Musikproduzent Quincy Jones

Der Komponist und Musiker Quincy Jones mit Schnäuzer und Hand an der Stirn.

Musikindustrie

Musikproduzent Quincy Jones

Von Johannes Hirschler

Die meisten berühmten Schallplattenproduzenten verkörpern einen bestimmten Sound und eine musikalische Ära. Giorgio Moroder, der unter anderem Donna Summer produzierte, wurde mit dem Discosound der 70er Jahre bekannt. Der klassisch ausgebildete George Martin prägte die raffinierten Arrangements der Beatles und Dieter Bohlen ist untrennbar mit dem Synthie-Pop von Modern Talking verbunden.
Doch Quincy Jones ist eine große Ausnahme. Es gibt keinen Musiker, Komponisten und Produzenten, der über eine ähnlich lange Zeit – von der späten Swing-Ära Mitte der 40er Jahre bis zum Hip Hop – mit so großem Erfolg das musikalische Geschehen in den unterschiedlichen musikalischen Stilen prägte.

Mit dreizehn auf der Bühne

Quincy Delight Jones Jr. wurde am 14. März 1933 in Chicago geboren, inmitten der Depressionszeit. Wegen eines Berufswechsels seines Vaters zog die Familie nach Washington und dann nach Seattle. Bis zum Eintritt in die Schule spielte für ihn die Musik keine allzu große Rolle, doch dann probierte er alle Instrumente aus, derer er habhaft werden konnte: Schlagzeug, Tuba, Flügelhorn, Klavier, Sousaphon, Posaune und Trompete.

"Mein Hauptinstrument war zunächst die Posaune, weil die Posaunenspieler in der Blaskapelle immer nahe bei den Mädchen platziert wurden. Aber meine wahre Liebe galt der Trompete und schließlich blieb ich bei ihr", erzählte Quincy Jones 1989 in einem Interview.

Mit 13 Jahren freundete sich Quincy Jones mit dem drei Jahre älteren Ray Charles an. Die beiden gründeten ihre erste Band und traten in kleinen Clubs und bei Hochzeiten auf. Hier zeigten sich schon alle Fähigkeiten, die ihm später seine beispiellose Karriere ermöglichen sollten: seine Sicherheit in einer Vielzahl populärer Musikstile, eine enorme Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, von jedem zu lernen.

"Ein normaler Abend bei Ray und mir sah so aus: Von sieben bis zehn Uhr spielten wir im traditionellen Tennis-Club von Seattle. Da trugen alle weiße Anzüge und Krawatte und wir spielten Stücke wie 'A Roomful of Roses'. Danach spielten wir von zehn bis morgens um eins in den schwarzen Clubs: im 'The Black and Tan', 'The Rocking Chair' und dem 'Washington Educational und Social Club', einem der schärfsten Clubs überhaupt.

Wir spielten für Stripperinnen und Komiker, das ganze Rhythm & Blues-Repertoire, Stücke von Eddie 'Cleanhead' Vinson und Roy Milton, einer Vokal-Gruppe. Und dann, wenn um halb zwei oder zwei Uhr Morgens alle ihre Gigs beendet hatten, trafen wir uns in 'Elk’s Club', um den Rest der Nacht harten Bebop zu spielen", erinnerte sich Jones später.

Zwei Männer auf einer Bühne blicken sich an.

Jones (r.) mit Miles Davis in Montreux

Vom Blues zur Klassik

Mit 18 bekam Quincy Jones ein Stipendium für das renommierte Berklee College of Music in Boston. Als ihn Lionel Hampton 1951 einlud, mit ihm auf Tournee zu gehen, beendete er sein Studium und sagte zu. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon mit anerkannten Musikern gearbeitet, mit der Sängerin Billie Holiday oder dem Bassisten Oscar Petiford etwa – nicht nur als Solist, auch als Arrangeur.

Von Anfang an versuchte er zu komponieren, er arrangierte und lernte von jedem Musiker, der auf seinen Tourneen durch Seattle kam. Auch der berühmte Trompeter Clark Terry kümmerte sich um seinen jungen Kollegen. Ein weiterer Mentor war Count Basie, neben Duke Ellington der wichtigste Bigband-Leader der damaligen Zeit.

1956 ging Quincy Jones als musikalischer Leiter und Trompeter mit der Bigband von Dizzy Gillespie auf Tour durch den Nahen Osten und Südamerika. Nach der Rückkehr nahm er seine erste Platte auf. Ein Jahr später, 1957, begann er in Paris ein Musikstudium – aber nicht im Jazzfach, sondern bei Olivier Messiaen und Nadia Boulanger, die auch Komponisten wie Darius Milhaud, Leonard Bernstein und Philipp Glass unterrichtete.

Hier lernte er klassische Kompositionstechniken wie Kontrapunkt und Instrumentation. Sie kamen ihm später bei seiner Arbeit für Filmsoundtracks zugute und ermöglichten es ihm, sich musikalische Bereich zu erobern, die für schwarze Musiker lange verschlossen gewesen waren.

"In New York ließen sie Schwarze keine Streicherarrangements für Plattenaufnahmen schreiben. Die Plattenfirmen fanden schnell heraus, wenn du gut für die Bläser oder die Rhythmusgruppe schreiben konntest, aber Streicher – das war eine andere Domäne."

In Paris lernte Quincy Jones nicht nur musikalisch dazu, er schloss auch Bekanntschaft mit der künstlerischen Elite von Pablo Picasso über James Baldwin bis Françoise Sagan.

In jeder Sparte erfolgreich

1964 wurde Quincy Jones Vizepräsident bei Mercury, damals eins der führenden Plattenlabels. Er war der erste Afroamerikaner in einer solchen Position. Im selben Jahr schrieb er für "The Pawnbroker" seine erste Filmmusik. Über 30 weitere folgten, darunter so erfolgreiche wie "In der Hitze der Nacht", "Roots" und "Die Farbe Lila".

Mit seinem Gespür für einen starken Soul-Impuls, impressionistische Bläserklangfarben und fein ausbalancierte Orchesterarrangements wurde Quincy Jones ein gefragter Produzent und Dirigent für Studio-Orchester. Er zeigte sich in jeder Richtung stilsicher, ob Bossa Nova, Soul oder Funk.

Der Arrangeur Bill Mathieu, der für die Bigband von Stan Kenton arbeitete, beschrieb das so: "Von seiner Natur her und wie er sich selbst sieht, ist Quincy Jones eher ein Sammler und Verdichter als ein Erfinder. Seine Musik enthält nichts Neues, es ist eher so, dass sie nahezu alles Wertvolle enthält, was bisher gemacht worden ist."

Hatte Jones anfangs mit Jazzgrößen wie Count Basie und Miles Davis zusammengearbeitet, produzierte er jetzt auch Aufnahmen für Stars wie Aretha Franklin und Frank Sinatra, seinen Jugendfreund Ray Charles und Rock’n’Roll-Star Little Richard. Was manche bedauerlich fanden, zum Beispiel der Bassist Ray Brown: "Ein extrem talentierter Mann, ich habe in ihm immer einen Nachfolger für Duke Ellington gesehen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn er weiterhin Jazz aufgenommen hätte."

Der Arrangeur und Komponist Quincy Jones

Ein Sammler und Verdichter von wertvoller Musik

Die erfolgreichste Platte der Welt

1974 erlitt Quincy Jones eine lebensgefährliche Blutung im Gehirn und musste zweimal operiert werden. Das Trompetenspiel musste er ganz aufgeben, er verstärkte seine Arbeit als Produzent. Die Fortschritte in der Studiotechnik kamen seiner natürlichen Neugier und Experimentierfreude entgegen.

In der Zusammenarbeit mit Michael Jackson Anfang der 1980er Jahre reizte er seine Begabung für opulente, technisch brillante und äußerst vielschichtige Klangbilder voll aus. Von den drei LPs "Off The Wall" (1979), "Thriller" (1982) und "Bad" (1987) entwickelte sich "Thriller" mit mehr als 52 Millionen Stück zur meistverkauften Platte aller Zeiten. Das Album löste eine Massenhysterie aus, vergleichbar der Ära der Beatles und Elvis Presleys Jahrzehnte zuvor.

Auch Quincy Jones war überrascht: "Die ganze Brillanz, die Michael Jackson über 25 Jahre hinweg in sich aufgebaut hatte, brach mit einem Mal heraus. Es war, als wenn sich plötzlich ein begabter junger Mann in ein gefährliches Raubtier verwandelte. Ich kenne Michael seit er zwölf ist, aber es war so, als ob ich ihn das erste Mal sehen und hören würde. Ich war elektrisiert wie jeder andere, der an der Aufnahme beteiligt war."

Michael Jackson bei seiner Performance 1993 in Singapore.

Auch dank Jones wurde Michael Jackson ein Star

1979 gründete Quincy Jones mit "Quest Records" sein eigenes Label, auf dem er auch seine eigenen Platten veröffentlichte. Für seine LP "The Dude" erhielt er drei Jahre später seinen Grammy Award. 1985 produzierte Quincy Jones den von Michael Jackson und Lionel Richie geschriebenen Song "We are the world" für das Benefiz-Projekt Band Aid.

Neben der musikalischen Aufgabe war das vor allem eine psychologische. Aber auch hier zeigte sich seine große Begabung, starke Persönlichkeiten zu einer produktiven künstlerischen Zusammenarbeit zusammenzuführen und aus Musikern im Studio das Beste herauszuholen.

Auch die Aufnahme "Back On The Block" von 1989, die Jazzgrößen wie Miles Davis, Ella Fitzgerald und Sarah Vaughn mit der Garde junger Hip-Hop-Musiker wie Ice-T, Big Daddy Kane und Melle Mel zusammenführte, wurde ein großer Erfolg.

Auch als feste Größe in Showgeschäft und Popmusik sorgte Quincy Jones immer wieder für Überraschungen in der Jazzwelt. So rekonstruierte er Anfang der 1990er Jahre für das Jazzfestival in Montreux die Orchestrierung der legendären Jazz-Platte "Sketches in Spain" zusammen mit Miles Davis, der bereits 30 Jahre zuvor auf der Originalaufnahme gespielt hatte.

Quincy Jones erhielt zahlreiche Gold- und Platinplatten, zahlreiche Grammys und wurde mehrmals für den Oscar nominiert. Zu seinen Auszeichnungen zählt auch der Polar Music Prize, dieser wichtigste Preis für populäre Musik wurde ihm 1994 verliehen.

Weiterführende Infos

Stand: 04.07.2017, 13:15

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