Taliban

Afghanistan: Taliban-Kämpfer im Gebirge

Afghanistan

Taliban

Die Taliban waren unter ihrem Führer Mohammed Omar – besser bekannt als Mullah Omar – von 1996 bis zum Einmarsch der internationalen Truppen 2001 Machthaber in Kabul. Afghanistan erlebte unter den Taliban eine Schreckensherrschaft.


In keinem Land der Welt wurde die Scharia, das religiös legitimierte, unabänderliche Gesetz des Islam, strenger ausgelegt als in Afghanistan. Diplomatisch war das Land isoliert. Es wurde nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt – und die Bevölkerung litt Hunger.

Dabei wurden die Taliban zunächst bei großen Teilen der Bevölkerung willkommen geheißen, als sie nach dem Abzug der Sowjetunion 1989 und einem Bürgerkrieg wieder für Ordnung im Land sorgten. Gestützt wurden die "Schüler" – so die wörtliche Übersetzung – auch durch den pakistanischen Militärgeheimdienst.

Sogar die USA sahen in den sunnitischen Gotteskriegern zunächst einen stabilisierenden Faktor für die Region, und man fand durchaus Gemeinsamkeiten: zum Beispiel im Konflikt mit dem schiitisch geprägten Iran.

Gründungslegende

Wer begreifen will, wie es zu solch einer fatalen Fehleinschätzung kommen konnte, muss sich die Zustände in Afghanistan in den Jahren nach dem Abzug der sowjetischen Truppen genauer ansehen.

Es herrschte das Gesetz des Stärkeren, ein fürchterlicher Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Warlords. Ständig verschoben sich die Mächte, es gab kein Gesetz. Jeder Mann, der eine Waffe besaß, nahm sich, was er brauchte: das Brot seines Nachbarn, dessen Frau und Besitz – ohne juristische Folgen. Dieses Chaos herrschte über Jahre.

Und in genau diesem Klima bildete sich eine zunächst kleine örtliche Miliz, deren Gründungslegende wie folgt erzählt wird: Nachdem ein Kommandeur zwei Mädchen entführt und vergewaltigt hatte, trommelte Mullah Omar, der damals ein Dorfschullehrer für religiöse Studien in Kandahar war, seine Studenten-Truppe zusammen. Sie stellten den Vergewaltiger und hängten ihn auf.

Der Beifall war groß, die Bevölkerung dachte: Endlich sorgt mal jemand für Recht. Und so fanden sich auch unter den Mudschaheddin immer mehr Taliban-Anhänger. So wurden die Taliban zu einer wachsenden, bewaffneten Bewegung.

Moudjahedeen-Rebellen und Dorfbewohner 1980 während der sowjetischen Besatzungszeit

Afghanistan unter sowjetischer Besetzung

Nachwuchs für die Gottesstreiter

Nachschub für die Gotteskrieger kam aus den Koranschulen Pakistans. Weshalb aber aus dem Nachbarland? Zum einen lebten aus der Zeit der sowjetischen Besatzung sehr viele Afghanen in Pakistan in den Flüchtlingslagern, zum anderen gehörten sie demselben Volk an: den Paschtunen. Dieses Volk wird durch die umstrittene afghanisch-pakistanische Grenze, die Durand-Linie, geteilt.

An Nachwuchs mangelte es den Taliban also nicht, denn wer bereits als Kind ihre strengen Richtlinien eingebläut bekommen hatte, gehörte bereits zu ihren Sympathisanten. Auch an Geld fehlte es nicht, denn potenzielle Unterstützer fanden sich in den meisten arabischen Staaten.

Aufnahme junger Koranschüler

Taliban-Nachschub kam aus Koranschulen in Pakistan

Kaum Widerstand

Ab 1995 entwickelten sich die Taliban zur dominanten Fraktion innerhalb Afghanistans. Der Großteil der Bevölkerung begrüßte durch die neue Ordnung ihre wachsende Macht. Es waren junge Männer, die sich bewusst absetzten von den verrohten Warlords.

Nach der Einnahme Kabuls kontrollierten die Taliban bald die meisten Provinzen des Landes. Auf Widerstand stießen sie jedoch bei den schiitischen Hazara und der Nordallianz an der Grenze zu Tadschikistan. Dort hatten sich unter dem Kommandanten Ahmad Schah Massud –  dem sogenannten "Löwen von Pandschir" – Einheiten der aus der Hauptstadt vertriebenen Mudschaheddin-Regierung versammelt. Es handelte sich überwiegend um Tadschiken, Usbeken und Turkmenen.

Mittelalterliche Zustände unter den Taliban

Bald nach der Machtübernahme begannen die neuen Herrscher immer rigider und grausamer zu werden. Es war nahezu alles verboten: Den Menschen war es etwa nicht gestattet Musik zu hören, das unter Kindern beliebte Drachensteigen war verboten, es durften keine Fotos von Menschen oder Tieren gezeigt werden.

Männer hatten einen Bart zu tragen, Frauen die alles verhüllende Burka. Ihnen war es nicht mehr gestattet, ohne ihren Mann das Haus zu verlassen, in die Schule zu gehen oder zu arbeiten. Auch in Krankenhäusern wurden sie nicht mehr behandelt. Jeder, der sich gegen diese Gesetze aufbäumte, hat fürchterlich dafür bezahlen müssen.

Die Verhältnisse wurden immer schlechter: Dieben wurden Hände und Füße abgeschlagen, Ehebrecher wurden zu Tode gesteinigt. Doch nicht nur die Bevölkerung wurde systematisch gequält, es wurden auch große Kulturgüter wie beispielsweise das Museum in Kabul geplündert und die 1500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan zerstört.

Die internationale Ächtung machte der afghanischen Bevölkerung zusehends zu schaffen. Der überlebenswichtige Handel blieb aus, die Wirtschaft kam zum Erliegen. Die afghanische Bevölkerung begann zu hungern, und die Taliban verweigerten Hilfsleistungen internationaler Organisationen.

Aufnahme von Frauen die eine Burka tragen

Die Burka wurde nach der Machtübernahme zur Pflicht

Osama Bin Laden – ein Freund

Im Mai 1996 kam der international gesuchte Top-Terrorist Osama Bin Laden auf der Flucht aus dem Sudan nach Afghanistan und schloss schnell Freundschaft mit dem Taliban-Führer Mullah Omar. Der Multimillionär etablierte sich als Dauergast und finanzierte Ausbildungslager und Waffen für die Gotteskrieger. Seine Terrororganisation Al-Qaida operierte fortan vom Hindukusch aus.

Nach den Anschlägen des 11. September auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington forderten die USA die Auslieferung Bin Ladens, was Mullah Omar jedoch versagte. Darauf folgte die Militäroperation "Operation Enduring Freedom" der USA und der internationalen Staatengemeinschaft im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.

Nur wenige Wochen darauf waren die Taliban – und damit die Schutzherren Bin Ladens – aus Kabul vertrieben. Doch die Anführer der Taliban und auch Osama Bin Laden tauchten in der schwer zugänglichen Bergwelt der afghanisch-pakistanischen Grenze unter.

Lange wusste niemand, wo genau sich Bin Laden versteckt hielt oder ob er überhaupt noch lebte. Der US-Geheimdienst CIA vermutete ihn schließlich in einem Anwesen etwa 40 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt. In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2011 stürmte ein US-Spezialkommando das Anwesen. Dort töteten sie Bin Laden. Für die USA bedeutete sein Tod einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen den Terrorismus – denn Bin Laden galt als Staatsfeind Nummer eins.

Porträt von Osama bin Laden

Osama Bin Laden tauchte nach der Verteibung der Taliban aus Kabul unter

Eine neue Generation

Die Taliban haben sich reorganisiert. Eine neue, jüngere Generation von selbst ernannten Gotteskriegern ist auf dem Vormarsch. Als Neo-Taliban knüpfen sie an alte Kontakte an und versuchen, sich ihr Land Stück für Stück zurückzuerobern und die internationalen Truppen in einen Guerillakrieg zu verstricken.

Dabei arbeiten sie mit Al-Qaida und anderen internationalen Terrorallianzen stärker zusammen als je zuvor. Vor allem durch Selbstmordattentate reißen sie regelmäßig Soldaten und auch Zivilisten mit in den Tod. Nach UN-Berichten sind die Taliban im Durchschnitt für etwa 75 Prozent der zivilen Opfer verantwortlich.

Autorinnen: Kerstin Zeter/Wiebke Ziegler

Stand: 22.10.2018, 14:16

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