Bürgerkrieg in Syrien

Naher und Mittlerer Osten

Bürgerkrieg in Syrien

Als Staat ist Syrien gescheitert. Seit 2011 tobt ein Bürgerkrieg in dem Land, Hunderttausende wurden getötet, Millionen sind auf der Flucht. Der Generalsekretär Baschar al-Assad versucht verzweifelt, das Land mithilfe des Militärs zu kontrollieren, während die Terrormilizen des Islamischen Staats die Hälfte des Landes erobert haben. Der internationalen Staatengemeinschaft sind die Hände gebunden.

Aleviten, eine Minderheit an der Macht

Der Bürgerkrieg in Syrien begann 2011, doch seine Ursprünge liegen tief in der Vergangenheit. Ein wichtiger Faktor ist die alevitische Herkunft der Herrscherfamilie al-Assad. Die Aleviten sind mit zehn Prozent eine Minderheit im Staat.

Sie praktizieren eine schiitisch orientierte Variante des Islams. Vor dem Zweiten Weltkrieg hielten sie sich vor allem in einem Gebiet nahe der syrischen Küste auf, wo sie Landwirtschaft betrieben. Da ihnen das Geld fehlte, um sich freizukaufen, wurden viele Aleviten zum Wehrdienst eingezogen. Im Militär waren sie daher überproportional stark vertreten.

Ruinen in der Stadt Daraa, Syrien.

Ruinen in der Stadt Daraa

Die alevitischen Militärs wurden schnell zu einem Machtfaktor im Syrien der Nachkriegszeit, das von Putschen und Aufständen geprägt war. Als der frühere Luftwaffengeneral Hafiz al-Assad 1970 die Macht ergriff, beruhigte sich die Situation im Land zumindest oberflächlich.

Im Militär, in der Politik und in der Wirtschaft: Hafiz al-Assad besetzte wichtige Schaltstellen mit Gefolgsleuten, die oft ebenfalls alevitischer Herkunft waren. Zudem ließ er den alevitischen Siedlungsgebieten großzügige Wirtschaftshilfen zukommen.

Doch die Proteste gegen diese Politik der Bevorzugung wurden immer stärker. 1982 gipfelten sie in einem Aufstand der sunnitischen Muslimbrüder, die die Aleviten nicht als Muslime anerkennen. Den Aufstand ließ al-Assad brutal niederschlagen. Während eines Angriffs von Regierungstruppen auf die Stadt Hama, eine Hochburg der Muslimbrüder, starben mehr als 20.000 Menschen.

Baschar enttäuscht die Hoffnungen

Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Der Präsident von Syrien: Baschar al-Assad

Der Unmut in der vornehmlich sunnitischen Bevölkerung Syriens wuchs weiter. Als im Jahr 2000 Baschar al-Assad das Präsidentenamt seines verstorbenen Vaters übernahm, keimte Hoffnung in der Bevölkerung auf.

Der damals 35-Jährige galt als gemäßigter. Nach seinem Amtsantritt amnestierte er politische Gefangene, liberalisierte Teile der Wirtschaft und öffnete die Verwaltung. Doch die Hoffnung auf eine Demokratisierung und Liberalisierung Syriens zerschlugen sich rasch.

Baschar entpuppte sich als Hardliner, der mithilfe des Militärs und der Geheimdienste seine Macht sicherte. Seine Widersacher unterdrückte er, seine Fürsprecher belohnte er, etwa mit Geld und anderen Privilegien.

Die Rebellenarmee formiert sich

2011: Menschen protestieren gegen die Regierung Syriens.

2011: Menschen protestieren gegen die Regierung Syriens

Im Gegensatz zu Tunesien, Libyen und Ägypten kam die Protestbewegung des Arabischen Frühlings in Syrien mit Verspätung in die Gänge. Am 15. März 2011 versammelte sich in Damaskus eine kleine Gruppe Demonstranten, die "Gott, Syrien, Freiheit" statt des Regime-Leitspruchs "Gott, Syrien, Baschar" skandierte.

Als in der Stadt Daraa Jugendliche verhaftet und gefoltert wurden, weil sie regierungskritische Graffiti gesprüht hatten, kam es zu Protesten. Tausende Menschen gingen auf die Straße und protestierten friedlich gegen die Verhaftungen. Doch die Sicherheitskräfte feuerten in die Menge und töteten fünf Menschen.

Anstatt die Proteste zu unterdrücken, heizte das den Konflikt nur weiter an. Nahezu täglich kam es in immer mehr Landesteilen zu Demonstrationen gegen die Regierung, die mit Gewalt niedergeschlagen wurden.

Baschar, der die Proteste anfangs nicht ernst genommen hatte, machte vage Reformversprechen. Doch die Lage verschärfte sich. Soldaten, die den Schießbefehl gegen die Demonstranten nicht umsetzen wollten, desertierten und bildeten im Juli 2011 die Freie Syrische Armee (FSA), die immer mehr Zulauf erhielt.

Zunächst nur mit der Sicherung von Demonstrationen und Kundgebungen betraut, kam es bald zu Gefechten mit Regierungstruppen. Im Sommer 2012 eskalierte der Konflikt. Baschar setzte vermehrt die Luftwaffe ein und schoss Raketen und Bomben auf die Städte und Viertel der Aufständischen.

Im August 2013 starben mehrere Hundert, womöglich fast 2000 Menschen in der Region Ghuta durch den Einsatz des Giftgases Sarin. Baschar und die Rebellen beschuldigten sich gegenseitig, die Chemiewaffen eingesetzt zu haben, deren Einsatz international geächtet ist.

Radikalisierung und Brutalisierung

2012: Rebellen nahe Aleppo, Syrien.

Aleppo, 2012: Die Situation eskaliert

Für die Vereinigten Staaten von Amerika war damit eine Grenze überschritten. Präsident Obama, der Baschar für den Gaseinsatz verantwortlich machte, suchte internationale Mitstreiter für einen Militärschlag.

Russland und China sprachen sich dagegen aus. Stattdessen beschloss der UN-Sicherheitsrat die Vernichtung aller Chemiewaffen in Syrien, was vom Assad-Regime akzeptiert wurde.

Die Dauer und die Brutalität des Bürgerkriegs führte zu einer Radikalisierung und Zersplitterung der Rebellen. Vor allem die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gewann immer mehr an Einfluss und militärischer Macht.

Das Ziel der Gruppierung ist die Errichtung eines islamischen Staats, in dem die strengen religiösen Regeln der Scharia gelten. Wer die Glaubenssätze der IS-Milizen nicht teilt, muss um sein Leben fürchten.

Das gilt für "ungläubige" Christen ebenso wie für Jesiden, Schiiten oder Aleviten, die nach Meinung der IS-Anhänger den falschen Islam praktizieren. Mitte 2015 kontrollierte der IS mehr als die Hälfte des syrischen Staatsgebiets. Der Großteil davon ist Wüste. Im September 2014 flog die US-Armee erstmals Luftangriffe gegen die Stellungen der IS-Kämpfer.

Die Hälfte der Einwohner ist auf der Flucht

Syrische Flüchtlinge in libanesischem Lager.

Flüchtlingslager als letzte Zuflucht

Wegen des Krieges und der internationalen Sanktionen sind Industrie und Landwirtschaft in weiten Teilen des Landes zusammengebrochen. Bis Mitte 2015 gab es etwa 220.000 Todesopfer.

Die Arbeitslosigkeit betrug mehr als 50 Prozent, knapp zwei Drittel der Bevölkerung lebte in extremer Armut. Humanitäre Hilfe ist kaum möglich, da die Sicherheit von internationalen Hilfsorganisationen nicht gewährleistet werden kann.

2015 waren von den 22 Millionen Einwohnern Syriens zwölf Millionen auf der Flucht, vier Millionen hatten das Land verlassen. Die Vereinten Nationen bezeichneten die Lage als die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda.

Ein Großteil der Flüchtlinge ist in die Türkei, den Libanon und nach Jordanien geflohen, wo sie meist in Lagern unter problematischen hygienischen und sozialen Bedingungen leben.

Deutschland hat seit Kriegsausbruch 105.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen (Stand: 2015). Ein Fünftel von ihnen kam durch humanitäre Aufnahmeprogramme ins Land und wurde zum Teil eingeflogen. Der Rest der Flüchtlinge hat hier Asyl beantragt – und in den meisten Fällen gewährt bekommen.

Die meisten Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, stammen aus Syrien. 2014 war ein Viertel der insgesamt 170.000 Flüchtlinge Syrer. Sie riskieren ihr Leben und begeben sich in die Hände Schleppern, die sie auf schrottreifen Schiffen über das Meer schicken. Auch bei der Schiffskatastrophe vom 19. April 2015, als vor der italienischen Küste 800 Flüchtlinge ertranken, waren viele Syrer unter den Opfern.

Wann endet der Krieg?

Die Stadt Asas in Syrien liegt in Trümmern.

Die Stadt Asas in Syrien liegt in Trümmern

Eine Aussicht auf ein Ende des Bürgerkriegs und eine Normalisierung des Lebens liegt 2015 in weiter Ferne. Militärisch sind die Parteien nahezu gleich stark, die Möglichkeit einer Entscheidung mit kriegerischen Mitteln ist eher unwahrscheinlich.

Militärische Initiativen aus dem Ausland gestalten sich ebenfalls schwierig. Zum einen genießt die Regierung in Syrien immer noch gute Beziehungen zu Russland und China, die bei den Vereinten Nationen entsprechende Initiativen der USA und Frankreichs regelmäßig abblocken.

Zum anderen gilt die Rebellenfront gegen Assad als politisch unzuverlässig. Bei einem Eingriff droht die Gefahr, dass die Westmächte zwischen die Fronten geraten, zwischen den IS auf der einen Seite und Assads Militär auf der anderen.

Eine demokratisch und liberal gesinnte Opposition ist kaum vorhanden – das ist das Ergebnis jahrzehntelanger Unterdrückung. Eine Zivilgesellschaft und demokratische Strukturen – diese konnten sich hier nicht bilden. Syrien ist als Staat gescheitert.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 18.08.2015, 06:00

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