Politischer Rock und Pop in Deutschland

Musiker Wolfgang Niedecken und Stoklosa auf dem Arsch-huh-Festival.

Musikindustrie

Politischer Rock und Pop in Deutschland

Von Ingo Neumayer

Für Frieden, gegen Nazis und gegen das System: In den 1970er und 1980er Jahren waren politische Texte weit verbreitet in der deutschen Rock- und Popmusik. Heute ist das anders.

Pop-Politisierung mit Verspätung

Politisch motivierte Pop- und Rockmusik ist in Deutschland ein relativ junges Phänomen. Während in den USA schon in den 1940er Jahren Sänger wie Pete Seeger oder Woody Guthrie in ihren Songs politische Aussagen machten, diente die deutsche Popmusik der Nachkriegszeit anfangs ausschließlich der Unterhaltung und der Flucht aus dem Alltag.

Die Protestsänger der 1060er wie Bob Dylan oder Joan Baez, die sich gegen Krieg und Rassendiskriminierung wandten, fanden in Deutschland zwar Hörer, aber kaum Nachahmer. Für die Politisierung vieler junger Deutscher sorgten eher Ereignisse wie das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, der Schah-Besuch und die Gründung und Verfolgung der RAF (Rote Armee Fraktion).

Das Klima der 68er weckte in viele Musikern in Deutschland den Drang, nicht mehr über knallrote Gummiboote singen zu wollen, sondern über die politischen und sozialen Verhältnisse.

"Ton Steine Scherben" sind die Vorreiter

Als erste Politrockband Deutschlands gilt "Ton Steine Scherben", die 1970 in West-Berlin gegründet wurde. Musikalisch im Blues, Beat und Rock der damaligen Zeit verwurzelt, setzte die Band um den charismatischen Sänger Rio Reiser in ihren Texten auf Gesellschaftskritik, Parolen und Provokationen.

"Macht kaputt, was euch kaputt macht", "Keine Macht für Niemand" oder "Aus dem Weg, Kapitalisten! Die letzte Schlacht gewinnen wir!" – Zeilen wie diese wurden zu geflügelten Worten in der Hausbesetzer-Szene und auf Demonstrationen.

Die Musiker von Ton Steine Scherben propagierten in ihren Songs das Schwarzfahren und wehrten sich gegen Immobilienspekulanten, die ganze Stadtviertel verändern wollen; sie setzten sich für Arbeiterrechte ein oder sympathisierten mit Mao, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas.

Auch geschäftlich zeigen die Scherben Flagge. Ihre Konzerte spielten sie oft zum Selbstkostenpreis und ihre Platten veröffentlichten sie nicht bei einem der großen multinationalen Konzerne wie EMI oder Universal, sondern in Eigenregie auf einem unabhängigen Label. Ton Steine Scherben prägen die deutsche Pop- und Rockmusikszene bis heute, sagen manche.

Rockband Ton Steine Scherben während eines Liveauftritts.

Die ersten deutschen Politrocker: Ton Steine Scherben

Liedermacher: links und alternativ

In den 1970er Jahren gewannen die Liedermacher, die über Politik sangen, in Deutschland an Bedeutung. Einer der ersten war Franz Josef Degenhardt, der sich in der deutschen Friedensbewegung engagierte. In seinen Liedern sang er gegen die griechische Militärdiktatur, über den Prager Frühling oder über die soziale Ausgrenzung der Unterschicht ("Spiel nicht mit den Schmuddelkindern").

Auch Hannes Wader und Konstantin Wecker positionierten sich in ihren Liedern eindeutig und sprachen sich gegen Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und soziale Ungerechtigkeit aus.

Eine Sonderstellung als kulturelle und gesellschaftliche Instanz hatte der Liedermacher und Dichter Wolf Biermann. 1953 war er in die DDR gezogen, wo er wegen seiner Kritik an der Regierung nicht auftreten durfte. 1976 verweigerten ihm die Beamten an der Grenze die Rückkehr nach Ost-Berlin, weil er während eines Konzerts in Köln die DDR-Führungsriege angegriffen hatte.

Biermann wurde "wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten" ausgebürgert. Das hinderte ihn aber nicht daran, Ost- und Westdeutschland weiterhin kritisch zu beäugen und zu besingen.

Deutschrock in den Achtzigern

Für die Bands der Neuen Deutschen Welle spielte Politik kaum eine Rolle. Stattdessen standen Spaß und Albernheiten auf dem Programm.

Einige Deutschrocker hatten aber dennoch das ein oder andere eindeutige Lied im Programm. So nahm Udo Lindenberg mit "Sonderzug nach Pankow" den DDR-Regierungschef Erich Honecker aufs Korn; in "Sie brauchen keinen Führer" und "Panik-Panther" singt er gegen Rechtsradikalismus.

Udo Lindenberg 1987 mit einer Schalmei, die ihm der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker geschickt hatte.

Mit Hut und Wut: Udo Lindenberg

Die Kölsch-Rocker von BAP sangen in "Kristallnaach" von der Verführbarkeit der Masse durch autoritäre Ideologien. Herbert Grönemeyer übte in "Amerika" auf seiner Erfolgsplatte "4630 Bochum" Kritik an der US-amerikanischen Außenpolitik.

Auch wenn es vorkam, dass diese Künstler ihre politischen Botschaften in ihre Musik einbrachten: Als Politrocker sahen sie sich selbst eher nicht. Ihre Meinung zu bestimmten Themen teilten sie vielmehr in Interviews oder durch die Teilnahme an Benefizveranstaltungen mit.

Punk kommt nach Deutschland

Mit etwas Verzögerung fand die Punk-Bewegung, die 1977 in den USA und England begann, Anfang der Achtziger ihren Weg nach Deutschland. Es gründeten sich harte, linksradikale Bands, die dem System den Kampf ansagten.

So erspielten sich die aus Hamburg stammenden Bands Slime und Razzia mit Liedern wie "Deutschland muss sterben", "Keine Führer", "Polizei SA/SS", "Neo-Nazi" oder "Kriegszustand" eine große Gefolgschaft in autonomen Kreisen.

Auch zwei der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt haben ihre Wurzeln im Punk der frühen 1980er Jahre: die Ärzte und die Toten Hosen. Beide machten ihre Gesinnung zwar eher selten in ihren Songs deutlich, wenn sie es aber taten, geschah das mit großer Resonanz.

"Sascha… ein aufrechter Deutscher" von den Toten Hosen und "Schrei nach Liebe" von den Ärzten entstanden nach der Wiedervereinigung vor dem Hintergrund fremdenfeindlicher Überfälle. Die Songs waren auch als klare Gegenentwürfe zum Rechtsrock zu sehen, der Anfang der Neunziger immer mehr Anhänger fand.

Die Rockband Die Ärzte während eines Liveauftritts.

Ein "Schrei nach Liebe" gegen rechts: Die Ärzte

Hip-Hop und die Absage ans Plakative

Vor allem in der Frühphase des Hip-Hops in Deutschland, der in den 1990er Jahren seinen Siegeszug antrat, spielten politisch motivierte Rapper eine wichtige Rolle. Advanced Chemistry thematisierten 1992 mit "Fremd im eigenen Land" die Probleme von Migrantenkindern, auch die Absoluten Beginner oder TCA the Microphone Mafia hatten politische Texte.

Nach dem Erfolg von eher harmlosen Hip-Hop-Acts wie den Fantastischen Vier oder Fettes Brot fand diese Strömung allerdings immer weniger Zuspruch. Als ab 2003 deutscher Gangster-Rap von Hip-Hoppern wie Bushido, Sido oder Haftbefehl populär wurde, sprachen manche Beobachter dieser Spielart eine politische Dimension zu.

Die Texte lieferten einen schonungslosen Blick in das von Rassismus, Armut und Kriminalität geprägte Leben der Unterschicht. Sie könnten so zur Aufklärung beitragen, hieß es. Doch diese Ansicht ist umstritten.

Hip-Hop-Band Absolute Beginner.

"Absolute Beginner": Hip-Hop in Deutschland war zunächst durchaus politisch

Die Zeit der klaren politischen Ansagen und Parolen scheint im 21. Jahrhundert allerdings vorbei. Bands wie Kettcar, Wir sind Helden, Blumfeld oder Tocotronic lassen sich zwar politisch verorten. Sie entscheiden sich in ihren Songs aber bewusst gegen plakative Statements und üben, wenn überhaupt, eine eher diffuse und lyrisch verpackte Kritik an der Gesellschaft, an der Politik und am Kapitalismus.

Der Politrock von einst ist entweder tot – oder er schläft tief und fest.

Stand: 04.07.2017, 11:44

Darstellung: