Das Staudamm-Projekt "GAP"

Anatolien

Das Staudamm-Projekt "GAP"

Zweistromland, so nennt man das Gebiet zwischen Euphrat und Tigris. Das Wasser der beiden Flüsse hat die ersten Felder der Menschheit bewässert. Hier sind die Menschen vor etwa 12.000 Jahren zum ersten Mal sesshaft geworden. Heute sind die beiden Flüsse Teil eines der größten Staudamm-Projekte der Welt. Ein Projekt, das umstritten ist.

Der Atatürk-Staudamm

Der Euphrat in der Türkei.

Historische Flusslandschaft - seit jeher vom Menschen genutzt

In den 1960er Jahren nimmt die türkische Regierung ein Projekt in Angriff, das unter dem Namen GAP (Güneydoğu Anadolu Projesi) bekannt wird. In Südostanatolien sollen 22 Staudämme und 19 Wasserkraftwerke errichtet werden. Das Ziel: der wirtschaftliche Aufschwung Ostanatoliens durch die Nutzung der Wasserkraft von Euphrat und Tigris. Der Euphrat ist mit etwa 2700 Kilometern Länge der größte Fluss Vorderasiens. Er reicht vom Hochland Anatoliens über Syrien bis in den Irak, wo er sich mit dem Tigris verbindet und als Schatt el-Arab im Persischen Golf mündet.

Die Staumauer des Atatürk-Staudammes

Der Atatürk-Staudamm ist erst der Anfang

1983 fällt der Startschuss für den Bau des Atatürk-Staudammes am Euphrat. Für den Bau des Staudamms müssen mehr als 50.000 Menschen ihre Dörfer und Städte verlassen. Die Ortschaften verschwinden unter dem Wasser des Stausees. 1992 ist der Staudamm fertig. 169 Meter ist er hoch, höher als der Kölner Dom. Der Stausee erstreckt sich über eine Fläche von 880 Quadratkilometern, die entspricht ungefähr der Größe Berlins.

Staumauer des Bireçik-Staudamms.

Der Bireçik-Staudamm wurde 2000 vollendet

Weiter südlich wird im Jahr 2000 der Bau des Bireçik-Staudamms beendet. Wieder müssen die Menschen ihre Dörfer verlassen, bevor sie von den Wassermengen verschluckt werden. In letzter Minute ermöglicht die Regierung noch die Rettung einiger Mosaiken aus der antiken Stadt Zeugma, dann versinkt auch sie.

16 Dämme wurden bereits errichtet, riesige Tunnel gebaut, die das Wasser zu den Turbinen und zu den Feldern transportieren sollen. Doch noch ist das Projekt nicht fertig gestellt. Der Bau des Ilisu-Staudamms am Tigris steht noch bevor.

Hasankeyf soll untergehen

Die mittelalterliche Stadt Hasankeyf.

Die historische Stadt Hasankeyf

Hasankeyf - ein Ort, eingebaut in die Felsen am Tigris. Über alles ragt das Minarett der Rizk-Moschee, das Anfang des 15. Jahrhunderts gebaut wurde. Ihre Spitze wäre das einzige, was von Hasankeyf übrig bliebe, sollte der Staudamm gebaut werden. Etwa 4000 Menschen leben heute in in der Stadt. Früher waren es einmal mehr, aber viele, vor allem die jungen Menschen, sind in den vergangenen Jahren von hier verschwunden. Seit 1954 gibt es Planungen für einen Staudamm, seit Jahrzehnten hat der Staat hier nichts mehr in die Infrastruktur der Stadt investiert.

Insgesamt sind etwa 60 Dörfer von dem Ilisu-Projekt betroffen. Offiziell müssen mindestens 11.000 Menschen umsiedeln, weitere 40.000 würden ihre Felder verlieren und damit ihre Lebensgrundlage. Wird der Stausee gebaut, wird auch Hasankeyf überflutet werden und mit dem Ort eine Jahrtausende alte Geschichte. Schon während der Jungsteinzeit lebten hier Menschen in den Höhlen, die man in das weiche Gestein dieser Gegend geschlagen hatte. Es finden sich Überreste einer römischen Garnison, christlicher Gotteshäuser und Moscheen aus der osmanischen Zeit, als Hasankeyf eines der wichtigsten Handelszentren der Gegend war. Mitten im Lauf des Tigris sind noch die Überreste einer Brücke zu erkennen, die einst die größte Brücke der Welt war. Über sie führte die legendäre Seidenstraße, der Handelsweg von China ans Mittelmeer.

Seit Jahren schon gibt es laute Kritik an dem Projekt, doch allen Protesten zum Trotz: Anfang August 2006 hat der türkische Premierminister Tayyip Erdoğan den Grundstein zum Bau des Ilisu-Staudamms gelegt.

Dort, wo die Kurden leben

Blick auf einen Bazar in Diyabarkir. Rechts und links sieht man Verkaufsstände, in der Mitte geht eine Frau mit drei kleinen Kindern, von denen sie eines auf dem Arm hält.

Shopping in Diyarbakır

Das Staudamm-Projekt liegt mitten in der vor allem von Kurden bewohnten Region in Südostanatolien - eine oft umkämpfte, arme Region. 40 Prozent der Menschen leben hier unter der Armutsgrenze. Die meisten fühlen sich von der Politik verraten. Der überwiegende Teil lebt von Landwirtschaft. Nur etwa drei Prozent sind Großgrundbesitzer und können mit einer Entschädigung rechnen. Anders sieht es für die große Mehrheit der Landlosen aus. Zwar gibt es Versprechungen von Seiten der Regierung, auch ihnen eine Entschädigung zukommen zu lassen, doch die Erfahrungen mit dem Atatürk-Staudamm lassen ihre Zukunft ziemlich düster aussehen. Sie werden wohl aus ihren Dörfern vertrieben werden und vermutlich in den Elendsvierteln der größeren Städte landen, in Diyarbakır oder Batman.

In den beiden Provinzstädten drängen sich schon heute Tausende von Flüchtlingen. Sie kommen aus den Gegenden, die zur Zeit des Bürgerkrieges umkämpft wurden, welcher lange das Leben in der Region bestimmt hat. Die Regierung verspricht ihnen blühende Landschaften und malt das Bild eines wirtschaftlich aufstrebenden und politisch befriedeten Landstriches. Die wenigsten glauben daran. Kritiker vermuten vielmehr, dass die Umsiedlung der Kurden und die Stadtflucht in den Westen der türkischen Regierung ganz gelegen komme.

Wasser ist Macht

Blick auf den Tigris, der sich breit durch die Landschaft im Irak schlängelt.

Der Tigris im Irak

Şanlıurfa gilt als der Geburtsort Abrahams. Alexander der Große gab ihr den Namen Edessa, später hieß sie Urfa. Heute zählt die Stadt, die nur 70 Kilometer vom Atatürk-Staudamm entfernt liegt, zu den Gewinnern des Staudamm-Projektes. Von hier aus wird über einen 26 Kilometer langen Tunnel Wasser aus dem Staubecken des Atatürk-Staudamms in die südöstlich von Şanlıurfa gelegene Harran-Ebene geleitet. Auch in den Dörfern der Harran-Ebene ist das Leben leichter geworden. Seit dem 9. September 1999 fließt hier Wasser vom Euphrat.

Falsche Be- und Entwässerung zeigt allerdings auch schon die ersten negativen Folgen: Teile des Bewässerungsgebietes drohen zu übersalzen. Bewässerung und Energieversorgung, das waren die zwei großen Ziele des Staudamm-Projektes. Durch das GAP-Projekt will die Türkei etwa 30 Prozent ihrer Energie gewinnen und sich damit von den Ölstaaten unabhängiger machen.

Wer Wasser hat, hat Macht - und wer den Zugang zu den Quellen hat, hat noch mehr Macht. Der Ilisu-Staudamm liegt etwa 65 Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt. Rein theoretisch könnte die Türkei mit Hilfe der Staudämme jederzeit Syrien und dem Irak "den Hahn zudrehen". Durch beide Länder fließen die Flüsse Euphrat und Tigris, beide sind abhängig von deren Wasser. Genau darin sehen Kritiker eines der stärksten Argumente gegen den Bau des Staudamms. Was, wenn die Türkei diese Macht ausnutzen sollte? 1991 und 1993 stoppte die Türkei den Zufluss nach Syrien eine Zeit lang. Begründet wurde dies mit technischen Mängeln, doch viele vermuten, dass die Türkei Syrien eine kleine Warnung zukommen lassen wollte, denn von Syrien aus agierte die kurdische Guerillabewegung PKK.

Gegen alle Bedenken

Die politische Dimension, wirtschaftliche und ökologische Bedenken, die sozialen Folgen, der Verlust historischer Kulturgüter - es gibt viele Gründe, die dazu führen, dass sich immer wieder kritische Stimmen melden. Die Weltbank hat sich schon 1984 geweigert, das GAP-Vorhaben zu unterstützen. 2001 stiegen mehrere Firmen aus dem Projekt aus, die Schweizer Bank UBS zog ihre Finanzierungszusage zurück.

Auch ein zweiter Anlauf, das Projekt mithilfe mehrerer deutscher, österreichischer und Schweizer Unternehmen zu realisieren, scheiterte. Da die Türkei aus Sicht der Unternehmen aber die Auflagen für Umwelt- und Kulturgüterschutz nicht einhielt, stiegen sie 2009 wieder aus dem Projekt aus.

Trotz aller Bedenken verkündete der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdoğan im Februar 2010 den Weiterbau. Im Frühjahr 2012 folgte der erneute Spatenstich. Bis 2014 soll der Bau abgeschlossen, ein weiteres Jahr später soll der Stausee gefüllt sein.

Autor/in: Sine Maier-Bode/Tobias Aufmkolk

Stand: 10.06.2015, 12:00

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