Die starken Frauen von Juchitán

Zwei Frauen mit bunt bestickten Trachten, Goldschmuck und bunten Haarbändern.

Mexiko

Die starken Frauen von Juchitán

Auf den ersten Blick kommt die Provinzstadt Juchitán am Golf von Tehuantepec daher wie eine gewöhnliche, moderne mexikanische Kleinstadt. Verkehrsstaus, Burger King und ein nicht gerade attraktives Handelszentrum prägen den Stadtkern. Bis man den Markt betritt. Dem Neuling fällt sofort auf: Hier haben die Frauen das Sagen. In ihren bunten Kleidern preisen die Händlerinnen geschäftstüchtig ihre Waren an, prüfen die Kundinnen fachmännisch das Angebot.

Das stolze Erbe der Zapoteken

In Juchitán haben sich die Menschen einen Teil ihrer Traditionen bewahrt. Im Gegensatz zu anderen indigenen Volksgruppen Mexikos sind sie stolz auf ihr zapotekisches Erbe. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung Juchitáns spricht die Sprache der alten Hochkultur. In anderen Regionen ist das höchstens bei zehn Prozent der indigenen Völker der Fall.

Ebenso ist Armut kein großes Thema in der Region – im Gegenteil: In ganz Mexiko ist Juchitán für seinen Wohlstand, seine gewieften Händlerinnen, das schöne Kunsthandwerk und die rauschenden Feste bekannt. Aber die Feste sind nur ein Teil dessen, was diese Gesellschaft im Bundesstaat Oaxaca so besonders macht.

Die Frauen haben das Sagen

Eine Frau im geblümten Kleid fertigt Blumenschmuck.

Eine Blumenhändlerin auf dem Markt von Juchitán

Manche behaupten, in Juchitán herrsche ein Matriarchat. Ob das stimmt, ist wohl eher eine Frage der Definition. Dass die Frauen dort sehr stark und selbstbewusst sind und sich dieses Selbstbewusstsein auf eine eigene Ökonomie gründet, steht außer Frage. Die Arbeitsteilung in Juchitán ist stark geschlechterspezifisch geprägt. Die Frauen sind für den Handel zuständig, sie fahren zum Markt, verkaufen die Ware und verwalten die Finanzen der Familie.

Die Männer sind vorwiegend für die Herstellung der Produkte zuständig und arbeiten in der Landwirtschaft, Fischerei oder Industrie. Das oft verbreitete Vorurteil, die Männer Juchitáns würden den ganzen Tagen dem Müßiggang frönen, trifft nicht zu.

Das dritte Geschlecht: die "Muxes"

Eine Frau frisiert eine Muxe für ein Fest und schmückt die Haare.

Eine "Muxe" wird frisiert

Allerdings haben die Männer in einer Hinsicht mehr Freiheit als ihre vom "Machismo" geprägten Landsmänner in anderen Provinzen. Wer sich als Mann eher dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlt, kann dies ohne Probleme in Juchitán ausleben.

Die "Muxes", meist sich als Frau definierende Männer, sind hoch angesehen in der juchitekischen Gesellschaft. Sie gelten als feinfühlig und hilfsbereit, verrichten die gleichen Arbeiten wie die Frauen und widmen sich oft dem Kunsthandwerk. Viele wohnen ihr Leben lang bei den Müttern. In Juchitán werden sie als das "dritte Geschlecht" bezeichnet.

365 Tage im Jahr feiern

Die prachtvoll gekleideten Frauen zelebrieren einen Gottesdienst.

Festlich geschmückt zum Gottesdienst

Fast jeden Tag wird irgendwo in Juchitán ein rauschendes Fest gefeiert: Ob Geburtstag, Hochzeit oder das Initiationsfest der 15-jährigen Mädchen – die über 600 im Jahr stattfindenden Feste dauern immer mehrere Tage und werden mit mindestens ein paar Hundert Gästen gefeiert. Die großen Nachbarschaftsfeste, die "Velas" sind mit bis zu 4000 Besuchern noch größer.

Jede zapotekische Frau träumt davon, einmal die Schirmherrschaft für ein solches Fest zu übernehmen. Tagelang dauern die Vorbereitungen zu den viertägigen Festen, auf denen die Frauen ihre – durch die Malerin Frida Kahlo bekannt gewordenen – bunten Trachten und den imposanten Goldschmuck tragen.

Das Grundprinzip: Geben und Nehmen

Die einzigartige Ökonomie, die das gesellschaftliche Gefüge der Einwohner Juchitáns zusammenhält, gründet auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Richtet eine Frau ein Fest aus, so kann sie sicher sein, dass die anderen Frauen Geld, Geschenke und Speisen mitbringen. Die Gäste sehen das als Investition in die Zukunft, denn sie wissen, dass auch sie bei ihrem künftigen Fest eine ähnliche Unterstützung zu erwarten haben.

Das gegenseitige Geben und Nehmen ist die Basis der ökonomischen Ordnung in Juchitán. Das Prestige einer Familie steigt mit ihrer Freigiebigkeit, nicht durch das pure Anhäufen von Reichtum.

Autorin: Sandra Kampmann

Weiterführende Infos

Stand: 20.07.2016, 14:15

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