Der virtuelle Wandel – Wie die Musik ihren Körper verlor

Computertastatur, auf der eine CD und zwei Musiknoten abgebildet sind.

Musikindustrie

Der virtuelle Wandel – Wie die Musik ihren Körper verlor

Von Thorsten Dryja

Mit digitaler Musik im MP3-Format erlebte das Musikgeschäft ab Ende der 1990er seine jüngste Revolution. Die Technik komprimiert Audiodaten fast ohne wahrnehmbaren Qualitätsverlust.

Befreiung oder Beschneidung?

MP3-Dateien benötigen kaum Speicherplatz, können bequem über das Internet verschickt und in großer Zahl auf dem Computer gespeichert werden. Musik als MP3-Datei und die dazugehörigen Abspielgeräte im Taschenformat, die MP3-Player, lösten somit den Musiktitel von seinem realen, physischen Tonträger.

Diesen Verlust des "Körpers" kann man als Befreiung oder als Beschneidung sehen: Das Cover, die künstlerische Verpackung der LP oder CD ist Teil des Gesamtkunstwerkes, sagen die einen und haben an einer Datei nur den halben Spaß.

Musik ist primär zum Anhören da, sagen die anderen. Sie genießen die Möglichkeit, eine Auswahl von mehreren tausend Titeln immer und überall auf ihrem MP3-Player oder dem Smartphone griffbereit dabei zu haben.

Revolution von unten

Der virtuelle Umsturz wurde nicht von der Musikindustrie eingeleitet. Im Internet entstanden die ersten – illegalen – Tauschbörsen für Musik, in denen jeder auf einen weltweiten Pool von Titeln Zugriff hatte und sie auf seinen Computer laden konnte. Die selbstgebrannte CD machte der gekauften Konkurrenz.

Dies bescherte der Industrie erhebliche Umsatzeinbrüche. Warum soll man die Musik noch kaufen, wenn man sie auch umsonst über das Internet bekommen kann?

Die Industrie reagierte mit einem Gegenangriff: Langwierige Gerichtsverfahren gegen Musiktauschbörsen zwangen diese in die Knie – 2001 wurde etwa Napster als kostenlose Plattform geschlossen. Nutzer von Online-Tauschbörsen wurden im großen Stil abgemahnt und horrende Summen als Schadensersatz verlangt.

Die Musikindustrie entwickelt sich

Lange tat sich die Musikindustrie schwer, die neue Technik für sich zu nutzen. Für einen erfolgreichen kontrollierten Online-Vertrieb benötigte sie zunächst ein praktikables System.

Heute kann man beim Internethändler Amazon etwa statt der CD gleich die MP3-Dateien seines Lieblingskünstlers herunterladen. Nach wie vor am erfolgreichsten ist bislang jedoch das System iTunes des Computeranbieters Apple. Ein aktueller Titel kostet hier meist zwischen 99 Cent und 1,29 Euro.

Diese relativ erschwinglichen Preise beruhen auf einer Mischkalkulation: Apple macht mit günstiger Musik Reklame für seine recht teuren MP3-Player – nicht anders als Emil Berliner vor 100 Jahren das Schallplattengeschäft dazu nutzte, den Verkauf seiner Grammophone anzukurbeln.

Auch andere große Unternehmen wie der Sony-Konzern, zu denen sowohl Plattenfirmen wie Hardwarehersteller gehören, verdienen bei einem solchen Modell in jedem Fall – wenn nicht am Verkauf von CDs, dann mit MP3-Playern und CD-Brennern.

Insgesamt zeichnet sich ab, dass Musik auf physischen Tonträgern wie CDs nicht, wie lange Zeit angenommen, zum Nebengeschäft wird. Laut Bundesverband Musikindustrie kamen 2017 knapp die Hälfteder Gesamteinnahmen der Musikindustrie aus Tonträgerverkäufen – darunter CDs, Musik-DVDs und die wieder beliebter werdende Schallplatte.

Schallplattenspieler

Die Schallplatte erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance

Rund 47 Prozent der Einnahmen stammten aus Download- und Streamingangeboten. Einzelne Lieder, wie aktuelle Chartstitel, werden häufiger in digitaler Form heruntergeladen. Komplette Alben hingegen werden meist auf CD gekauft.

Nach wie vor ist das illegale Herunterladen von einzelnen Titeln oder Alben ein großes Problem der Musikindustrie. Musikpiraterie hat sowohl für die Plattenlabels und -verkäufer als auch die Künstler schwerwiegende Folgen – sie verdienen daran keinen Cent.

Zwar haben Portale wie iTunes oder Spotify die Nachfrage nach Musik aus dem Netz weitestgehend aufgefangen, trotzdem wird immer noch illegal Musik heruntergeladen. Genaue Zahlen gibt es dazu allerdings nicht.

Wo bleibt der Künstler?

Wie viel ein Künstler an einer verkauften CD oder Single verdient, hängt meist von den vertraglichen Konditionen ab, die er mit seiner Plattenfirma ausgehandelt hat. Laut einer Studie der Bundeszentrale für politische Bildung sind Künstler in Deutschland durchschnittlich mit rund vier Prozent an den Einnahmen aus CD- und Download-Verkäufen beteiligt.

Der Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. korrigierte diese Zahlen auf rund zwölf Prozent Beteiligung an CD- und 19 Prozent an Download-Verkäufen.

Einige Künstler wehren sich gegen diese Beträge. Der US-Rapper Eminem klagte 2009 gegen seine Plattenfirma Universal Music, die ihm einen Anteil von 18 Prozent des Internetgeschäftes ausgezahlt hatte. Eminem argumentierte, dass ihm ein Anteil von 50 Prozent zustehe. Schließlich entfielen die Kosten für die Herstellung der Tonträger und deren Vertrieb. Tatsächlich bekam er 2011 eine Nachzahlung von rund 50 Millionen Dollar zugesprochen.

Eminem bei einem Konzert in Melbourne (2011)

Eminem verklagte seine Plattenfirma

Die weltweite Verfügbarkeit von Musiktiteln per Online-Geschäft bietet aber auch Vorteile für junge Künstler. Grundsätzlich müssen diese nicht mehr den langwierigen Weg nehmen, einen Plattenvertrag zu ergattern. Sie können ihre Musik auch selbst ins Internet stellen und so der Öffentlichkeit präsentieren. Das Problem hat sich aber nur verlagert: Denn auch im Internet muss man unter Millionen anderer Künstler erst einmal auffallen.

Stand: 04.07.2017, 13:21

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