten aufgeben."

Das zeigt sich auch daran, dass die nicht eingebetteten Journalisten auf Pressekonferenzen über Ziele und Verlauf der Operationen ebenso im Dunklen gelassen wurden wie in früheren Kriegen. Sie wurden durch das amerikanische Militär bei der Berichterstattung teilweise sogar massiv behindert oder bedroht. Die unabhängigen Reporter sahen einen anderen Krieg als ihre eingebetteten Kollegen. Sie erlebten die amerikanischen Luftangriffe vom Boden aus und sahen somit nicht die wunderbaren Fortschritte der Waffentechnik, die ihren eingebetteten Kollegen vorgeführt wurden, sondern die Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Ein Kameramann mit einem Schild auf dem Rücken, das gegen die Ermordung von Journalisten protestiert.

Protest für freie Berichterstattung

Und sie waren selbst stark gefährdet. Einen Monat nach Kriegsbeginn starben sechs Journalisten an einem Tag - alle durch amerikanischen Beschuss: Ein Panzer griff das Journalistenhotel "Palestine" an, ein Raketenangriff zerstörte das Gebäude des arabischen Fernsehsenders Al Jazeera, und drei Journalisten wurden im Zentrum von Bagdad von amerikanischen Schüssen getroffen.

Aus einem Krieg zu berichten, ist lebensgefährlich. Journalisten, die versuchen, unabhängig und neutral zu berichten, geraten schnell zwischen die Fronten.

Autorin: Christine Buth

Stand: 26.08.2015, 06:00

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