"Junges Licht": Ein Film über das Leben im Ruhrgebiet

Bergleute gehen in einer Gruppe durch einen Stollen unter Tage

Ruhrgebiet

"Junges Licht": Ein Film über das Leben im Ruhrgebiet

Bergbau, Stahlindustrie, Fußball: Der Regisseur Adolf Winkelmann hat einen Film über das Ruhrgebiet gedreht. Der Pott ist für ihn die spannendste Region in Deutschland.

Planet Wissen: Dortmund gilt nicht gerade als die Metropole des deutschen Films. Warum hat es Sie nicht nach Berlin oder München gezogen?

Adolf Winkelmann: Ich lebe und arbeite im Ruhrgebiet, weil ich finde, dass das Ruhrgebiet die aufregendste und interessanteste Region der Republik ist. Ich habe verschiedene Filme über das Ruhrgebiet gemacht. Der erste Film, "Die Abfahrer", beschäftigte sich mit den Stahlwerken, die dichtmachen. In "Jede Menge Kohle" geht es um den Bergbau.

Ich fragte mich: Was stiftet sonst noch Identität im Ruhrgebiet? Und dann habe ich den Film "Nordkurve" gemacht, einen Film über Fußball. Der Fußball befeuert unser Heimatgefühl. Der Sport hat nicht so etwas Elitäres wie Golf oder Tennis. Fußball im Ruhrgebiet ist ein Sport von Arbeitern.

Adolf Winkelmann

Porträt-Foto Adolf Winkelmann

Regisseur und Filmemacher

Adolf Winkelmann wurde 1946 geboren und wuchs in Dortmund auf, wo er heute lebt und arbeitet. Viele seiner Filme wurden mit Preisen ausgezeichnet, darunter sein Fernsehfilm von 2007 über den Contergan-Skandal. Ein besonderes Faible scheint Winkelmann für das Ruhrgebiet zu haben.

Viele seiner Filme spielen im Revier und stellen das Leben der einfachen Menschen in den Mittelpunkt. So auch der Film "Junges Licht", dessen Premiere im Mai 2016 gefeiert wurde.

Winkelmann war viele Jahre Professor für Filmdesign an der Fachhochschule Dortmund. Im Rahmen des Projekts RUHR.2010 konzipierte Winkelmann die beliebte Videoinstallation am Gebäude des Dortmunder U.

Vor allem die Bergarbeiter stehen für das Ruhrgebiet. Warum?

Die Bergleute sind sehr anerkannt gewesen. Sie wurden sehr respektvoll behandelt. Die Angst vor dieser Tiefe, vor dieser Dunkelheit, vor dieser Gefahr. Tausend Meter Fels über mir – und diese Steindecke wird gehalten von ein paar lächerlichen Holzstempeln.

Unter Tage zu arbeiten, ist eine außergewöhnliche, unglaubliche Erfahrung. Die Menschen sahen diesen Beruf als etwas Besonderes an. Die Arbeit des Bergmanns ist ein Mythos. Und wer einmal selbst unter Tage gewesen ist, weiß, wie das zustande kommt.

1 Minute mit: Adolf Winkelmann, Regisseur Planet Wissen 23.06.2016 01:18 Min. UT Verfügbar bis 23.06.2021 WDR

Ihr Film "Junges Licht" spielt im Ruhrgebiet der 1960er Jahre. Darin geht es um eine typische Bergarbeiterfamilie. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?

Das fing damit an, dass ich einen Roman von Ralf Rothmann gelesen habe. Ich fragte mich: Woher weiß der Autor eigentlich, was ich in meiner Kindheit erlebt habe?

Ich habe mich in dem Buch in vielen Dingen wiedergefunden. Und dann habe ich gedacht, das müsste man doch eigentlich verfilmen. Ich habe mich aber auch gefragt: Wen könnte das eigentlich interessieren?

Leute, die so alt sind wie ich, die interessiert das vielleicht, weil sie ihre eigene Kindheit wiedersehen können. Aber interessiert das einen Dreißigjährigen? Dann war es aber so, dass zwei dreißigjährige Drehbuchautoren den Stoff an mich herangetragen haben.

Filmszene aus "Junges Licht": Ein Junge und sein Vater sitzen auf einem Balkon und essen

Ruhrgebiets-Idylle der 1960er

Wie haben Sie die Schauplätze gefunden, die für das Leben in den 1960er Jahren so typisch waren?

Ich kenne das Ruhrgebiet, ich lebe hier mein Leben lang. Dennoch bin ich vor der Produktion jedes Wochenende rumgefahren und habe versucht herauszufinden, was es noch gibt oder was in den vergangenen zwei Jahren abgerissen worden ist.

Das Ruhrgebiet, so wie es in den 1960er Jahren war, ist eine untergegangene Welt. Das gibt es nur noch in einzelnen Fragmenten. Und wenn man so einen Film macht, dann muss man diese Fragmente zusammensetzen zu einem Bild, das einigermaßen dem entspricht, wie es damals ausgesehen hat.

Aber letztlich zufrieden bin ich nie damit. Ich finde es so traurig, dass selbst während wir gearbeitet haben, Dinge verschwunden sind. Die Zeche Auguste Victoria etwa, wo wir immer Sommer 2015 noch gedreht haben, ist im Herbst geschlossen worden.

Jetzt gibt es nur noch zwei fördernde Zechen im Ruhrgebiet – und auch diese werden bis 2018 geschlossen. Eine ganze Industriegeschichte endet damit.

Zwei Fördertürme aus Stahl

Die Fördertürme der Zeche Auguste Victoria in Marl dienten als Kulisse für Winkelmanns Film

Früher stand das Ruhrgebiet für Kohle und Stahl. Wofür steht es heute?

Da sind die Hochschulen in Bochum und Dortmund sehr wichtig. Fast ein Zehntel der Dortmunder sind Studenten: 50.000 Studenten! Das heißt: Im Ruhrgebiet herrscht eine sehr kreative Atmosphäre.

Man spürt inzwischen einen Aufbruch. Viele kleine Firmen, viele Leute, die hier studiert haben, die was gelernt haben, die weiter wollen, die was Neues entwickeln wollen, leben hier – und sorgen damit für einen Wandel in der Gesellschaft. Dass wir kulturell weit vorne sind und die meisten Theater und Kinos haben, ist bekannt.

Studentinnen und Studenten vor Gebäuden der Ruhruniversität Bochum

Prägen die Stadt: die Ruhruniversität Bochum und ihre Studierenden

Worum geht es in Ihrem Kunstprojekt des Dortmunder U?

Ich habe erst einmal damit angefangen, bewegte Bilder hoch über der Stadt anzubringen, leuchten zu lassen, ein sichtbares Zeichen herzustellen. Für die Stadt, vielleicht aber auch für das ganze Ruhrgebiet. Ein Symbol, das von weit her, von allen Seiten zu sehen ist.

Die Menschen sehen und lieben das. Sie sagen: Jetzt haben wir auch unseren Eiffelturm! Die Reaktionen haben mich auf die Idee gebracht, dass man das auch verwenden kann, als ein Instrument zum Dialog mit den Bürgern in der Stadt.

Als wieder einmal, wie so häufig, die Rechten Demos in der Stadt ankündigten, da habe ich darüber nachgedacht, was kann ich denn nur machen? Als diese Demonstrationen stattfanden, habe ich um den Turm eine riesige Laufschrift laufen lassen: "Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool."

Dieses Gebäude, 1927 gebaut, hat das alles schon mal erlebt, dachte ich. Die Menschen haben sich darüber gefreut, dass der Turm etwas zu ihnen sagt. Und so ist es gekommen, dass ich zu unterschiedlichen Anlässen versuche, den Turm auch als Kommunikationsinstrument zu nutzen.

Adolf Winkelmann, der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und der damalige Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau am 28. Mai 2010 während des offiziellen Starts vom Dortmunder-U-Projekt

Das Dortmunder U – ein Kunstprojekt von Adolf Winkelmann (links)

Ist der Turm einer alten Brauerei zu einem neuen Identifikationssymbol für das Revier geworden?

So etwas fördert die Identifikation, das ist ganz deutlich. Wir haben ungefähr hundert verschiedene Motive und können deshalb drei Monate lang immer was anderes spielen. Jeweils zur vollen Stunde erscheinen die Tauben.

Werktags die Brieftauben, sonn- und feiertags die weißen Tauben. Kürzlich hat mir jemand gesagt, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, komme ich immer am U-Turm vorbei – und wenn ich da oben die Tauben sehe, dann weiß ich, dass ich wieder zu spät komme.

Der Turm der ehemaligen Dortmunder Union-Brauerei mit dem typischen gelben Buchstaben U auf seiner Spitze. Darunter zeigt die Videoinstallation Tauben. Rechts im Bild der Filmemacher Adolf Winkelmann

Die Tauben erscheinen zu jeder vollen Stunde auf dem U-Turm

Interview: Alfried Schmitz

Stand: 08.06.2016, 17:00

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