Evangelikale Christen – Konservativ bis radikal

Eine junge Frau hat die Hände zum Gebet gefaltet.

Religiöse Bewegungen

Evangelikale Christen – Konservativ bis radikal

Während die traditionellen Kirchen in Deutschland seit Jahren Anhänger verlieren, steigen die Mitgliederzahlen bei Freikirchen, evangelikalen Gemeinden und charismatischen Bewegungen. Die meisten dieser Strömungen sind unter dem Dach der "Deutschen Evangelischen Allianz" zusammengefasst. Das Netzwerk vertritt nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Menschen. Darunter sind auch konservativ-fundamentale Gruppen, die häufig für ihre wortwörtliche Auslegung der Bibel, ihre anti-liberalen Werte und Heilsversprechen kritisiert werden.


Glaube und Kritik

Anfang August 2014 strahlte die ARD die Dokumentation "Mission unter falscher Flagge – Radikale Christen in Deutschland" aus. Mehr als 7000 E-Mails, Briefe und Anrufe zählte danach die zuständige Redaktion beim Norddeutschen Rundfunk (NDR).

In der Dokumentation werden Beispiele charismatischer Gemeinschaften mit "problematischen Strukturen" aufgeführt, deren "geistige Leiter ihre Macht ausnutzen", heißt es in einer ausführlichen Stellungnahme.

Damit reagierte die Redaktion auf die teils massive Kritik, die sich vor allem auf eine angebliche Verunglimpfung des christlichen Glaubens im Allgemeinen bezog. Dabei hatten die Autorinnen für den Beitrag nur einige wenige fundamentale Glaubensgemeinschaften ausgewählt. Tatsächlich gibt es eine schwer überschaubare Zahl und Bandbreite evangelikaler Strömungen in Deutschland.

Protestantisch? Evangelisch? Evangelikal?

Auch die dazugehörigen Begrifflichkeiten sind zuweilen nicht ganz einfach auseinanderzuhalten. Wenn von "evangelikal" gesprochen wird, dann ist meist die gesamte Bandbreite konservativer, bibeltreuer Bewegungen gemeint. "Evangelikal" ist nicht das gleiche wie "evangelisch". Das ist die Selbstbezeichnung der deutschen protestantischen Kirchen.

Beide Adjektive leiten sich vom Evangelium, der Grundbotschaft des Neuen Testaments, ab und haben ihren Ursprung in der Reformation des 16. Jahrhunderts. Allerdings sind Evangelikale in Deutschland nur eine Strömung im ansonsten "recht liberalen deutschen Protestantismus/Lutheranismus", schreibt Religionssoziologe Gerald Willms in seinem Buch "Die wunderbare Welt der Sekten". Doch mit über einer Million Anhängern besitzen sie eine durchaus relevante Größe.

Mit dem konservativen Label "evangelikal" zieren sich wiederum eine Vielzahl von Kirchen, Organisationen und Strömungen. Teile der evangelischen Landeskirchen gehören genauso dazu wie freikirchliche Bewegungen oder Pfingstkirchen.

Der Evangelikalismus geht auf anti-moderne Strömungen Ende des 19. Jahrhunderts zurück. In einer Zeit des krassen gesellschaftlichen Wandels versprachen deren Vertreter den Gläubigen durch eine dogmatische Auslegung der Bibel Orientierung.

Besonders erfolgreich war der Evangelikalismus in den USA. In seiner Tradition steht die fundamentale christliche Rechte genauso wie die derzeit erfolgreichste christliche Kirchenfamilie, die Pfingstbewegung. Allein im katholischsten aller Länder, Brasilien, haben die Pfingstkirchen mehr als 40 Millionen Anhänger. Und die US-amerikanische Vereinigung "Assemblies of God" vertritt nach Angaben ihrer Webseite über 64 Millionen Gläubige weltweit.

Auf einem Schwarz-Weiß-Foto ist der Prediger Billy Graham mit erhobener Hand bei der Predigt abgebildet.

Der amerikanische Prediger Billy Graham, Mitbegründer des Evangelikalismus

Pfingstler und Charismatiker

Wie der Name Pfingstbewegung vermuten lässt, spielt er auf das Pfingstfest an, bei dem der Heilige Geist auf die Apostel und Jünger herabgekommen sein soll und sie mit Charismen, wundersamen Gaben, erfüllte. Dazu gehört das Austreiben von Dämonen, Heilung durch Handauflegen oder Reden in Zungen. Das ist ein unverständlicher Mix aus Lauten und Wortfetzen, die die Anwesenheit des Heiligen Geistes zeigen sollen und damit die persönliche Verbindung des Gläubigen mit Jesus.

In den Bewegungen träten endzeitliche Züge des Urchristentums wieder hervor, so Religionssoziologe Gerald Willms. "Fast alle Pfingstler glauben an die unmittelbar bevorstehende Apokalypse und die Allgegenwart des Satans in der Welt."

In den 1960er Jahren entstand in den USA aus der Pfingstbewegung heraus die verwandte "charismatische Bewegung". Bei ihr spielt das Zungenreden eine weniger große Rolle. Und sie rekrutierte ihre Anhänger nicht nur aus evangelikalen Protestanten, sondern allen christlichen Glaubensrichtungen. Christoph Grotepass vom Verein Sekten-Info NRW beobachtet in letzter Zeit "eine Welle charismatischer Bewegungen, die aus den USA zu uns herüberschwappen".

Gemeinsam mit Pfingstlern sei den Charismatikern, dass ihre Gottesdienste einen "Happening-Charakter" hätten, so Grotepass. "Und sie setzen den Geist Gottes mit dem fröhlichen Erleben im Gottesdienst gleich."

Zu diesen Bewegungen zählen auch die in der NDR-Dokumentation herausgegriffenen Gemeinden und Gruppierungen wie die Tübinger Offensive Stadtmission (TOS) Gemeinde Tübingen, das Gospel-Forum Stuttgart oder die Freie Christliche Jugendgemeinschaft im westfälischen Lüdenscheid.

Jugendliche stehen betend, zum Teil mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen, da.

Vom heiligen Geist beseelt - Jugendliche im US-Bundesstaat Colorado

Evangelikale Richtungen

Manche Fachleute sehen die charismatische Bewegung als eigene Kirchenfamilie, andere als eine Strömung des Evangelikalismus.

Neben den evangelikalen Charismatikern kann man in Deutschland zwei weitere Richtungen unterscheiden: erstens die Bekenntnis-Evangelikalen. "Von den Glaubensinhalten ist das der charismatischen Bewegung sehr ähnlich, ohne aber die Fokussierung auf den Heiligen Geist", sagt Christoph Grotepass von Sekten-Info NRW.

Zweitens gibt es noch die Evangelikalen in pietistischer Tradition, die sich auf Werte der Reformation besinnen wollen. Dazu gehört etwa die Gruppe der Mennoniten mit 40.000 Anhängern, viele davon russlanddeutsche Aussiedler. Die Strömungen vermischten sich aber zunehmend, so Christoph Grotepass.

Gesellschaftliches Engagement

Die Anhänger machen in Deutschland etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung aus. Trotz dieser geringen Zahl sollte man "den gesellschaftlichen Einfluss der Evangelikalen nicht unterschätzen, da sie den durchschnittlichen Lutheranern in punkto gesellschaftliches Engagement um ein Vielfaches überlegen sind", schreibt Religionssoziologe Gerald Willms.

Sie besuchten regelmäßig die Gottesdienste, engagierten sich sozial mit zahlreichen Hilfs- und Missionswerken, böten Jugendlichen und Kindern Events und Missionsreisen, Rockkonzerte und Sommercamps, engagierten sich in den Parteien, in der Wirtschaft und in Vereinen.

Mit Blick auf die Sektenklischees könnte man das "'Unterwanderung der Gesellschaft'" nennen, so Willms. Es sei schwer, zwischen gemäßigten und strengen Evangelikalen zu unterscheiden. Allerdings sieht er letztere klar in der Minderheit.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen wehrt sich besonders dagegen, dass "Evangelikale pauschal mit christlichen Fundamentalisten gleichgesetzt" würden. Gemeinden, die sich gegen Homosexualität und Feminismus richteten und exorzistische Praktiken ausübten, träten nur vereinzelt auf, heißt es auf der Webseite.

Massenevent mit Großbildleinwand und Bühnenshow.

Gottesdienste mit "Happening-Charakter"

Der wahre Glaube – ein Flickenteppich

Die vereinzelten Fälle häufen sich allerdings bei der Beratungs- und Informationsstelle Sekten-Info NRW. Uta Bange sieht fundamentale, christliche Event-Gruppen als Teil des spirituellen Marktes, "wo es darum geht, zu erleben und reich und glücklich zu werden". Damit habe man Erfolg bei vielen Jugendlichen und jungen Familien, die von den Landeskirchen nicht mehr erreicht würden. Es gebe einen engeren Zusammenhalt, strengere Regeln und eine klare Anbindung als Familienersatz.

"Kleine Gemeinschaften schießen wie Pilze aus dem Boden", so Christoph Grotepass. Gläubige schlössen sich charismatischen Führern an, wechselten dann wieder. "Das ist ein Flickenteppich."

Viele Bewegungen verschwinden auch wieder. Sie zerbrechen oft an der Frage, wer denn nun Recht hat mit seiner Überzeugung: der Überzeugung vom wirklich wahren Glauben.

Gottesdienstbesucherin mit erhobener Hand in Anbetungshaltung bei einem Taufgottesdienst.

Was ist der richtige Glaube?

Autor: Carsten Upadek

Stand: 25.09.2018, 11:23

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