Fußball in der Siedlung – VfR Bottrop-Ebel

Szene aus dem Film Das Wunder von Bern: Auf dem matschigen Weg vor einigen Zechenhäusern spielen Jungen mit einem Lumpenball Fußball.

Arbeitersiedlungen

Fußball in der Siedlung – VfR Bottrop-Ebel

Fußball im Ruhrgebiet ist mehr als Schalke 04, Borussia Dortmund und VfL Bochum. Nirgendwo in Deutschland gibt es mehr Vereine. Viele entstanden zwischen den Häusern der Siedlungen: Zechenarbeiter gründeten Straßen- und Viertelmannschaften.
Doch während Vereine wie Schalke 04 Fußballgeschichte geschrieben haben, kicken die meisten Vereine jenseits gefüllter Zuschauerränge – wie der VfR Ebel in Bottrop.

Verein der "Inselbewohner"

Die Entwicklung Bottrops ist typisch für das gesamte Ruhrgebiet: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch ein unbedeutendes Dorf mit nicht einmal 2500 Einwohnern, entwickelt sich Bottrop durch den Bergbau zur bedeutenden Industriestadt. 1919 zählt man bereits 72.000 Einwohner und erhält die Stadtrechte.

Der Startschuss dieser Entwicklung fällt 1856 mit der Gründung der Zeche Prosper I. Hier in der Nähe der Emscher entsteht um die Jahrhundertwende auch die Prosper-Kolonie – die Zechensiedlung, durch die der Stadtteil Ebel im Grunde erst entsteht.

Wie die meisten Siedlungen liegt auch die Prosper-Siedlung weit entfernt von anderen Orten. Doch diese Abgeschiedenheit wird 1914 noch verschärft: Durch den Bau des Rhein-Herne-Kanals wird Ebel quasi zur "Insel". Zwischen Kanal, Emscher und Berne ist die Siedlung fortan nur noch über Brücken zu erreichen.

Ein Straßenzug der Prosper-Siedlung im Bottroper Stadtteil Ebel mit einem typischen eineinhalbgeschossigen Zechenhaus im Vordergrund.

Zechenhäuser in Ebel – gebaut Anfang des 20. Jahrhunderts

Die "Inselbewohner" entwickeln ein starkes Gemeinschaftsgefühl und ein reges Vereinsleben. So gründen die Einwanderer aus den Ostgebieten unter anderem den "Polenverein" und den Verein "Heimattreue Ostschlesier". Es entstehen Radsport-, Karnevals-, Männergesangs- und Taubenzüchtervereine – und 1926 auch ein Fußballverein, der VfR Ebel.

Den Fußballplatz leihen sich die Mitglieder von einem Bauern. Allzu lange besteht der VfR Ebel jedoch (zunächst) nicht, sondern löst sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf.

Die zweite Gründung

1946 kleben ein paar junge Leute Plakate an die Häuser in Ebel. Jeder, der sich für die Gründung eines neuen Fußballvereins interessiert, soll in die Gaststätte Pferdkämper kommen.

Ende Mai ist es soweit: Unter dem Vorsitz des Bergwerksdirektors von Prosper I gründet sich der "Verein für Rasenspiele Bottrop-Ebel 1946". Mitglieder sind fast ausschließlich Bergleute. Doch nicht nur die engagieren sich für den neuen Verein.

Der Fußballplatz ist ein Gelände, das mit Bombentrichtern übersät ist. Die Ebeler leihen sich von einer Firma Schienen und Kippwagen. Wochenlang schuftet fast die gesamte Siedlung, um den Platz in Schuss zu bringen. Und kaum ist er halbwegs bespielbar, steht das erste Spiel an. In Grubenschuhen stapfen die Ebeler gegen den Ortsrivalen Rhenania Bottrop über den Platz – und kassieren prompt eine derbe 0:21-Klatsche.

Doch das Ergebnis ist Nebensache. Wichtiger ist, dass es in Ebel wieder einen Fußballverein gibt. Nach und nach kratzt man das zusammen, was man fürs Kicken braucht. So bekommt der Verein in einem Tauschgeschäft gegen fünf Tonnen Kohle seinen ersten Satz Trikots, einen Schwung Bälle und Fußballschuhe.

Das rot-weiße Wappen des Fußballvereins VfR Bottrop-Ebel 1946.

Das Wappen des Bottroper Fußballclubs

Erste Liga – von unten

Vom Erfolg verwöhnt war der VfR Ebel nie. Doch mit dem Ende der Saison 2002/03 kam er endgültig ganz unten an: Die erste Mannschaft stieg ab und kickte 2003/2004 in der Kreisliga C. Das ist die neunte Liga von oben – oder auch die erste von unten, wie man will.

Ebel spielte nun gegen die zweiten und dritten Mannschaften anderer Vereine. "Das ist Gift für eine erste Mannschaft", findet Winfried Kraaß. Und er weiß, wovon er spricht: Seit Gründung des Vereins 1946 war Kraaß bereits Spieler, Trainer, Obmann, Kassierer, Geschäftsführer, Vorsitzender. Sogar um die Trikotwäsche hat er sich gekümmert.

Dortmunder Verletzungspech? Schalker Formkrise? Von solchen Problemen träumt man in Ebel. Selbst zum Spitzenspiel der ersten Mannschaft in der Kreisliga C gegen das Team des F.C. Portugal kamen nicht mehr als 50 Zuschauer – und die waren auch noch zum Großteil Spieler der zweiten Mannschaft und der A-Jugend.

Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Auch die Spieler werden weniger, sagt Winfried Kraaß: "Man muss schon mit der Schelle rumlaufen, um noch elf Leute zusammenzukriegen."

Noch immer kicken beim VfR nur Kolonie-Bewohner. Spieler von außen kommen nicht. Statt dessen verlassen regelmäßig gute Spieler den Verein – geködert von anderen Vereinen, oft schon in der Jugend. Auf der Suche nach Arbeit und mehr Wohnqualität kehren einige der gut 2000 Einwohner Ebel komplett den Rücken: In der Siedlung fehlen Geschäfte, Ärzte, sogar eine Post. Viele der Zechenhäuser stehen bereits leer. Saniert wurde hier nur wenig.

Dennoch schaffte die Mannschaft 2008 unter Trainer Thomas Fels sogar den Aufstieg in die Kreisliga A. Doch nach vielen Querelen musste der Verein seine Mannschaft zur Saison 2017/18 aus der Kreisliga A abmelden, weil sich nicht genug Spieler fanden.

Zwei Männer stehen vor einem Asche-Fußballplatz.

Sein Herz gehört dem VfR: Ex-Chef Winfried Kraaß (r.)

Autor: Christoph Teves

Weiterführende Infos

Stand: 04.08.2017, 12:00

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