Kriegsrecht in Polen

Wojciech Jaruzelski während einer Fernsehansprache

Polen

Kriegsrecht in Polen

Von Daniel Schneider

13. Dezember 1981: Panzer rollen durch die winterlichen Straßen Polens. Nach langen Streiks und Demonstrationen hat die kommunistische Regierung das Kriegsrecht beschlossen. Viele Menschen werden interniert, viele sterben, die Nahrungsmittel sind knapp. Eine schwere Zeit für die Bevölkerung.
Für die Beziehung zwischen den Nachbarländern Deutschland und Polen wird die Phase des Kriegsrechts jedoch zu einer Zeit der Versöhnung. Denn das westliche Nachbarland reagiert: Privat organisierte Hilfstransporte rollen über die Grenze, hochrangige deutsche Politiker werden zu Schmugglern und beide Völker rücken wieder enger zusammen.

Kriegszustände in Polen

Schon in den 1970er Jahren gibt es scharfe Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerung und der kommunistischen Regierung in Polen. Verantwortlich dafür ist die schlechte wirtschaftliche und soziale Lage des Landes. Die Läden bleiben leer, Lebensmittelkarten werden verteilt.

Besonders die Gewerkschaftsbewegung Solidarność kämpft Anfang der 1980er Jahre für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen. Immer mehr Menschen schließen sich an, wollen Freiheit und stellen Forderungen an die Regierung. Solidarność wird zur Volksbewegung.

Bemühungen, die Staatspartei zu entmachten, führen zum Staatsstreich: Im Oktober 1981 übernimmt Verteidigungsminister Wojciech Witold Jaruzelski die Macht und will mithilfe des Militärs für Ordnung sorgen. Jaruzelski ruft das Kriegsrecht aus.

Dass der Staat irgendwann so reagieren würde, war schon vorher abzusehen. Zu groß ist der Druck von außen. Vor allem die DDR und die Sowjetunion drängen auf ein Eingreifen in Polen. Die Streiks werden blutig beendet, in Kattowitz erschießt die Polizei neun Menschen.

Streikführer Lech Wałęsa wird unter Hausarrest gestellt, Ausgangssperren werden verhängt, Telefonleitungen gekappt und die Versammlungsfreiheit wird aufgehoben.

Mitten in diesen Ausnahmezustand kommt spontane Hilfe von eher unerwarteter, westlicher Seite. Deutschland zeigt "Solidarität mit Solidarność". Während die DDR-Regierung ihre Hilfe für Polen teilweise für Propagandazwecke nutzt, nimmt vor allem die westdeutsche Bevölkerung die Hilfsaktionen selbst in die Hand.

Neben Kirchen und Gewerkschaften engagieren sich Studenten, Ärzte, Gewerkschaftler, Journalisten und ganze Familien. Nahrungsmittel werden eingepackt, Millionen Hilfspakete verschickt oder mit dem Lkw selbst nach Polen gebracht.

Windeln, Medikamente und ein Zauberer

Mit vielen dieser Helfer hat die Journalistin Barbara Cöllen gesprochen. Die gebürtige Polin lebt seit 1984 in Deutschland und hat 1999 vom Europäischen Zentrum der Solidarność den Auftrag bekommen, die Menschen zu suchen, die damals geholfen haben.

Cöllen fand nicht nur die Helfer, sondern auch viele bewegende Geschichten: "Für einige war die Hilfe ihre Möglichkeit, sich mit Polen zu versöhnen. Sie wollten zeigen, dass es auch andere Deutsche gibt. Die Polenhilfe hat das Bild der Deutschen in Polen maßgeblich verändert, auch unter den vielen Menschen der Nachkriegsgeneration, die von Nazi-Deutschland als Untermenschen behandelt worden waren."

Die deutschen Helfer suchen den persönlichen Kontakt, die Nähe und das Gespräch mit den Polen. Kinderärztin Krystyna Graef reagiert zum Beispiel auf die Hilferufe polnischer Kollegen und bringt Medikamente, Windeln und Babynahrung nach Polen.

Walter Matt, ein Kriminalkommissar, steuert selbst mehr als 40 Lkw-Ladungen nach Polen und sorgt dafür, dass ein Zauberkünstler die polnischen Kinder unterhält. Auch Druckmaschinen und Technik für "Radio Solidarność" gelangen über die Grenze und ermöglichen die Kommunikation der Polen untereinander.

Die Regierung der BRD verhält sich eher zurückhaltend. Aus gutem Grund, wie der spätere Staatspräsident Lech Wałęsa in einem Interview sagt: "Hätten uns die Deutschen allzu offen unterstützt, hätte das die Sowjets provozieren können und das hätte uns eher geschadet. Hätten sie uns weniger unterstützt, dann hätte sich Russland ermuntert fühlen können, uns schnell zu liquidieren. Und so haben sich die Deutschen beinahe ideal verhalten."

Walter Matt mit Plakat

Walter Matt hat 40 Hilfstransporte organisiert

Schmuggelnde Politiker und dankbare Helfer

Kompromisslose Unterstützung für die polnische Menschenrechtsbewegung gibt es von Norbert Blüm, der ab Oktober 1982 Bundesarbeitsminister ist. Bereits vor der Zeit des Kriegsrechts eckt Blüm mit seiner Solidarität für die polnische Gewerkschaft an. Er schmuggelt beispielsweise einen VW-Bus für Solidarność nach Danzig und zeigt sich öffentlich und freundschaftlich mit Lech Wałęsa.

Auch nach Aufhebung des Kriegsrechts am 22. Juli 1983 und bis zur ersten demokratischen Regierungsbildung 1989 setzt sich Blüm für die Menschenrechte in Polen ein. Sein Kollege Christian Schwarz-Schilling, ab 1982 Bundesminister für Post- und Fernmeldewesen, erwirkt in der Zeit des Kriegsrechts mehrfach eine Gebührenbefreiung für Pakete nach Polen. 1991 gibt er mit der polnischen Post die erste deutsch-polnische Briefmarke heraus.

Barbara Cöllen hat viele dieser Geschichten gesammelt und 2011 im Buch "Polenhilfe – Als Schmuggler für Polen unterwegs" zusammengefasst: "Dieses Buch ist als Anfang einer großen Serie der Überlieferung gedacht", sagt die Journalistin.

"Davor haben Kirche und Politiker die Fundamente der deutsch-polnischen Beziehungen aufgebaut. Hier hingegen war es in erster Linie die Gesellschaft, die selbstlos und spontan geholfen hat. Es gilt, diese Erinnerungen zu retten." Ebenfalls 2011 bekommen 46 Helferinnen und Helfer eine Dankbarkeitsmedaille vom Europäischen Zentrum der Solidarność.

Norbert Blüm in einer Bonner Ausstellung zu Solidarność. rechts daneben: Alexander Zajac (Leiter der ASG-Arbeitsgruppe Eschweiler-Aachen)

Norbert Blüm engagierte sich für Solidarność

Ehemaliger Kurier gesucht

Doch damit ist die Suche noch nicht abgeschlossen: Der britische Fotograf Chris Niedenthal arbeitet zur Zeit des Kriegrechts in Polen für das amerikanische Wochenmagazin "Newsweek". Sein wohl berühmtestes Foto entsteht im Dezember 1981. Es zeigt Soldaten und Panzer vor einem Warschauer Kino. Auf der Anzeigetafel wird der Film "Apocalypse Now" beworben.

Aber wie kommt der Film des Fotografen von Warschau in die USA? Flüge werden abgesagt, eine Kontaktaufnahme mit der Redaktion ist unmöglich und der Redaktionsschluss rückt immer näher. Ausreisen kommt nicht in Frage, denn eine Rückkehr nach Polen wäre wegen des Kriegsrechts unmöglich.

Kurz vor der Sperrstunde bittet Niedenthal voller Verzweiflung einen deutschen Studenten am Warschauer Bahnhof, seinen Film mitzunehmen und an die deutsche Redaktion der "Newsweek" in Bonn zu senden. Der Student willigt ein.

Erst später wird Niedenthal bewusst, wie riskant diese Aktion eigentlich ist. Doch der Student enttäuscht ihn nicht. Das Foto erscheint pünktlich und zeigt der Welt, was in Polen passiert. Chris Niedenthal möchte sich gerne persönlich bei dem Studenten bedanken. Doch bisher sucht er ihn vergeblich.

Vielleicht ist die Hilfe für den Studentenkurier eine Selbstverständlichkeit gewesen. Das hat Barbara Cöllen zumindest bei vielen anderen Helfern festgestellt: "Obwohl sie viele Schikanen ertragen mussten, ihre Freizeit geopfert haben und ihre Familien darunter gelitten haben, waren sie sehr verwundert, als wir ihnen die Dankbarkeitsmedaille überreicht haben. Sie hatten Tränen in den Augen und sprechen davon, wie sie durch die Möglichkeit der Hilfe beschenkt worden sind."

Solche Reaktionen festigen die Nachbarschaft auch 30 Jahre später und auch deshalb geht die Suche nach Geschichten und Gesichtern dieser Zeit immer weiter.

Fotograf Chris Niedenthal mit seinem Foto "Apocalypse Now"

Chris Niedenthal sucht den Kurier des Fotos

Stand: 16.07.2018, 09:39

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