Techno

Ein DJ auf der Technoparty Mayday in der Westfalenhalle Dortmund

Musik

Techno

Von Ingo Neumayer

Vom kleinen Club bis zur großen Halle: Techno hat im Viervierteltakt die Tanzflächen dieser Welt erobert. Die Musik ist universal. Jeder kann sie verstehen – und dazu tanzen.

Es fehlen die gewohnten Klänge

Was ist Techno? Eine präzise Definition fällt schwer. Eins ist klar: Techno ist anders als die Musik, die Menschen vorher gehört haben. Der Sound weicht ab vom Pop und Rock. Es fehlen die gewohnten Klänge.

Die Basis von Techno ist rein elektronisch. Der DJ benutzt in der Regel keine Instrumente: keinen Bass, keine Gitarre, keinen Gesang. Und auch die Beats spielt nicht der Drummer, sondern ein Computer.

Weniger Melodie, mehr Rhythmus

Techno bricht mit den Hörgewohnheiten. Zum bewährten Instrumentarium, das die Menschen bis dahin kannten, gibt es in der elektronischen Musik nur wenige Berührungspunkte. Die ersten in Deutschland, die in den 1970er Jahren mit elektronischen Klängen experimentierten, waren Bands wie Kraftwerk, Can oder Tangerine Dream. Eine Revolution in der Popmusik.

Technomusik ist aber noch radikaler: Der Sound wirkt extrem maschinell, kalt und unemotional. Nicht die Harmonien stehen im Zentrum, sondern die Rhythmen. Diese sind stets im Viervierteltakt gehalten. Bumm, bumm, bumm, bumm. Die Bassdrum-Trommel treibt stur voran – oft ohne Unterbrechung. Die Musik ist monoton. Sie eignet sich damit dazu, sich in Trance zu tanzen.

Eine Frau tanzt auf der Technoparty Mayday in Dortmund

Eine Frau tanzt sich in Trance

Der DJ mixt die Tracks nahtlos ineinander

Nicht nur die Sounds, auch die Strukturen des Techno haben wenig mit dem zu tun, was wir aus anderen Musikgenres wie Rock, Pop oder Hip-Hop kennen. Das zeigt schon die Bezeichnung der Nummern: Statt von Songs sprechen die Technofans von Tracks.

Es gibt weder Strophen noch Refrains oder Soli, die Spannung erzeugen und Struktur stiften. Eigentlich verfügen Technotracks nicht einmal über Anfang und Ende. Der DJ mixt die Lieder nahtlos ineinander.

Diese Methode nutzten die ersten Technopioniere schon Mitte der 1980er Jahre. Die Grundlage dafür bildeten meist die B-Seiten bekannter Songs, die Clubmixe. Diese zeichneten sich durch lange, stark rhythmisierte, sich wiederholende Instrumentalpassagen aus.

DJs wie Kevin Saunderson in Detroit oder Frankie Knuckles in Chicago konzentrierten sich in ihren Sets immer mehr auf diese Passagen, in denen der Ursprungssong kaum noch zu erkennen war. Während die Menschen in Chicago von House sprachen, sprach man in Detroit von Techno. Beide Stile verschmolzen miteinander. Die Bezeichnung Techno setzte sich aber durch.

Ein DJ legt auf. Sein Instrument: der Plattenspieler

Ein DJ legt auf. Sein Instrument: der Plattenspieler

Der Körper im Mittelpunkt

Techno ist Tanzmusik – und das in der konsequentesten Form. Wer Techno hört, setzt sich in der Regel nicht still vor seine Stereoanlage, um den Klängen zu lauschen.

Nein: Techno ist funktionale Musik, die nicht aus ästhetischen Gründen um ihrer selbst willen gehört wird. Wer Techno hört, spürt den Drang, sich zu bewegen. Techno stellt das Individuum in den Mittelpunkt, das im Tanz sich und seinen eigenen Körper feiert.

Wer zu Techno tanzt, braucht dabei weder eine Gruppe noch einen Partner. In den Clubs tanzen viele Menschen stundenlang alleine, in sich selbst versunken.

Um ausdauernd tanzen zu können, kommt so manches Hilfsmittel zum Einsatz. Alkohol macht müde und ist eher kontraproduktiv. Viele schwören daher auf Energydrinks, Koffein oder Guarana. Aber auch illegale Drogen wie Ecstasy oder Amphetamine gehören auf Technopartys oft dazu.

Technofans in England

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Kaum Stars, keine Politik

Wenn ein Track funktioniert, wenn er also zum Tanzen animiert, wird er gefeiert – unabhängig davon, wer ihn produziert hat. Das ist oft anders als in anderen populären Musikgenres wie dem Pop oder Rock.

Viele Technoproduzenten scheinen sich in der Anonymität wohlzufühlen. Sie arbeiten in wechselnden Konstellationen zusammen, ändern oft ihre Pseudonyme und sorgen dafür, dass kaum Fotos und nähere Angaben über sie öffentlich werden.

Gesang gibt es im Techno in der Regel nicht. Es fehlt damit eine inhaltliche Ebene, die im Rock, Pop oder Hip-Hop durch Texte ausgedrückt wird. Wofür oder wogegen Techno steht, ist selten direkt klar. Techno ist tendenziell eher positionslos und unpolitisch.

Im Mittelpunkt stehen Hedonismus und der Spaß am körperlichen Erlebnis. Aufgrund des (oft auch durch Drogenkonsum hervorgerufenen) Gemeinschaftsgefühls während des Tanzens gibt es zwar eine Nähe zur Attitüde der Hippie-Ära. Die Botschaften beschränken sich aber meist auf eher floskelhafte Slogans à la Love, Peace and Harmony.

Tänzer mit Sonnenblumen auf der Loveparade 1997

Wie die Hippies: Tänzer auf der Loveparade 1997

Nach allen Seiten anschlussfähig

Dass der Techno so erfolgreich ist, lässt sich vermutlich auch mit den fehlenden Texten und Inhalten erklären. Die Musik ist universal – jeder kann sie verstehen. Die Musik ist simpel, die Einstiegshürde gering und vorwiegend unabhängig von Ideologie und politischer Einstellung.

So bevorzugen Neo-Hippies die entspannte Technovariante Goa, während Hooligans bei ultraharten und schnellen Gabbersounds ausrasten. Geschäftsleute kommen direkt aus dem Büro zur After-Work-Party in den Club.

Und auch wer mit Hip-Hop, Rock oder Metal aufgewachsen ist, kann häufig etwas mit Techno anfangen. Die elektronische Musik ist offen für nahezu jede kulturelle Sozialisation. Techno passt zum Zeitalter der Globalisierung, in dem die Kultur zur Ware geworden ist.

After-Work-Party im Frankfurter Club "Dorian Gray"

After-Work-Party im Frankfurter Club "Dorian Gray"

Techno erobert die Charts

Mitte der 1990er Jahre kam der Techno im Mainstream an – wenn auch in deutlich leichter konsumierbarer Form. Eingänge Tracks eroberten die Charts, darunter Coverversionen bekannter Hits, aber auch Kinderlieder, unter die ein flotter Technobeat gelegt wurde.

Selbst von den Schlümpfen erschien ein sehr erfolgreiches Technoalbum. Puristen, die diese Auswüchse als Verrat an der ursprünglichen Idee empfanden, zogen sich in den Untergrund zurück. Gleichzeitig wurde mit Eurodance ein neuer Stil populär, der schnelle Technorhythmen mit eingängigem Pop und Rap verbindet und sogar Schlager und Volksmusik-Elemente integriert.

In Deutschland wurden Clubs wie das "Dorian Gray" und das "Omen" in Frankfurt sowie der "Tresor" und der "Bunker" in Berlin zu den Orten der Technoszene. Wenn angesagte DJs wie Sven Väth oder Westbam dort auflegten, bildeten sich lange Schlangen.

Berlin 2001: Mehr als eine Million Technofans feiern auf der Loveparade

Berlin 2001: Mehr als eine Million Technofans feiern auf der Loveparade

Techno nach der Loveparade

1989 fand die erste Loveparade statt. Nur ein paar hundert Tänzer kamen damals zusammen, um auf den Straßen Berlins zu tanzen. Zehn Jahre später waren es bereits anderthalb Millionen Menschen, die wild kostümiert zu den Technoklängen feierten. Fernseh- und Radiosender übertrugen die Veranstaltung live.

Seit dem Unglück von 2010 in Duisburg, bei dem im Gedränge 21 Menschen starben und hunderte verletzt wurden, findet die Loveparade zwar nicht mehr statt. Aber auch ohne diese Veranstaltung, die lange Zeit als die Spitze der Bewegung galt, ist die Technomusik stets präsent.

Die heutige Clubkultur basiert maßgeblich auf den Standards aus den Neunzigern. Auf Partys dem Arbeitsalltag zu entfliehen – das ist in den Zeiten des Turbokapitalismus attraktiver denn je.

Und musikalisch ist das Prinzip Techno ohnehin in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ob in den Charts, in Werbespots oder Kinofilmen – tanzbare, elektronische Musik ist überall präsent.

Stand: 04.07.2017, 13:33

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