Whistleblower, des Mediums bester Freund

Wikileaks

Whistleblower, des Mediums bester Freund

Journalisten freuen sich über Exklusivmaterial. Es verspricht Aufmerksamkeit – und damit Auflage! Wer als Informant Geheimdokumente veröffentlichen will, ist oft auf die traditionellen Medien angewiesen. Das haben die Enthüllungen von Wikileaks und auch Edward Snowden gezeigt.

Beide profitieren: der Informant und das Medium

Ab 2006 veröffentlicht Wikileaks Geheimdokumente. Weltweites Aufsehen erregt das Enthüllungsportal jedoch erst ab 2010. Der Grund: Von da an arbeitet die Plattform eng mit klassischen Medien wie Tageszeitungen zusammen.

Verschiedene Zeitungen mit Wikileaks-Titelgeschichten.

Wikileaks schaffte es oft auf den Titel

Manche Medien haben zwar schon zuvor von den Enthüllungen berichtet - doch verschweigen die Journalisten in ihren Texten gerne die Quelle: Wikileaks.

Die Recherchen von Assange und seinen Mitstreitern geben sie so als ihre eigenen aus. Das ändert sich 2010. Julian Assange kontaktiert Journalisten des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, der britischen Zeitung The Guardian und der amerikanischen Zeitung The New York Times, um ihnen exklusives Material anzubieten: Dokumente des US-Militärs über den Afghanistan-Krieg.

"Mit unseren derzeitigen Aktionen bestimmen wir das Schicksal der internationalen Medien in den kommenden Jahren", sagte Assange. Die Abmachung sei eine "Win-Win-Situation", sagt Freitag-Herausgeber Jakob Augstein auf der Internetkonferenz re:publica von 2011.

Die Medien bekommen Material, auf das sie sonst keinen Zugriff hätten. Und Wikileaks steigert seine Bekanntheit, weil es immer als Quelle genannt wird. Das hilft der Plattform Spenden zu sammeln, auf die sie angewiesen ist.

Wikileaks alleine fehlt es an "Wumms"

Die Journalisten überprüfen die Dokumente auf ihre Echtheit. Die Wikileaks-Macher betonen immer wieder, sie würden nur authentisches Material auf ihrer Plattform veröffentlichen.

Julian Assange zeigt Ausgabe des "Guardian".

Wikileaks und die Medien: eine Win-Win-Situation?

An der Prüfung scheitert Wikileaks jedoch. Allein die Afghanistan-Protokolle bestehen aus 91.731 Dokumenten. Ein kleines Team von Freiwilligen kann das nicht stemmen.

Wikileaks alleine besitze nicht genug "Wumms", sagt Augstein. Dafür bräuchte es immer noch die etablierten Leitmedien. Und der Dortmunder Journalistik-Professor Horst Pöttker verweist auf die Fähigkeit der klassischen Medien: Informationen bündeln, gewichten und einordnen. "Whistleblowing ist kein Journalismus, solange es dort keine Selektion gibt", sagt Pöttker.

Der Pakt mit bestimmten Medien erzürnt

Auch für die Veröffentlichung der Irak-Protokolle des US-Militärs sowie der Botschaftsdepeschen arbeitet Assange eng mit verschiedenen Medien zusammen. Er gibt das Material an sie weiter, lange bevor es auf Wikileaks erscheint.

Mann hält "Spiegel"-Ausgabe hoch.

Wikileaks und Spiegel schließen einen Exklusivvertrag

Diese Praxis erzürnt die Medienvertreter, die keinen exklusiven Zugang zu den Informationen haben. Sie sehen in der Zusammenarbeit zwischen Wikileaks und dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel eine Behinderung der Informationsfreiheit - und legen Beschwerde beim Deutschen Presserat ein. Ohne Erfolg.

Auch manche Wikileaks-Mitglieder kritisieren die engen Kooperationen mit ausgewählten Medienpartnern. Die Plattform mache sie abhängig von den Verlagen.

Wikileaks-Aussteiger wie der Isländer Herbert Snorasson bemängeln, dass sich Wikileaks zu sehr darauf konzentriere, Schlagzeilen zu generieren. Die kleinen Themen gingen daher unter: "Meiner Meinung nach war es einer der größten Fehler von Wikileaks, darauf zu insistieren, immer als Quelle genannt zu werden."

Es sei nicht so wichtig, wer als Quelle genannt werde. "Es ist einfach nur wichtig, dass die Information ans Tageslicht kommt", sagt Snorasson 2010 in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit.

Edward Snowden und Wikileaks

Der frühere Geheimdienst-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden, der 2013 die NSA-Überwachungsaffäre auslöst, wählt nicht den Umweg über Wikileaks, sondern wendet sich mit seinen Geheimdokumenten direkt an einen Journalisten: an den Reporter Glenn Greenwald von der britischen Zeitung The Guardian.

Ehemaliger CIA-Computerexperte Edward Snowden.

Deckte die NSA-Affäre auf: Edward Snowden

Greenwald prüft das Material, gewichtet und erregt mit seinen Artikeln weltweit Aufsehen. Snowden habe sich nach der Enthüllung an Wikileaks gewandt, sagt die Wikileaks-Sprecherin Kristinn Hrafnsson Ende Juni 2013.

Darauf habe die Organisation ihm Rechtsbeistand geleistet und ihm geholfen, Asyl zu beantragen. Nach Angaben von Julian Assange habe Wikileaks Snowdens Flug von Hongkong nach Moskau bezahlt; mehrere Wikileaks-Mitarbeiter hätten ihn begleitet.

Warum aber geht Snowden mit seinen brisanten Dokumenten nicht zu Wikileaks? Befürchtet er Sicherheitslücken im angeschlagenen Wikileaks-Kosmos? Will er verhindern, dass sich der Fokus der Berichte nicht auf die Überwachungen, sondern auf die Person Julian Assanges richtet? Verzichtet er auf die Anonymität, weil er von Anfang an entschlossen ist, sich und seine Beweggründe zu offenbaren? Das ist bislang ungewiss.

Weiterführende Infos

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 28.10.2014, 12:00

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