Kappadokien

Blitze über der Felsenlandschaft von Kapadokien, im Hintergrund eine beleuchtete Stadt

Anatolien

Kappadokien

Von Sine Maier-Bode

Hellgraue Zipfelmützen, Hüte aus Basalt, Kamine, in denen der Legende nach Feen hausten – mitten in Anatolien hat die Natur eine bizarre Landschaft entstehen lassen, die direkt aus einem Märchenland stammen könnte.

Schon früh haben Menschen in den besonders weichen Stein dieser Gegend Höhlen geschlagen und dort Schutz gefunden. Heute zieht es Millionen von Touristen in diese einzigartige Gegend, die die Unesco zum Weltkulturerbe ernannt hat. Eine Gegend, die nicht immer von Türken besiedelt war. Lange bevor die Türken kamen, herrschten hier Hethiter, Griechen und Römer. Später war Kappadokien eines der wichtigsten Zentren des Christentums.

Geboren aus Feuer und Wind

Kappadokien liegt im Südosten der zentralanatolischen Hochebene auf einer Höhe von 1000 bis 1300 Meter. Im Südwesten liegt der 3268 Meter hohe Hasan Dağı, im Osten, nahe der Stadt Kayseri, der 3917 Meter hohe Erciyes Dağı.

Vor Urzeiten haben diese beiden Vulkane riesige Mengen an sogenannter Tuffasche auf das Gebiet in ihrer Mitte geschleudert. Im Laufe der Erdgeschichte hat sich die Asche zu Tuffstein verfestigt. Wind und Wetter haben in Jahrtausenden aus diesem weichen Gestein eine Landschaft geformt, die einer alten Legende zufolge als Spielplatz der Götter diente.

Ohne großen Aufwand lassen sich in diesen Stein Kuhlen, Gänge, Treppen und Höhlen graben. So ist in der bizarren Natur eine Wohnkultur ganz eigener Art entstanden – die Felsenwohnungen von Kappadokien.

Drei Felskegel, die an ihrer Spitze so aussehen, als ob sie einen Hut aus Basalt tragen würden

Wind und Wetter formten diese bizarren Felskegel

Die ersten Christen in Kappadokien

Die ersten, die sich in größerem Ausmaß Wohnungen in die Höhlen des anatolischen Tuffgesteins schlugen, waren Christen. Im 3. Jahrhundert nach Christus waren sie auf der Flucht vor den römischen Verfolgern hier gelandet und hatten in den weichen Tuffsteinen ideale Plätze für ihre Verstecke gefunden.

Hier schufen sie sich Mönchsklausen für ein zurückgezogenes Leben. Schon 391 nach Christi Geburt wurde das Christentum Staatsreligion in der heutigen Türkei, die damals zum Byzantinischen Reich gehörte.

Im heutigen Kayseri, damals Caesarea, hatte Erzbischof Basilius seinen Sitz. Basilius von Caesarea reformierte das Mönchswesen in Kappadokien. An die Stelle der Asketenklausen traten Gemeinschaften von Mönchen, deren Aufgabe darin bestehen sollte, sich um die Sorgen und Nöte der Menschen ihrer Umgebung zu kümmern.

Unter der Erde entstand so im Laufe der Zeit ein Labyrinth an Wohnungen, Kirchen und Klöstern. Die meisten dieser Anlagen entstanden zwischen dem 5. und dem 14. Jahrhundert.

Heute bewundern die Besucher vor allem die Überreste der zahlreichen Höhlenkirchen, die die Mönche mitten in die Steine hineingebaut haben. Die ältesten noch erhaltenen Kirchenanlagen stammen aus dem 6. Jahrhundert.

Mit Hilfe der Unesco konnten einige von ihnen restauriert werden und sind heute zu besichtigen, wie etwa die Tokalı Kilisi aus dem 10. Jahrhundert oder die Schwarze Kirche aus dem 11. Jahrhundert.

Fresko in einer Kirche

Fresko aus der Schwarzen Kirche

Die Höhlenwohnungen

Nicht nur Mönche lebten in den Tuffsteinhöhlen, ganze Städte entstanden hier unter der Erde. An die 200 dieser Anlagen gibt es, einige davon kann man heute besichtigen.

Es gibt Städte, in denen bis zu 20.000 Menschen wohnen konnten. Städte, die bis zu acht Stockwerke in die Tiefe reichten, ein ideales Versteck vor Angriffen jeglicher Art. Versorgt wurden sie durch ein ausgeklügeltes System von Luftschächten, Vorratsräumen und Wasserreservoirs.

Einige dieser Fluchtstädte ließen sich mit riesigen Steinen schließen, so dass niemand, der von der Existenz der Orte nichts ahnte, auf die Idee kam, dort einzudringen.

Man baute in die Tiefe, aber man höhlte auch die spitzen Felsformationen bis in die obersten Winkel aus. Auch hier fand man Schutz vor Angreifern, denn kaum jemand rechnete damit, dass hier Menschen wohnten. "Feenkamine" nennt man noch heute die eigenartigen Formationen. Einer Legende nach sollen sich Feen derjenigen Männer bemächtigt haben, die sich dort hineinwagten.

Ein Felskegel, der mit Wohnungen ausgehöhlt worden ist

Leben im Berg

Und noch eine Funktion hatten die Höhlen: Die Türken bauten ehemalige Höhlenwohnungen für ihre Tauben um. Der Tuffstein ließ sich leicht bearbeiten, so dass man überall kleine Nischen für die Tauben schaffen konnte. Deren Exkremente wurden als Dünger für die Landwirtschaft verwendet.

Das Freilichtmuseum Göreme

Heute zieht es Menschen aus der ganzen Welt nach Kappadokien. Wer dort als Reisender die Felsengebirge besichtigt, landet fast unweigerlich in Göreme. Göreme ist ein kleiner Ort mit etwa 2500 Einwohnern, die vorwiegend von der Landwirtschaft leben. Inzwischen bietet aber auch der Tourismus immer mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für die Einwohner.

Touristen steigen über schmale Treppen ab

Der Tourismus ist eine lohnende Einnahmequelle

Etwa zwei Kilometer vom Ort entfernt liegt das Freilichtmuseum Göreme, das Zentrum des Felsengebirges. Hier befinden sich die restaurierten Kirchen, die zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert von den Mönchen in den Tuffstein geschlagen worden sind und die heute als Weltkulturerbe gelten. Wer sie besichtigen will, muss Eintritt zahlen. Doch ein Blick in diese von außen unscheinbar wirkenden Kulturdenkmäler lohnt.

Auch die Gegend um Göreme herum bietet zahlreiche Einblicke in das frühere Leben Kappadokiens. Die großen unterirdischen Wohnanlagen wie Derinkuyu und Kaymakli sind für Geld zu besichtigen, aber es gibt auch zahlreiche kleinere unterirdische Städte, die man in aller Ruhe ohne Touristenrummel erforschen kann.

Und wer das Land der Feen und Geister aus der Höhe erleben will, dem bieten verschiedene touristische Unternehmen Ballonfahrten an.

Zahlreiche Heißluftballons über der Felslandschaft von Kappadokien

Fahrten mit dem Heißluftballon sind sehr beliebt bei Touristen

WDR | Stand: 22.06.2020, 11:38

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