Der virtuelle Wandel – Wie die Musik ihren "Körper" verlor

Computertastatur, auf der eine CD und zwei Musiknoten abgebildet sind.

Musikindustrie

Der virtuelle Wandel – Wie die Musik ihren "Körper" verlor

Mit digitaler Musik im MP3-Format erlebte das Musikgeschäft seine jüngste Revolution. Die Technik komprimiert Audiodaten fast ohne wahrnehmbaren Qualitätsverlust.

Darum geht's:

  • MP3-Dateien "befreien" Musik von einem physischen Tonträger.
  • Illegale Tauschbörsen gaben den Anstoß.
  • Die Musikindustrie tat sich lange Zeit schwer.
  • Heute haben Download-Angebote einen großen Anteil.
  • Das Online-Geschäft bietet Vorteile für junge Künstler.

Befreiung oder Beschneidung?

MP3-Dateien benötigen kaum Speicherplatz, können bequem über das Internet verschickt und in großer Zahl auf dem Computer gespeichert werden. Musik als MP3-Datei und die dazugehörigen Abspielgeräte im Taschenformat, die MP3-Player, lösten somit den Musiktitel von seinem realen, physischen Tonträger.

Diesen Verlust des "Körpers" kann man als Befreiung oder als Beschneidung sehen: Das Cover, die künstlerische Verpackung der LP oder CD ist Teil des Gesamtkunstwerkes, sagen die einen und haben an einer Datei nur den halben Spaß.

Musik ist primär zum Anhören da, so die anderen. Sie genießen die Möglichkeit, eine Auswahl von mehreren tausend Titeln immer und überall auf ihrem MP3-Player oder auf dem Smartphone griffbereit dabei zu haben.

Revolution von unten

Der virtuelle Umsturz wurde nicht von der Musikindustrie eingeleitet. Im Internet entstanden die ersten – illegalen – Tauschbörsen für Musik, in denen jeder auf einen weltweiten Pool von Titeln Zugriff hatte und sie auf seinen Computer laden konnte. Die selbstgebrannte CD machte der gekauften Konkurrenz.

Dies bescherte der Industrie erhebliche Umsatzeinbrüche. Warum soll man die Musik noch kaufen, wenn man sie auch umsonst über das Internet haben kann?

Die Industrie reagierte mit einem Gegenangriff: Langwierige Gerichtsverfahren gegen Musiktauschbörsen zwangen diese in die Knie – 2001 wurde etwa Napster als kostenlose Plattform geschlossen. Nutzer von Online-Tauschbörsen wurden im großen Stil abgemahnt und horrende Summen als Schadensersatz verlangt.

Die Musikindustrie entwickelt sich

Lange tat sich die Musikindustrie schwer, die neue Technik für sich zu nutzen. Für einen erfolgreichen kontrollierten Online-Vertrieb benötigte sie zunächst ein praktikables System.

Heute kann man beim Internetkaufhaus Amazon etwa statt der CD gleich die MP3-Dateien seines Lieblingskünstlers herunterladen. Nach wie vor erfolgreichsten ist bislang jedoch das System iTunes des Computeranbieters Apple. Ein aktueller Titel kostet hier meist zwischen 99 Cent und 1,29 Euro.

Diese relativ erschwinglichen Preise beruhen auf einer Mischkalkulation: Apple macht mit günstiger Musik Reklame für seine recht teuren MP3-Player – nicht anders als Emil Berliner vor 100 Jahren das Schallplattengeschäft dazu nutzte, den Verkauf seiner Grammophone anzukurbeln.

Auch andere große Unternehmen wie der Sony-Konzern, zu denen sowohl Plattenfirmen wie Hardwarehersteller gehören, verdienen bei einem solchen Modell in jedem Fall – wenn nicht am Verkauf von CDs, dann mit MP3-Playern und CD-Brennern.

Ein Mädchen mit einem MP3-Player.

Das Geschäft mit CDs wird nebensächlich

Insgesamt zeichnet sich ab, dass Musik auf physischen Tonträgern wie CDs nicht, wie lange Zeit angenommen, zum Nebengeschäft wird. Laut Bundesverband Musikindustrie kamen 2015 knapp 69 Prozent der Gesamteinnahmen der Musikindustrie aus Tonträgerverkäufen – darunter CDs, Musik-DVDs und die wieder beliebter werdende LP.

Rund 31 Prozent der Einnahmen stammten aus Download- und Streamingangeboten. Dabei rückt die Single als Verkaufseinheit immer mehr in den Hintergrund. Einzelne Lieder, wie aktuelle Chartstitel, werden häufiger in digitaler Form heruntergeladen. Komplette Alben hingegen werden meist auf CD gekauft.

Nach wie vor ist das illegale Herunterladen von einzelnen Titeln oder Alben ein großes Problem der Musikindustrie. Musikpiraterie hat sowohl für die Plattenlabels und -verkäufer als auch die Künstler schwerwiegende Folgen – sie verdienen daran keinen Cent.

Zwar haben Portale wie iTunes oder Spotify die Nachfrage nach Musik aus dem Netz weitestgehend aufgefangen, trotzdem wird immer noch illegal Musik heruntergeladen. Genaue Zahlen gibt es dazu allerdings nicht.

Wo bleibt der Künstler?

Der Rapper Eminem auf der Bühne.

Eminem verklagte seine Plattenfirma

Wie viel ein Künstler an einer verkauften CD oder Single verdient, hängt meist von den vertraglichen Konditionen ab, die er mit seiner Plattenfirma ausgehandelt hat. Laut einer Studie der Bundeszentrale für politische Bildung sind Künstler in Deutschland durchschnittlich mit rund 4 Prozent an den Einnahmen aus CD- und Download-Verkäufen beteiligt.

Der Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. korrigierte diese Zahlen auf rund 12 Prozent Beteiligung an CD- und 19 Prozent an Download-Verkäufen.

Dass gerade die Online-Erlöse eines Künstlers im Umbruch sind, zeigt das Beispiel des amerikanischen Rappers Eminem: Er klagte gegen seine Plattenfirma Universal Music, die ihm einen Anteil von 18 Prozent des Internetgeschäftes auszahlte.

Die Argumentation des Musikers aber war, dass für die Online-Verkäufe andere Konditionen gelten müssen und ihm ein Anteil von 50 Prozent zustehe. Schließlich entfielen die Kosten für die Herstellung der Tonträger und deren Vertrieb. Der Oberste Gerichtshof der USA entschied im März 2011, dass Eminem eine Nachzahlung von rund 50 Millionen Dollar zusteht.

Die Sängerin Lena mit der EinsLive-Krone.

Lena profitiert vom Internetgeschäft

Die deutsche Sängerin Lena Meyer-Landrut schaffte es nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest 2010 über die Internetplattform iTunes mit ihrem Gewinner-Song "Satellite" in zehn europäischen Ländern in die Top Ten.

Die weltweite Verfügbarkeit von Musiktiteln per Online-Geschäft bietet so auch Vorteile für junge Künstler. Grundsätzlich müssen diese nicht mehr den langwierigen Weg nehmen, einen Plattenvertrag zu ergattern. Sie können ihre Musik auch selbst ins Internet stellen und so der Öffentlichkeit präsentieren. Das Problem hat sich aber nur verlagert: Denn auch im Internet muss man unter Millionen Anderer erst einmal auffallen.

Autor: Thorsten Dryja

Stand: 04.07.2017, 13:21

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