Krisenberichterstattung

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Krisenberichterstattung

Wenn die Erde bebt, eine Hungersnot ausbricht, ein Diktator die Macht ergreift, ein Krieg geführt wird oder ein Atomkraftwerk explodiert, dann reisen sie an: die Krisenreporter. Unter ihnen sind junge und alte Abenteurer, erfahrene Korrespondenten und unvorbereitete Neulinge. Sie gefährden ihr Leben und ihre Gesundheit. Im März 2013 gerät der langjährige ARD-Korrespondent Jörg Armbruster in Syrien in einen Hinterhalt und wird lebensgefährlich verletzt.

Alltag im Ausnahmezustand

Es gibt Journalisten, die sich auf Katastrophen und Kriege spezialisiert haben und von einem Ausnahmezustand zum nächsten reisen. Viele sind jedoch nur Krisenberichterstatter auf Zeit: Korrespondenten, die regelmäßig aus dem Ausland berichten und natürlich auch dann arbeiten, wenn sich dort eine Krise entwickelt. Oder politische Journalisten, die nur für einen bestimmten Zeitraum eingesetzt werden.

Ob auf Zeit oder dauerhaft: Reporter, die sich in ein Krisengebiet begeben, wählen die gefährlichste Variante ihres Berufes. Manche reizt gerade das, während andere sich dafür entscheiden, weil sie dabei sein wollen, wenn Geschichte geschrieben wird. Viele verstehen es als ihren Aufgabe, den Betroffenen vor Ort eine Stimme zu geben, die weltweit zu hören ist.

Der Einsatz in einem Krisengebiet ist auch für erfahrene Journalisten eine große Herausforderung. Je näher der Reporter am Geschehen ist, desto wichtiger ist sein Bericht für die Medien, und desto schwieriger wird auch seine Arbeit. Einfachste Dinge werden fast unmöglich - ein Fahrzeug zu beschaffen, ein Telefongespräch zu führen oder einen Interviewpartner zu finden.

Ein Krisenberichterstatter muss auch dann die Nerven bewahren, wenn er Angst hat. Er muss sachlich berichten, auch wenn er emotional sehr berührt ist. Er muss großen Stress aushalten und oft mit wenig Schlaf auskommen. Denn während einer akuten Krise fordern die Radio- und Fernsehsender von ihm oft mehrere Berichte pro Tag.

Trotz Belastung und Gefahr gibt es viele Bewerber für solche Posten. Viele hoffen darauf, den schwierigen Einsatz als Karrieresprungbrett nutzen zu können. Denn Krisenzeiten sind Quotenzeiten. Wenige Nachrichtenmacher haben so viele Zuschauer wie solche, die von großen Katastrophen berichten.

Worte statt Waffen

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass Journalisten keine Waffen tragen. Sie sollen Beobachter sein, nicht Täter werden. Aber weder das noch deutlich sichtbare Presse-Kennzeichen auf Kleidung oder Fahrzeugen schützen vor Überfällen. Allein im Irak wurden bis zum September 2011 151 Journalisten getötet. Die Organisation "Committee to Protect Journalists", die sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, führt den Irak deshalb auf Platz 1 der "20 deadliest countries", der tödlichsten Länder.

Am sichersten sind Journalisten meist dann, wenn sie nicht als solche auffallen. In vielen Situationen ist das jedoch unmöglich. Ein dreiköpfiges Fernsehteam, das mit Kamera, Stativ und Mikrofon seiner Arbeit nachgeht, ist auch von weitem kaum zu übersehen. Um einen Hinterhalt zu vermeiden, verzichten manche Krisenreporter darauf, Termine auszumachen. Sie führen Interviews spontan, wechseln ihre Wohnorte und vermeiden feste Routen.

Fotograf mit Presse-Aufnäher auf dem Rücken hebt die Arme.

Journalisten werden häufig entführt

Trotzdem sind sie vor Geiselnahmen nicht sicher. "Versuche nicht daran zu glauben, wenn du mit dem Tod bedroht wirst, oder dir die Freilassung versprochen wird", rät das Handbuch der "Reporter ohne Grenzen" Journalisten, die in Krisengebieten entführt werden.

Journalisten werden oft als Geiseln genommen, da über entführte Reporter meist viel berichtet wird und immer wieder hohe Lösegelder gezahlt werden. Um das Risiko zu begrenzen, werden Reportern bei Kriegseinsätzen deshalb oft bestimmte Hotels zugewiesen, die das Militär bewacht. Dass auch ein Hotel zur Falle werden kann, erlebten 37 Journalisten im August 2011 in der libyschen Hauptstadt Tripolis. Bewaffnete Truppen des ehemaligen Machthabers Gaddafi hielten sie mehrere Tage lang in einem Fünf-Sterne-Hotel gefangen.

Arbeit im Team

Oft steht nur ein Name unter einem Zeitungsbericht, ist nur ein Gesicht im Beitrag aus einem Krisengebiet zu sehen. Meist gibt es jedoch vor Ort ein ganzes Team, das mit dem Reporter zusammenarbeitet: Eine Kamera-Crew, die ebenso großen Gefahren ausgesetzt ist wie der Reporter selbst; einen Übersetzer, von dessen Genauigkeit und Gewandtheit nicht nur die Qualität der Berichterstattung, sondern auch das Überleben des ganzen Teams abhängen kann; einen freiberuflichen Helfer, Stringer genannt, der meist Einheimischer ist und Informationen und Gesprächspartner genauso beschafft, wie ein Transportfahrzeug oder eine SIM-Karte.

Kommt es zu Zwischenfällen, sind diese einheimischen Helfer oft in weit größerer Gefahr als die Journalisten. Im August 2011 wurden vier italienische Reporter in Libyen entführt und später freigelassen. Ihr Fahrer wurde gleich bei der Geiselnahme erschossen. Während die meisten europäischen Journalisten irgendwann wieder abgezogen werden, bleiben die Stringer ungeschützt zurück.

Journalisten in Krisengebieten arbeiten selten allein. Es ist effektiver und sicherer, sich ständig mit Kollegen und Informanten über Reiseziele, benötigte Dokumente und die aktuelle Sicherheitslage auszutauschen.

Krisenzentrale in der Heimat

Ein Journalist in einem Krisengebiet ist ein Augenzeuge. Er kann Stimmungen einfangen, Emotionen wecken und unersetzliche Momentaufnahmen liefern. Während er das tut, kann er jedoch nicht gleichzeitig im Internet recherchieren, seine Lage mit jener seiner Kollegen in anderen Städten vergleichen und einen Flug buchen. Deshalb ist es sinnvoll, wenn es in seinem Heimatmedium eine Krisenzentrale gibt, die diese Aufgaben übernehmen kann.

Ein ARD-Reporter interviewt einen Haitianer.

Emotionen und Momentaufnahmen liefern

Das ZDF etwa hat einen Raum, in dem Mitarbeiter solch eine Krisenzentrale bei Bedarf einrichten können. Die Entscheidung dafür fiel nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001. Damals wurde offensichtlich, dass es sinnvoll wäre, in einer Ausnahmesituation einen Ort zu haben, an dem alle Fäden zusammenlaufen. Dort sitzen alle Redakteure und Produzenten zusammen, die sich mit der Berichterstattung über die Krise befassen. Ihre Aufgabe ist es, die vielen einzelnen Momentaufnahmen der Reporter zu einem Gesamtbild zu verdichten und die Journalisten vor Ort mit Informationen zu versorgen.

Mittlerweile hat der Raum, der die ZDF-Krisenzentrale beherbergt, Fenster. Den Namen aus den finsteren Anfangstagen trägt er allerdings immer noch: die Grotte. Und für jedes Großereignis kommt eine neue Bezeichnung hinzu, wie der stellvertretende Chefredakteur Elmar Theveßen erklärt: "Castel Gandolfo beim Papsttod, Strafraum bei der WM 2006, Auge des Sturms beim Hurrikan Katrina."

Regeln für Krisengebiete

Journalisten verstecken sich während einer Übung im Vorbereitungskurs der Bundeswehr hinter einer Mauer.

Bundeswehrtraining für Journalisten

Eigentlich gilt: Europäische Außenminister besuchen den Iran nicht – wegen der Menschenrechtsverletzungen unter Mahmud Ahmadinedschads Regime und wegen seiner wiederholten Hetzreden gegen Israel. Guido Westerwelle musste im Februar 2011 trotzdem nach Teheran fahren, dem iranischen Präsidenten die Hand schütteln und mit ihm für Fotos posieren. Das war die Bedingung dafür, dass er zwei deutsche Journalisten mit nach Hause nehmen durfte, die mehr als vier Monate im Gefängnis gesessen hatten.

Die "Bild am Sonntag"-Reporter hatten keine Akkreditierung für Journalisten bekommen und waren deshalb mit Touristenvisa in den Iran eingereist, wurden jedoch enttarnt. Waren die Reporter unverantwortlich leichtsinnig? Hätte der Springer-Verlag die Story überhaupt in Auftrag geben dürfen? Um zu verhindern, dass seine Journalisten und die deutsche Politik erneut in eine derartige Klemme geraten, hat der Springer-Verlag ein Regelwerk für Risikogebiete erarbeitet.

ARD und ZDF haben bereits seit längerem ein solches Regelwerk. Eine Vorschrift darin besagt, dass Reporter, die in Krisengebieten eingesetzt werden, einen Vorbereitungskurs absolvieren müssen, wie ihn zum Beispiel die Bundeswehr in Hammelburg anbietet. Dort lernen Journalisten, wie man sich unter Beschuss verhält, mit Geiselnehmern spricht und woran man eine Autobombe erkennt. Garantierten Schutz bietet so eine Vorbereitung natürlich nicht, aber sie kann Journalisten dabei helfen, das Risiko für sich und das eigene Team besser abzuschätzen.

Eine Vorbereitung auf das, was Reporter in den Krisengebieten auf erwartet, ist leider kaum möglich. Während des Einsatzes müssen die Journalisten ihre Emotionen so kontrollieren, dass sie arbeiten können.

Weiterführende Infos

Autorin: Christine Buth

Stand: 26.08.2015, 06:00

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