Kiew

Fluss mit modernen Bauten und alter Kirche an seinen Ufern.

Ukraine

Kiew

Die Hauptstadt der Ukraine hat zwei Gesichter. Hügelig-grün ist das Westufer des Flusses Dnjepr mit seinen zahlreichen historischen Bauten – flach und seenreich das Ostufer mit modernen Büro- und Appartementhäusern. Rund 2,7 Millionen Einwohner leben in der größten Stadt der Ukraine.

Diesseits und jenseits des Dnjepr

Acht Brücken verbinden seit 2012 die beiden Ufer des Dnjepr. Die Steilhänge des Flusses sind kilometerlang grün gesäumt. Parkanlagen und Blumenbeete ziehen sich durch das gesamte Stadtbild. Die Hälfte des städtischen Areals sind Grünflächen. Kiew gehört damit zu den grünsten Städten Europas. Zur Naherholung laden 129 Seen und die Truchaniv-Insel mit Sandstrand mitten im Dnjepr ein.

Einkaufspassagen und Boutiquen bieten westeuropäischen Standard, ebenso wie zahlreiche Hotels und Restaurants. Am Westufer des Dnjepr liegt Kiews Prachtmeile, die Chrescatyk. Nachdem um 1830 wohlhabende Bürger hier ihre Geschäfte eröffneten, kamen schon wenig später Cafés und elegante Wohnhäuser dazu.

Bis heute findet man hier Konditoreien, Banken und die besten Geschäfte. An Wochenenden und Feiertagen ist die 100 Meter breite Meile für den normalen Verkehr gesperrt.

Stadtgründung und die Kiewer Rus

Fluss Dnepr in Kiew.

Wasserstraße mit großer Bedeutung

Schon früh gehörte der Dnjepr zu einem weitläufigen Netz von Wasserstraßen, das von der Ostsee bis zum Mittelmeer reichte. Mittendrin das Fürstentum Kiew. Die Siedlungsgeschichte begann laut Chronik mit dem Jahr 428. Zu diesem Zeitpunkt soll ein ostslawischer Stammesfürst namens Kyj mit seinem Bruder und seiner Schwester auf einem der Kiewer Hügel eine Burg gebaut haben. Archäologen fanden 1908 dort tatsächlich Reste einer Burg. Diese erste Siedlung trug den Namen ihres Fürsten: Kiew.

Das Fürstentum wuchs durch seine günstige Lage zu einem wirtschaftlich wichtigen Standort, wurde reich und lockte Eroberer an. Das war im neunten Jahrhundert der Stamm der Rus, der "Ruderer", aus Skandinavien, mit denen auch Fürst Oleg kam. Zuvor hatten die Rus bereits Nowgorod im Nordwesten des heutigen Russlands erobert. Oleg unterwarf auch Kiew und vereinte die beiden Fürstentümer zur Kiewer Rus.

Kiew und Nowgorod wurden die Zentren dieses neuen ostslawischen Reiches, das vom Finnischen Meerbusen bis an die Karpaten reichte. Heute erinnert der Name Russland noch an das Land der Rus. Als um 1240 ein innerer Konflikt die Herrschaft der Rus schwächte, überfielen die Mongolen Kiew. Die Bewohner wurden getötet, die Stadt niedergebrannt. Danach fiel Kiew für einige Jahrhunderte an Litauen.

Unter Zaren- und Sowjetherrschaft

Schwarzweiß-Foto: Kiew und der Dnepr von oben.

Kiew um 1880

Im 19. Jahrhundert kamen neue Machthaber in die Stadt: die russischen Zaren. Es war die Zeit der beginnenden Industrialisierung. 1834 wurde die Universität gegründet, 1853 die erste große Brücke über den Dnjepr gebaut. Die erste Eisenbahn machte die Transportwege schneller, 1861 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, Reformen kamen zum Zuge. Alle diese Neuerungen förderten Kiews Wirtschaft. Für die knapp 200.000 Einwohner entstanden große Mietshäuser. Bis zum Ersten Weltkrieg verdreifachte sich die Zahl.

1917 brach ein Bürgerkrieg aus: Der Zar war gestürzt, die Oktoberrevolution in vollem Gange. Die Ukrainer wollten ihre Unabhängigkeit. Schon 1920 war der Traum ausgeträumt. Die Ukraine wurde sowjetisch. Der Zweite Weltkrieg brachte die neue Ordnung wieder zu Fall. 1941 besetzten deutsche Truppen die Stadt – für knapp zwei Jahre. In dieser Zeit wurden über 50.000 Kiewer Juden ermordet. 1945, mit Kriegsende, übernahmen die Sowjets wieder die Macht, bis die Ukraine 1991 unabhängig wurde.

Die Sophienkathedrale

Kathedrale mit vergoldeten Dächern.

Sophienkathedrale in Kiew

Kiews alte Bausubstanz liegt auf den Hügeln der Stadt. Auf dem nördlichen Hügel glänzen die 13 goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale, für die Fürst Jaroslaw der Weise um 1037 den Grundstein gelegt haben soll. Er liebte den byzantinischen Stil, Vorbild für die Kathedrale war die Hagia Sophia in Istanbul. Die Sophienkathedrale wurde zur Hauptkathedrale der Kiewer Rus.

200 Jahre später zerstörten die Mongolen das Gotteshaus, dann die Krimtataren und nach einem wiederholten Wiederaufbau vernichtete ein Brand die Kathedrale. 22 Jahre – bis 1707 – dauerte die Rekonstruktion im ukrainischen Barockstil.

1934 verloren die Gläubigen ihre Kirche zum letzten Mal. Die Sowjets wandelten das Gotteshaus in ein Museum um. Auch nach dem Zerfall der Sowjetunion fand man in der Kathedrale keinen Frieden. Strittig war nun, ob sie der orthodoxen Kirche Moskaus, der Kiews oder gar der ukrainisch-katholischen Kirche angehören sollte. Der Streit war mit christlicher Einigung nicht zu lösen. Nun ist die Kathedrale wieder ein Museum.

Religionsstreit – wohin mit Volodymyr?

Gemälde zeigt ein Taufritual.

Die Taufe des Volodymyr

Die Christianisierung begann in Kiew im Jahr 988, als sich Großfürst Volodymyr zum Christentum bekehren ließ. Das hatte eine Massentaufe im Dnjepr zur Folge. Seitdem gilt der Großfürst als Urvater der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats.

Als man 1995 – fast tausend Jahre später – seine sterblichen Überreste in der Sophienkathedrale beisetzen wollte, gab es Widerstand. Die russisch-orthodoxe Kirche verwehrte den Zutritt.

Kiews Behörden konnten den Streit ohne Gesichtsverlust beenden: Die Kathedrale sei Staatseigentum und daher Museum und nicht Kirche. Nun liegt Volodymyr draußen neben dem Glockenturm, am Rand einer nach ihm benannten Straße.

Kleinode auf Kiews Hügeln

Blauer Gebäudekomplex mit Goldkuppeln.

Blick über den Sophienplatz auf das Michaelskloster

An der Volodymyr-Straße, nicht weit entfernt von der Sophienkathedrale, liegt das Michaelskloster. Im Jahr 1113 stand dort nur eine Kirche im byzantinischen Stil, reich an Fresken und Mosaiken. Sie wurde 1240 wie auch andere Gotteshäuser Kiews von den Tartaren ausgeplündert. Erst 350 Jahre später entstanden auf dem Gelände das Michaelskloster und die Michaelskirche – restauriert im ukrainischen Barockstil.

Zum Leidwesen der Kiewer Bevölkerung riss die Sowjetmacht 1934 das prunkvolle Kloster ab. Viele wertvolle Mosaike und Fresken transportierten die neuen Machthaber in die zum Museum umgewandelte Sophienkathedrale und in russische Museen. Das historische Kleinod wich einem Gebäude für das Zentralkomitee der ukrainischen Kommunisten.

Heute ist das Außenministerium darin untergebracht. Nach der Unabhängigkeit wurde das Michaelskloster 1997 originalgetreu wieder aufgebaut. Seitdem leben dort wieder Mönche und es finden Gottesdienste statt. Vom Hügel des Klosters hinab führt eine Gasse an der barocken Andreaskirche vorbei. In der gleichnamigen Gasse, dem Andreasstieg, lebt die Künstlerszene. Hier haben Maler ihre Ateliers, es gibt Cafés, Restaurants, Flohmärkte mit Kitsch, Kunst und jede Menge Souvenirs.

Das Höhlenkloster

Wuchtige Kathedrale von unten aufgenommen.

Uspenski-Kathedrale auf dem Höhlenklostergelände in Kiew

Im Süden Kiews, am Dnjepr, liegt das Höhlenkloster aus dem 11. Jahrhundert. Ein Einsiedler soll damals am Steilufer des Flusses eine Höhle gegraben haben. Zu ihm gesellte sich ein griechischer Mönch. Die beiden bekamen Zulauf. Mehr und mehr Höhlen entstanden. Sie erhielten zusätzlich Land oberhalb der Höhlen und bauten Kirchen, Wirtschaftsgebäude, eine Schule und ein Heim für Obdachlose.

Ende des 19. Jahrhunderts lebten dort über 1000 Mönche. Es wurde Wallfahrtsort für viele orthodoxe Pilger. 1919 verstaatlichten die Sowjets das Kloster. Der Gebäudekomplex wurde zum Museumsdorf. Mit der Unabhängigkeit 1991 haben die Mönche den unteren Teil, die Höhlen, zurückerhalten.

Autorin: Bärbel Heidenreich

Weiterführende Infos

Stand: 29.08.2016, 14:17

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