Scientology – Die Struktur

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Scientology – Die Struktur

Von Carsten Upadek

Zum Netzwerk von Scientology gehören weltweit hunderte Einrichtungen. Einige scheinen unabhängig zu arbeiten oder sind kaum als Teil des Glaubenskonzerns zu erkennen. Aber die Organisationsstruktur zeigt: Scientology wird streng hierarchisch geführt.

Die Führungskanäle

Scientology-Boss David Miscavige beherrscht die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation durch ein straffes System: die Führungskanäle, auf Englisch: "The Command Channels of Scientology".

Machtzentrum ist das "Religious Technology Center" (RTC/deutsch: Religiöses Technologie-Zentrum) mit Sitz in Los Angeles. Es kontrolliert die Lizenzen aller Scientology-Handels- und Servicemarken wie etwa Kurse und DVDs.

Für deren Nutzung lässt das RTC alle untergeordneten Scientology-Organisationen einen Knebelvertrag unterschreiben. Durch ihn kann das RTC jede Einrichtung ohne Vorwarnung schließen. Das RTC kassiert von seinen Organisationen – seien es Missionen, Sozialeinrichtungen oder Wirtschaftsunternehmen – Gebühren für seine "Beratung".

Zweite Machtzentrale ist die "Church of Scientology International" (CSI/deutsch: Internationale Scientology-Kirche). "Das RTC ist auf die Einhaltung der Prinzipien bedacht, die CSI ist für das Management zuständig", sagt Dirk Ritter-Dausend vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen. 

Scientology-Chef David Miscavige

Scientology-Chef David Miscavige im Jahr 2006

Mutterkirche und Geheimarchiv

Die Church of Scientology International nennen Scientologen oft auch "Mutterkirche". Auf sie hören sämtliche Kirchen, Organisationen und Gruppen weltweit. Die CSI kontrolliert das Scientology-Imperium und steuert weltweit sämtliche Aktionen wie etwa das Wachstum von Scientology.

Zum Spitzenmanagement gehört als dritte Gesellschaft die "Church of Spiritual Technology" (CST/deutsch.: Kirche der spirituellen Technologie). Sie besitzt Copyrights für sämtliche Werke von Glaubensstifter L. Ron Hubbard. Mit Lizenzgebühren und internationalen Verlagen, die Hubbards Werke vertreiben, verdient sie sehr viel Geld für die Organisation.

Die CST leitet ein Scientology-Archiv, das die Schriften Hubbards auf rostfreien Stahl überträgt und in Titankapseln aufbewahrt. Diese lagern in geheimen unterirdischen Gewölben, um sicherzustellen, dass sie eine Vernichtung der Menschheit durch einen Atomkrieg überstehen würden.

Außerdem besitzt sie spezielle Häuser, um Hubbard großzuziehen, wenn er laut Scientology-Glauben als Reinkarnation wieder auf die Erde kommt.  

Logo der Church of Spiritual Technology, geätzt in den Wüstenboden von New Mexico, um aus der Luft gesehen zu werden.

Wegweiser für Hubbards Geist: das Logo der CST im Wüstenboden von New Mexico

Die Wachhunde und ihre Boten

Die zweite Stufe der Hierarchie wird geführt vom "Watchdog Committee" (WDC/deutsch: Wachhund-Komitee). "Das sind Scientology-Veteranen, die das weltweite Management überwachen", sagt Verfassungsschützer Ritter-Dausend – also jene obersten Verwalter, die die Aufgaben und Abläufe von Scientology weltweit steuern.

Abgesehen vom Religious Technology Center hat das WDC das letzte Wort über alle finanziellen und personellen Angelegenheiten. Es wird geführt vom WDC-Vorsitzenden, der gleichzeitig "Kommandierender Offizier" der "Commodore's Messenger Organization International" (CMO Int./deutsch: Kommodores Boten-Organisation) ist.

Die CMO erledigt "Missionen" des Watchdog Committee und setzt dessen Anweisungen durch. Beide Organisationen dienten der Überwachung, so Ritter-Dausend, "damit Kritik im Keim erstickt wird". Einige der prominentesten Scientologen stammen aus der CMO: Scientology-Boss Miscavige, dessen Exfrau Michelle Barnett und Ex-Geheimdienstchef Mike Rinder. Die CMO besteht aus der Spitze der Eliteorganisation "Sea Org".

Die Elitebruderschaft Sea Org

Die "Sea Organization" (SO/deutsch: See-Organisation) gilt als die paramilitärisch organisierte Elitetruppe von Scientology, gekleidet in dunkelblaue Uniformen mit Pseudo-Marinedienstgraden. Sie sieht sich selbst als Bruderschaft und "Avantgarde der Menschheit". Ihre Angehörigen unterzeichnen bei Einstellung einen Vertrag über eine Milliarde Jahre. Nach Scientology-Angaben hat die SO etwa 5000 Mitglieder, die in höheren Funktionen dienen.

Laut Verfassungsschutz Baden-Württemberg beruht das Selbstverständnis auf Befehl und bedingungslosem Gehorsam. "Die 'Sea Org' (…) idealisiert Härte, 'straffe Disziplin' und die Bereitschaft, 'durch die Hölle zu gehen'. (…) Aussteiger berichten, dass die 'Sea Org' eigene Straflager, sogenannte 'Rehabilitation Project Forces' (RPF), betreibt. Die SO bestreitet gegenüber der Öffentlichkeit zwar nicht die Existenz der RPF, stellt sie jedoch als eine Einrichtung zur 'Läuterung' Einzelner dar."

Die nächste Sea-Org-Einheit befindet sich in Kopenhagen, so der Verfassungsschutz NRW. Immer wieder seien aber Angehörige auch in Deutschland unterwegs. Sie überprüften Organisationen, die nicht genug Umsatz machten und versuchten sie nach Scientology-Jargon "wieder auf Kurs zu bringen". Die Sea Org ist dafür zuständig, die Expansion der Scientology-Organisation aktiv voranzutreiben.

Flag Command Bureaux

Das mittlere Management der Scientology wird geführt vom "Flag Command Bureaux" (FCB/deutsch: Büro des Flaggenkommandos). Es ist der Knotenpunkt des taktischen Managements aller Organisationen, Verwaltungseinheiten und Netzwerke von Scientology weltweit.

Wegen deren großer Zahl wird das FCB durch "Continental Liaison Offices" (CLOs /deutsch: kontinentale Verbindungsbüros) unterstützt. Das für Europa befindet sich in Kopenhagen. Nach Interessen-Sektionen geordnet werden von dort aus die nationalen Niederlassungen gesteuert und kontrolliert.

Jede Sektion hat einen Leiter, der dem internationalen Sektionsleiter im Flag Command Bureaux untersteht. Geführt werden die Verbindungsbüros von einem "Kommandierenden Offizier" (meist Mitglied der Sea Org), der wiederum dem "Kommandierenden Offizier" im FCB untersteht. Dieser trifft sich täglich mit allen internationalen Sektionsleitern, um die Aktivitäten des Netzwerks zu koordinieren.

Zu den FCB-Sektionen gehört unter anderem die umstrittene Geheimdienst-Abteilung "Special Affairs International" (OSA Int./deutsch: Spezielle Angelegenheiten international), die rechtliche und nachrichtendienstliche Operationen weltweit steuert.

Dazu kommen zahlreiche Abteilungen, die mit der Verwaltung von Einrichtungen und Glaubens-Dienstleistungen beschäftigt sind.

Und es gehören dazu das "World Institute of Scientology Enterprises International" (WISE Int./deutsch: Weltinstitut der Scientology-Unternehmen international) sowie die "Association for Better Living and Education International" (ABLE Int./deutsch: Dachverband für die Koordination von Aktivitäten im sozialen Bereich).

Außenfassade des National Affairs Office von Scientology in Washington.

Das National Affairs Office von Scientology in Washington

Wirtschaftskontrolle

WISE ist der Dachverband eines weltweiten Unternehmensnetzwerks mit dem Ziel, die Ideologie und Technik von Scientology in Wirtschaft, Behörden und Verbänden zu verankern und der Organisation Geld zu beschaffen.

In Deutschland seien WISE-Unternehmen vor allem in der Immobilienbranche sowie in der Unternehmens- und Personalberatung aktiv, so der Verfassungsschutz Bayern. Sie sind durch einen Lizenzvertrag an WISE gebunden, in dem sie sich verpflichten, den WISE-Kodex einzuhalten. Dazu gehört auch eine Scientology-eigene Gerichtsbarkeit. Die Unternehmen leiten einen Teil ihres Umsatzes an WISE weiter und bezahlen zudem einen Mitgliedsbeitrag.

Weil offene Anwerbung von Unternehmen oft nicht funktioniere, würden Unternehmen auch unterwandert, so der Verfassungsschutz NRW.

Die Ideologisierung geschehe durch Führungsanweisungen, heißt es in einer Broschüre des Verfassungsschutzes: "Sehr problematisch ist, dass im Unternehmen die 'Ethik' der Scientology zwecks 'Belohnungen und Strafen' eingeführt werden soll, die von einem 'Ethik-Officer' kontrolliert wird."

WISE verlange einen wöchentlichen "Ethik-Zustand" eines jeden Mitarbeiters sowie Kopien der Hauptstatistiken des Unternehmens.

"Ethik hat mit dem herkömmlichen Begriff nichts zu tun", sagt Dirk Ritter-Dausend. "Scientologische Ethik bedeutet letztendlich, dass Kritiker mundtot gemacht werden."

Buch mit dem Titel 'Einführung in die Ethik der Scientology'.

Scientology hat eine eigene Vorstellung von Ethik

Rettung des Planeten?

ABLE hat laut Scientology-Webseite den Zweck, den sozialen Verfall umzukehren, der die Gesellschaften bedrohe. Um die Menschen von den schlimmsten Plagen – Drogen, Kriminalität, Analphabetismus und Unmoral – zu lösen, gebe es nur eine funktionierende Technologie: die von Scientology-Gründer Hubbard.

Deshalb lizensiert ABLE vier umstrittene Programme: "Narconon" (Drogen-Rehabilitation), "Applied Scholastics" (Bildungsprogramm), "Way to Happiness" (Lebenshilfe-Stiftung) und "Criminon" (Straftäter-Rehabilitation). ABLE kassiert dafür Gebühren nach Art eines Franchise-Systems. "Letztendlich sind diese Organisationen nur dafür da, Mitglieder für Scientology zu werben", sagt Dirk Ritter-Dausend. Der soziale Anspruch sei nur aufgesetzt.

Zudem greift ABLE Psychologen und Psychiater verbal an, etwa durch die sogenannte "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" (KVPM), die regelmäßig in Deutschland Demonstrationen organisiert.

Gefährlicher noch schätzt Verfassungsschützer Ritter-Dausend Tarnorganisationen ein, die auf Jugendliche abzielten und sich dafür entsprechender Plattformen bedienten. "Die Organisation 'Sag Nein zu Drogen – Sag Ja zum Leben' hat eine sehr gut gestaltete Homepage mit professionell gestalteten Videos, dazu einen YouTube-Kanal und eine Facebook-Seite."

Im Zweifel sei es gut, sich im Internet zu informieren, sich das Impressum anzuschauen und auf verdächtige Scientology-Symbole und -Begriffe zu achten, rät der Verfassungsschützer. 

Stand: 25.09.2018, 13:52

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