259 Tage als Geiseln der Taliban

Afghanistan: 259 Tage als Geiseln der Taliban

Afghanistan

259 Tage als Geiseln der Taliban

Einmal mit dem VW-Bus die Seidenstraße entlang fahren, 9000 Kilometer, von der Schweiz bis zum Himalaja – davon träumen Daniela Widmer und David Och. Ostern 2011 ist es endlich soweit. Doch der Trip findet an der Grenze Afghanistans ein jähes Ende.


Daniela Widmer und David Och haben das, was sie erlebt haben, in einem Buch niedergeschrieben. Im ersten Kapitel schildern sie, wie sie entführt werden. Sie lassen die Stadt Loralai in Pakistan hinter sich und fahren weiter.

Es ist heiß. Felder in zartem Grün, imposante Bäume, hier und da eine Hütte. Die Landschaft wirkt freundlich. Sie halten kurz an. Händewaschen. Pinkeln. Da rollt plötzlich ein Jeep heran.

Pakistan: Swat Tal

Die Touristen sahen erst grüne Landschaften, dann die Entführer

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel: Die Entführung

Aus dem Jeep sind fünf Männer ausgestiegen, sie marschieren auf den Bus zu. Ich klettere zurück ins Wageninnere, doch ehe ich die Klappe schließen kann, ruft der Erste:

"Hello, how are you?"

Der Mann trägt ein weißes Gewand, sein schwarzes Haar umrahmt ein gepflegtes, fast attraktives Gesicht. Dennoch ist mir bei seinem Anblick nicht wohl.

"Bitte nicht eintreten", sage ich – zum ersten Mal auf dieser Reise.

Jetzt erkenne ich eine Waffe mit langem Lauf. Wie einen Spazierstock hat der Mann sie auf den Boden gestellt. Auf den Boden unseres Wohnbereichs. David versucht, ihm den Weg zu versperren, fasst ihn an der Schulter und ruft: "No, no!" Doch der Fremde springt herein, gefolgt von den vier anderen.

Sie drängen uns zurück und schreien: "Dollar, Dollar!"

"Wir haben keine Dollars", sagt David, im Gedränge der sieben Leiber.

Da treffen ihn zwei Schläge ins Gesicht. David bleibt ruhig. Er ist Polizist, er ist Kampfsportler, er ist auf Extremsituationen trainiert. Und das Wichtigste dabei ist Selbstbeherrschung.

"Es tut uns leid, wir haben keine Dollars", sagt er noch einmal.

"Hinsetzen", sagt der Mann im weißen Gewand. Ich fange an zu zittern, setze mich aber instinktiv auf die Klappe, unter der wir unser Geld, die Kamera und den Computer verstaut haben. Die Männer sind mit Kalaschnikows und Pistolen bewaffnet und zerren an Davids Hosentaschen herum. Er zieht zehntausend Rupien hervor. Aber die schlagen sie ihm aus der Hand und schreien immer wieder:

"Dollar, Dollar!"

David sagt erneut, wir hätten keine Dollars. Seine Stimme ist nicht mehr so kontrolliert, als man ihm einen Gewehrlauf ins Gesicht drückt.

Mit einem Griff unter meine Achseln werde ich aus dem Bus gezerrt.

"Nicht meine Frau", höre ich David schreien. "Nicht sie!"

Die Reiseroute durch Pakistan.

Die Reiseroute durch Pakistan

Hände fassen nach mir, mit einem Ratschen reißt mein Kleid. Ich werde über die staubige Erde geschleift und auf die Rückbank des Jeeps geworfen.

Ich war mein Leben lang ein Angsthase. Als Kind traute ich mich nicht allein in den Keller, und selbst als Erwachsene fürchte ich mich vor der Dunkelheit, was mir im Polizeidienst reichlich Probleme bereitete. Anfangs wollte ich auch nicht im Bus schlafen, weil die Straßengeräusche aus den finsteren Gassen die wildesten Fantasien bei mir freisetzten. Bis ich ein fast kindliches Zutrauen zu dem Bus entwickelte.

Der Bus ist mein Zuhause geworden, mein Nest, mein Kokon. Ich will ihn nicht zurücklassen. Den Bus nicht und erst recht nicht David. Ich bin wie gelähmt. Ich sehe mich aus der Vogelperspektive, eine blonde junge Frau, inmitten dieser fremden Männer. Ich will zurück in unseren Bus, ich will zurück zu David.

Da merke ich, dass David bei mir ist. Er sitzt bereits im Jeep. Ich höre, wie sie auf ihn einschreien. Ich verstehe die Sprache nicht, sie klingt anders als Arabisch und Urdu, irgendwie weicher. Später werden wir merken, es ist Paschtu. Die Männer machen einen hektischen Eindruck, sie springen in den großen Geländewagen und wieder hinaus, wechseln die Plätze, hantieren mit den Waffen, zerren an uns herum und schreien uns Befehle zu.

Falls die Männer einen Plan hatten, ist er gescheitert. Die Worte verschwimmen zu einem ungestalten Brei. Ich nehme nur noch den Waffenlauf wahr, der wieder in Davids Gesicht zeigt, ein Würgen in meinem Hals. Mein Kehlkopf drückt sich zusammen, löst einen Hustenreiz aus, aber ich kann nicht husten, ich kann nicht einmal atmen. Ich merke, dass jemand von hinten an meinem Schal zieht.

Der Druck lässt ein wenig nach, als ich rückwärts über die Lehne rutsche und im Kofferraum lande. Ich muss mich in Embryonalstellung auf die Seite legen und sehe plötzlich Davids Gesicht vor mir. David. Er ist genauso zusammengerollt wie ich. Seine Augen machen mir keinen Mut. Sein Blick ist leer.

Ein dicker Mann zwängt sich zu uns in den Kofferraum und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Heckklappe. Seine Schienbeine drücken sich in meine Flanke, sein massiger Leib ist über uns und nimmt uns die Luft. Unsere Hände werden mit einem Seil gefesselt, dann wird es dunkel, eine Decke verschluckt mich. Die Decke riecht nach Staub und verbranntem Gummi. Sie riecht nach Schweiß, nach Davids Angstschweiß.

Gefesselte Hände.

Die Entführer verschleppen die beiden

"David", presse ich hervor, "was passiert?

Der Jeep jagt mit jaulendem Motor durchs Gelände. Er setzt über Buckel hinweg, die Reifen drehen durch, greifen plötzlich wieder in den Untergrund. Bei jedem Satz, den das Fahrwerk macht, knallt mein Kopf auf den Boden, und ich meine, unter der Decke zu ersticken.

"Wir sind nicht mehr auf der Straße", flüstere ich.

"Sie bringen uns nach Afghanistan", meint David.

"Wozu?"

Er antwortet nicht.

"Sie erschießen uns?", frage ich.

"Zuerst fahren sie uns in die Wüste. Dann bringen sie uns um."

Ich kann nicht weinen, ich kann nicht schreien. Meine trockene Zunge klebt am Gaumen, und ich bekomme keine Luft mehr.

"Es wird schnell gehen. Wir werden nicht leiden müssen", meint David. "Ich liebe dich, vergiss das nicht."

"Ich liebe dich auch."

Auszug aus Daniela Widmer, David Och "Und morgen seid ihr tot. 259 Tage als Geiseln der Taliban" 2013, DuMont Buchverlag. ISBN 978-3-8321-9722-3. S. 12-15

Monatelang gefangen und eingesperrt

Drei Tage wollen die Entführer sie festhalten. Wochen vergehen. Monate. Ein Tag gleicht dem anderen. Doch die beiden geben nicht auf. Sie vertrauen darauf, dass jemand kommt, um sie zu retten; um sie nach Hause zu holen.

Immer wieder erwägen sie zu fliehen. Aber wie? Wann? Und was, wenn das schiefgeht? Widmer und Och müssen sich entscheiden, denn lange halten sie es in ihrem Gefängnis nicht mehr aus.

Zeichnung aus dem Tagebuch von Daniela Widmer: Dreh eines Erpresservideos.

Zeichnung aus dem Tagebuch: Dreh eines Erpresservideos

Autoren: Daniela Widmer/David Och

Stand: 02.08.2016, 16:00

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