Slowakei

Bratislava bei Nacht

Mitteleuropa

Slowakei

Die Hauptstadt Bratislava liegt nur 60 Kilometer östlich von Wien. 1000 Jahre lang, bis zum Ersten Weltkrieg, gehörte das Gebiet der Slowakei zum ungarischen Königreich. 1946 machten die Kommunisten die neu gegründete Tschechoslowakei zu einem Vasallenstaat der Sowjetunion. Seit deren Zerfall orientieren sich die Slowaken wieder nach Westen. Planet Wissen zeigt eine Momentaufnahme der Slowakei kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union EU im Mai 2004.

Auf dem Weg zur Selbstbestimmung

Unterwegs von Prag nach Budapest oder Wien verbringen immer mehr Reisende einen Tag in der gemütlichen Altstadt von Bratislava, früher Preßburg. Wegen der günstigen geografischen Lage an der Donau ist das Stadtgebiet bereits seit der Jungsteinzeit dauerhaft besiedelt.

Verschiedene Epochen vom Mittelalter bis zur Moderne lassen sich an den Bauwerken der Stadt ablesen. Die Hauptstadt der Slowakei mit heute knapp 450.000 Einwohnern war früher praktisch ein Vorort von Wien, so ließ sich zum Beispiel die österreichische Monarchin Maria Theresia 1741 im Martinsdom von Bratislava krönen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Slowakei unter dem Einfluss von Österreich-Ungarn.

1918 wurde dann die unabhängige Republik Tschechoslowakei gegründet, doch nur 20 Jahre später bestimmten die Westmächte im Münchner Abkommen ihre Auflösung. Hitler zwang den slowakischen Priester und Premierminister Jozef Tiso, die Slowakei unter dem Schutz der Nationalsozialisten für unabhängig zu erklären.

In der Folgezeit kam es zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit. Ein nationaler Aufstand gegen die im Land stationierte Wehrmacht wurde 1944 brutal niedergeschlagen. Nach 1946, als die kommunistische Partei die Macht übernommen hatte, wurde die deutsche Bevölkerung vertrieben.

Trotz ihrer historisch schlechten Erfahrungen mit den Westmächten, haben sich die Slowaken seit der Unabhängigkeit 1992 um den Beitritt zur Europäischen Union bemüht. Nach der Ablösung der Koalition von Vladimír Mečiar, einem autoritären, nationalistischen Politiker, durch Ministerpräsident Mikláš Dzurinda im Jahre 1998 hat die Slowakei die Aufnahmekriterien in rasanter Geschwindigkeit erfüllt.

Für die Bevölkerung war und ist das ein Dauerstress mit galoppierenden Preisen bei einem relativ niedrigen Durchschnittseinkommen und noch immer hohen Arbeitslosenzahlen im Vergleich zu den anderen EU-Mitgliedsstaaten. Die Beitrittsverhandlungen begannen am 15. Februar 2000, bereits vier Jahre später wurde die Slowakische Republik feierlich in die Europäische Union aufgenommen. Nur wenige Monate vorher war auch der Beitritt zur NATO realisiert worden.

Privatisierung und ausländische Investoren

Inzwischen sind fast alle staatlichen Betriebe privatisiert worden und an vielen sind jetzt ausländische Unternehmen beteiligt. Die Banken haben die Österreicher und Italiener übernommen, Deutsche sind in der Versicherungs- und in der Kommunikationsbranche engagiert.

Die slowakische Regierung hat 51 Prozent der "Slowak Telecom" im Jahr 2000 an die Deutsche Telecom verkauft. Die verspricht sich einen schnell wachsenden Markt, der durch den Beitritt zur EU für Investoren immer attraktiver wird. Für die Telecom sind die niedrigen Löhne und der hohe Bildungsgrad der Arbeitskräfte von großem wirtschaftlichen Interesse.

Mehrere Arbeiter montieren in einer großen Halle Autoteile an eine Karosserie.

VW-Werk in Bratislava

Immer mehr Arbeitsplätze werden aus Westeuropa in den Osten verlegt. Seit 1994 produziert zum Beispiel Volkswagen vor den Toren von Bratislava. Mehrere tausend Mitarbeiter fertigen in riesigen Hallen die Karosserien verschiedener Volkswagen-, Seat-, Audi- und Skodamodelle. Sie sind hauptsächlich für den Export bestimmt und bringen Milliardenbeträge an Umsatz.

Viele Zulieferbetriebe haben sich zudem in der Nähe angesiedelt. Wirtschaftlich gibt es in der Slowakei ein deutliches West-Ost-Gefälle. Die Investitionen in der Mittel- und Ostslowakei sind deutlich geringer, was zu einem Großteil auf die geografische Lage und die schlechteren Anbindungen zurückzuführen ist.

Auch die Medienbranche hat unter der fortschreitenden Privatisierung zu leiden. "In diesem aufgeplusterten Propagandaapparat arbeiteten 4000 Leute nach der Wende. Viele wussten nicht einmal wo ihr Arbeitsplatz war. Sie waren nur aus Prestigegründen angestellt," erzählt Peter Zeman, damals Direktor des Slowakischen Fernsehens.

Die Hälfte wurde entlassen, als der Sender eine öffentlich-rechtliche Struktur erhielt. In der Regierungszeit von Vladimír Mečiar (1992-1998) wurde er weiter als Sprachrohr der Regierung genutzt. Der Sender verlor an Ansehen, die Finanzen stimmten nicht mehr, und er musste sich gegen die Konkurrenz privater Kanäle wehren.

Im Jahr 2003 sah sich die Leitung gezwungen, alle laufenden Produktionen einzustellen und noch einmal die Hälfte der Belegschaft zu entlassen. Als Freie sollten die Besten weiter beschäftigt werden, hieß es. Viele wurden aber arbeitslos.

2011 fusionierten das Slowakische Fernsehen und der Slowakische Rundfunk zu einer Anstalt, was weitere Kostensenken sollte. Nach wie vor befindet sich jedoch der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer anhaltenden finanziellen Krise.

Autoren: Andrea Reischies/Tobias Aufmkolk

Stand: 24.08.2016, 15:28

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