Singen auf Deutsch: Ein Lied auf uns?

Junge Band mit Instrumenten.

Musikindustrie

Singen auf Deutsch: Ein Lied auf uns?

Von Ingo Neumayer

Wer deutsch singt, ist peinlich, uncool und ewiggestrig. Dieses Urteil hielt sich lange in der Musikwelt Deutschlands. Doch inzwischen gelten andere Regeln – zumindest im Pop. Zur Volksmusik haben viele Deutsche zwar immer noch ein gespaltenes Verhältnis. Aber selbst das scheint sich allmählich zu ändern.

Wer deutsch sang, wurde belächelt

"Über Sex kann man nur auf Englisch singen. Allzu leicht kann's im Deutschen peinlich klingen."

Diese Zeilen, 1994 von der Hamburger Band Tocotronic gesungen, galten jahrzehntelang als Credo für junge deutsche Pop- und Rockfans. Und zwar nicht nur auf Sex bezogen, sondern ganz allgemein.

Wer deutsch sang, war uncool. Das dachten die meisten jungen Deutschen über viele Jahre – und zwar seit Beginn der Pop-Ära in den 1950ern.

Damals eroberten Elvis Presley, die Beatles und die Rolling Stones mit ihrer Musik international die Herzen der Fans. Die Stars kamen fast immer aus England und den USA – und sangen auf Englisch. Sänger wie Peter Kraus oder Ted Herold, die zwar Rock spielten, aber auf Deutsch sangen, wurden von vielen Musikfans in Deutschland belächelt. Für sie war das kein Rock, das war Schlager!

Anti-Haltung gegenüber dem Staat, Autorität und Sprache

Durch das Aufkommen der Studentenbewegung Ende der 1960er verschärfte sich die Situation: Die Jüngeren warfen den Älteren vor, die Naziverbrechen nicht aufgearbeitet zu haben. Die Ewiggestrigen würden die Politik und die Wirtschaft beherrschen.

Viele Jugendliche entwickelten eine Anti-Haltung gegenüber dem Staat und den Obrigkeiten – und auch gegenüber der Sprache, die diese sprachen: Deutsch. Wer deutsch sang, galt als reaktionär.

Englisch – das war die Sprache des Pop. Und die meisten Bands aus Deutschland hielten sich in den folgenden Jahren an dieses ungeschriebene Gesetz. Ob Hardrocker wie die Scorpions, Avantgardisten wie Can oder Disco-Popper wie Modern Talking: Statt sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken, griffen die Musiker lieber zum Englisch-Wörterbuch, wenn sie ihre Songs schrieben.

Hardrock-Band Scorpions.

Sie sprechen kaum Englisch, was sie aber nicht vom Singen abhält: die Scorpions

Deutsch als Pop-Sprache inzwischen etabliert

Auf Deutsch zu singen – auf die Idee kamen erst zu Beginn der 1980er Jahre wieder mehr Popbands. Bands wie Fehlfarben oder Ideal fanden ein großes Publikum. Sie ebneten mit ihrer Musik, die deutlich vom Punk und New Wave beeinflusst war, den Weg für die Neue Deutsche Welle (NDW).

Deren Texte waren zwar oft eher albern, sorgten aber unter den Zuhörern, Medien und Plattenfirmen für ein Umdenken: Pop und Rock auf Deutsch war kein Tabu mehr.

Ab Mitte der 1990er war schließlich alles möglich: Von Hip-Hop bis Heavy Metal, von Soul bis Punk, von Indierock bis Reggae – in nahezu allen Genres sangen die Interpreten nun auch in ihrer Muttersprache, auf Deutsch.

Und das mit Erfolg: Von den 25 erfolgreichsten Alben in Deutschland kamen zum Beispiel im Jahr 2014 auch tatsächlich 17 aus Deutschland, darunter die Alben von Helene Fischer, Cro, Unheilig, Revolverheld, Kollegah und Herbert Grönemeyer.

Neue-Deutsche-Welle-Sänger Markus.

Er gab Gas, er wollte Spaß: NDW-Star Markus

Wechsel vom Englischen ins Deutsche

"Element of Crime", die Band des Romanautoren Sven Regener, sang vier Alben lang auf Englisch, bis sie ins Deutsche wechselte. Sarah Connor brachte 2015 ihr erstes Album auf Deutsch heraus mit dem Titel "Muttersprache". Und auch die Donots, eine der erfolgreichsten deutschen Punkrock-Bands, veröffentlichten nach 21 Jahren im Geschäft ihr erstes Album auf Deutsch: "Karacho".

Der Grund? Der Wille zur Veränderung, sagt Donots-Sänger Ingo Knollmann: "Die deutsche Sprache hat eine Menge Potenzial. Sie klingt zwar hart und fließt nicht so schön wie Englisch, aber man kann mit ihr viel mehr Inhalt vermitteln."

Dass die Donots zwei Jahrzehnte lang auf Englisch sangen, hatte viel mit ihrer Musiksozialisation zu tun: "Wir waren am Anfang sehr von englischen und amerikanischen Bands beeinflusst, deutsche Vorbilder gab es da kaum."

Andererseits sei auch Respekt vor der Muttersprache vorhanden gewesen. Denn mit englischen Texten könne man sich viel mehr erlauben, sagt Knollmann. "Mit ein bisschen Übung kann man problemlos einen Text fast schon wie einen Flickenteppich zusammenbauen."

Das klinge gut, lasse sich gut mitsingen, habe aber manchmal nicht die allergrößte Substanz, sagt der Musiker. Im Deutschen hingegen müsse man viel klarer und direkter sein, auf Floskeln und Füllsel verzichten. "Ansonsten landet man sehr schnell beim Schlager oder in der Belanglosigkeit."

In der Muttersprache: Besser Stellung beziehen

Wenn er auf Deutsch schreibt, braucht Knollmann länger. Auf Englisch ging das schneller. "Ich drehe einfach jedes Wort tausendmal um, bis es sitzt. Keinen Holzhammer verwenden und nicht trivial werden. Das sind die Kriterien."

Direkter, engagierter und politischer als zuvor sind die Donots, seitdem sie auf Deutsch singen. Auch das sei ein Ergebnis des Sprachwechsels, sagt Knollmann.

"Die Sprache erfordert, Stellung zu beziehen, das Maul aufzumachen. Vor allem in Zeiten wie diesen will ich nicht die dreieinhalb Minuten, die man uns zuhört, mit irgendwelchem Quatsch à la 'Werft eure Hände in die Höhe, ich will euch alle tanzen sehen' verschwenden."

Ihr Erfolg gibt den Donots Recht: "Karacho" landete auf Platz 5 in den Charts, mit dem Song "Dann ohne mich", der sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus wendet, erreichte die Band den zweiten Platz beim "Bundesvision Song Contest".

Donots-Sänger Ingo Knollmann.

Auf Deutsch geht’s direkter: Donots-Sänger Knollmann

Der Pop hat kaum Berührungspunkte mit der Volksmusik

In den USA ist es für viele Musiker selbstverständlich, sich auf traditionelle Musikrichtungen wie Country, Bluegrass oder Gospel zu berufen. Auch Bands aus England wie Mumford & Sons oder Frank Turner & The Sleeping Souls verwenden Elemente der englischen Folk-Musik.

Die deutsche Pop- und Rockmusik hingegen ist nahezu völlig von der traditionellen Volksmusik entkoppelt. Die Amerikaner und Briten interpretieren ihre Volkslieder immer wieder neu, darunter Lieder wie "Greensleeves" oder "House Of The Rising Sun".

Dass die Interpreten in Deutschland Lieder wie "Am Brunnen vor dem Tore" oder "Kein schöner Land" singen, ist hingegen noch immer fast undenkbar.

Die Folgen der NS-Zeit

Viele Deutsche haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Volksmusik. Der Grund: Unter Hitler beanspruchten die Nationalsozialisten das deutsche Liedgut für sich. "Schon der Begriff Heimat war zum Beispiel in der 68er-Generation durchaus umstritten. Dem ganzen Genre Volksmusik haftete etwas Reaktionäres an", sagt Arne Birkenstock, Autor und Regisseur des Dokumentarfilms "Sound of Heimat – Deutschland singt".

In der Nazizeit sei nicht nur das entspannte Verhältnis zur Volksmusik verloren gegangen, sagt Birkenstock. "Es wurde zudem eine ganze Generation von Textern, Komponisten und Musikern ins Exil getrieben oder ermordet, die in der Weimarer Zeit zuvor Gassenhauer – intelligente und humorvolle Unterhaltungsmusik – geschaffen hat."

NS-Jugendverbände beim Singen.

Seit der NS-Zeit gilt Volksmusik für viele als reaktionär

Regional statt national

Die Experten tun sich schwer mit der Idee einer Volksmusik, die von einem ganzen Land gepflegt wird. "Volksmusik ist viel stärker vom lokalen Milieu geprägt als von irgendwelchen nationalen Gedanken", sagt Ulrich Morgenstern vom Wiener Institut für Volksmusikforschung.

Auch Birkenstock verweist auf die starke regionale Musikkultur in Deutschland: "Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde nationaler Patriotismus vielerorts durch Regionalpatriotismus abgelöst, etwa in Süddeutschland oder in Köln", sagt der Musikwissenschaftler.

Es gibt durchaus auch junge Menschen, die authentische Volksmusik hören und spielen. Allerdings finden sich diese in der Regel nicht in der Hitparade. Bands wie La Brass Banda, De Höhner oder Bläck Fööss sind da die Ausnahme.

Moderne Volksmusikband La Brass Banda

Verbinden Tradition und Moderne: La Brass Banda

Stand: 04.07.2017, 11:54

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