Musiktheorie leicht gemacht

Walter Freter und seine Band "Juke and the Blue Joint" auf der Bühne.

Blues

Musiktheorie leicht gemacht

Der Blues fasziniert Musikbegeisterte schon ein knappes Jahrhundert. Ganze Bücherregale können mit der Musiktheorie zum Blues gefüllt werden. Was Sie wissen müssen, um Blues selbst spielen zu können? Der deutsche Bluesmusiker Walter Freter hilft.


Das Scheinwerferlicht scheint ihm in den Nacken. Sein Gesicht liegt im Halbdunkel, Walter Freter beugt sich zur Gitarre in seinen Händen. Gleich kommt sein Solo, eine Improvisation soll es sein. Die Melodie entsteht im Kopf, die Finger müssen nur noch nachspielen, was in der Vorstellung schon existiert.

Walter Freter, 54 Jahre alt, liebt den Blues. Das Gitarrespielen und das Handwerk der Improvisation, ein wesentliches Element der Bluesmusik, lernt Freter mit 16 Jahren.

Heute ist seine Leidenschaft für die ursprünglich amerikanische Musikrichtung noch größer. Er hat ein eigenes Bluesradio im Internet und verdient seinen Lebensunterhalt als Gitarrenlehrer. Das reicht ihm noch nicht: In zwei Bluesbands lebt er seine Begeisterung auch nach dem Feierabend aus.

Erst intensives Training formt einen guten Musiker, sagt Freter: "Durch jahrelanges Üben und Ausprobieren gehen die richtigen Griffe in Fleisch und Blut über, der Kopf hört auf zu denken und die Hände führen aus was die Phantasie vorgibt".

Vom Rock zum Blues

Schnell findet Freter sein erstes Idol: den Gitarristen Peter Frampton. "Die Schallplatte 'Frampton Comes Alive' veränderte eigentlich alles", erinnert sich Freter. 1976 nahm Peter Frampton diese Platte, eine Mischung aus Rock und Pop, auf und gewann sechsmal Platin damit.

Vor seiner Solokarriere spielte Frampton unter anderem in der Bluesrockband "Humble Pie", die nach wie vor eine der einflussreichsten Bluesbands ist. Über einen Umweg kommt Freter also zur Bluesmusik. Nach und nach entdeckt er dann die Klassiker: Besonders die Blueslegende Muddy Waters wird zu einem seiner Vorbilder.

"Bluesmusik war und ist keine Mainstream Musik, man hört sie nicht im Radio und zu Beginn wollte ich mich von meinen Altersgenossen abheben. Alle hörten Glam Rock, etwa die Band 'Slade', ich war der einzige Bluesbegeisterte".

Nacheinander stehen die Musiker: Robin Gibb, Peter Frampton, Maurice Gibb, und Barry Gibb.

Peter Frampton (Mitte links) beim Filmdreh zu "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band"

Eine kleine Musiktheorie

Bluesmusik zu spielen, bringt sich Walter "Mojo" Freter, so sein Künstlername, selbst bei, auch die notwendige Musiktheorie lernt er ohne Hilfe.

Der Musiker beschreibt seine Erfahrungen so: "In unserer Gegend gab es niemanden, der mir auch nur irgendetwas auf der Bluesgitarre zeigen konnte und so musste ich mir alles, Note für Note, selber erarbeiten. Aber das war eine gute Schule", sagt Freter, der aus der Kleinstadt Betzdorf bei Siegen stammt.

Um dem Blues auf seinen theoretischen Spuren zu folgen, muss zu aller erst der Unterschied zwischen Dur und Moll geklärt werden, der essenziell für den Blues ist.

Moll und Dur sind für den aufmerksamen Zuhörer leicht zu unterscheiden. Während Dur klar und hell klingt, erzeugt der Moll-Klang eher ein trauriges Gefühl. Was nicht bedeutet, dass es keine fröhlichen Lieder in Moll gibt, jedoch klingt dasselbe Lied in Dur fröhlicher als in Moll.

In der Musiktheorie unterscheiden sich Dur- und Moll-Tonleitern durch die Abstände, die zwischen den einzelnen Tönen liegen. Dur-Tonleitern haben jeweils zwischen dem dritten und vierten und dem siebten und achten Ton einen Halbtonschritt.

Der Blick auf eine Klaviertastatur kann dies verdeutlichen: Zwischen e und f, und h und c liegt keine schwarze Taste, damit ist der Abstand nur halb so groß wie etwa zwischen c und d.

Dieses Schema kann auf jeden Ton angewendet werden. Es ist also egal mit welchem Ton begonnen wird, die Abstände bleiben die gleichen. Bei Moll-Tonleitern sind die Halbtonschritte verschoben, sie liegen zwischen dem zweiten und dritten sowie sechsten und siebten Ton.

Eine Klaviertastatur.

Auf der Klaviertastatur werden die Tonabstände sichtbar

Jede Dur-Tonleiter hat eine parallele Moll-Tonleiter, die die gleichen Vorzeichen hat, also Kreuze (#) oder Bes (b), welche zu Beginn einer Notenzeile stehen und die Tonart angeben. Gegebenfalls stehen sie vor einen Ton geschrieben und erhören beziehungsweise setzen ihn einen Halbton herab.

Sich mit der Musiktheorie auseinander zu setzen ist besonders für den Blues wichtig, sagt Freter: "Die Improvisation ist ein wichtiger Bestandteil von Blues-Songs. Die Melodie, die der Musiker im Kopf hat muss auf die Finger übertragen werden. Das erreicht er nur, wenn er weiß, in welchen Harmonien er sich bewegen darf."

Freter empfiehlt seinen Schülern viel Bluesmusik zu hören und sich auszuprobieren, dann kommt das Improvisieren von allein.

Blue Notes

Der Blues lebt von der Traurigkeit der Moll-Klänge. Dies spiegelt sich im Aufbau der Bluestonleitern wieder: Die klassische Bluestonleiter baut sich aus einer Pentatonik in Moll (pénte ist griechisch für fünf) und einer Blue Note auf. Eine Pentatonik ist eine Tonleiter, die aus fünf Tönen besteht und die sich aus einer Molltonleiter leicht zusammensetzen lässt.

Etwa die a-Moll Pentatonik: Diese ist wie die a-Moll-Tonleiter aufgebaut mit dem Unterschied, dass der zweite und sechste Ton weggelassen werden. Während die a-Moll-Tonleiter aus ahcdefg besteht, setzt sich die a-Moll-Pentatonik aus acdeg zusammen.

Um den Blues-Sound zu vervollständigen, lassen Musiker die bereits erwähnten Blue Notes in ihr Spiel einfließen. Die Blue Notes sind drei für den Blues charakteristische Töne, die in die Bluestonleiter eingeschoben werden um Spannung zu erzeugen. Dadurch entsteht ein ganz spezieller Sound.

Ursprünglich wurde der Blues von Sklaven in Amerika gesungen. Die Blue Notes gehen auf afrikanische Gesänge zurück.

Hören Sie den Unterschied? 00:40 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Feeling Blue(s)

Der Ausdruck "feeling blue" – zu Deutsch: traurig sein oder einen Weltschmerz empfinden – gibt der Musikrichtung ihren Namen. Mit Bluesmusik kann ein Musiker seinen Gefühlszustand ausdrücken. Aus diesem Grund fühlt man den Blues eher, als das man ihn spielt.

Bluesmusik ist für Freter jedoch nicht immer traurig, ganz im Gegenteil verbindet er viele positive Erlebnisse mit seiner Leidenschaft. Das beeindruckendste Bluesgefühl hatte Freter 1994, als er in der Vorband von Blueslegende B.B. King spielen durfte.

"B.B. King war auf Deutschland-Tournee und hatte einen freien Tag. Er wollte aber keine Pause machen und kam spontan nach Siegen, um einen Gig zu spielen. Ich und meine Band 'Juke and The Blue Joint' wurden als Vorband gebucht.

Nach dem Auftritt", erzählt Freter "konnten wir mit B.B.King in der Umkleidekabine reden und er sagte, unsere Musik habe ihn bewegt. Das war ein großartiges Gefühl."

B.B. King bei einem Auftritt auf der Bühne.

B.B. King an der Gitarre

Blues-Instrumente

Für den Blues ist die Gitarre typisch. Die Saiten des Instruments ermöglichen es dem Musiker, die Töne zu "ziehen", das heißt sie höher oder tiefer klingen zu lassen. Damit erreichen Gitarristen Zwischentöne, die sonst nur im Gesang möglich wären. Auch die Mundharmonika ist ein beliebtes Bluesinstrument. Sie kann, genau wie die Gitarre, ein riesiges Klangspektrum kreieren.

Die Gitarre spielte nicht immer eine große Rolle in der Bluesmusik. Sie musste erst das Banjo in den 1920ern ablösen und sich gegen das Klavier durchsetzen, welches heute auf den Bluesbühnen selten zu sehen ist.

Der Blues hat sich über die Jahrzehnte verändert und mit ihm andere Musikrichtungen beeinflusst. "Egal was man heute hört. Alles ist irgendwie vom Blues beeinflusst", sagt Freter.

Der Blues hat alle populären Musikrichtungen beeinflusst wie Jazz, Rock, Rap, Heavy Metal und R&B. "Meine Gitarrenschüler wissen oft nicht, dass ihre Gitarrenidole wie Jimmy Page von Led Zeppelin oder Angus Young von AC/DC eigentlich vom Blues kommen."

Autorin: Chahrazed Yahya

Stand: 24.08.2017, 09:18

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