Umgang mit Tod und Trauer

Mehrere weinende Männer mit Kippa auf dem Kopf.

Jüdisches Leben

Umgang mit Tod und Trauer

Von Jürgen Dreyer/Sybille Hattwich

Die Bestattung von Toten und die Bewältigung von Trauer sind zentrale Kulturgüter jeder Gesellschaft. Die Juden glauben an ein Leben nach dem Tod und vor allem an Gottes Gericht, das jeden Menschen einmal erwartet. Entsprechend ehrfürchtig gehen sie mit ihren Toten um und betrauern sie nach seit Jahrtausenden gepflegten Traditionen.


Die letzten Worte – ein Gebet

In der Stunde seines Todes spricht der fromme Jude das traditionelle Sündenbekenntnis aus dem Jom-Kippur-Gottesdienst (Viddui) und stirbt mit dem "Schma Israel" auf den Lippen – so jedenfalls die Idealvorstellung.

Der Tote wird auf den Boden gelegt, da er nun zu Erde werden soll. Dann kommt die "heilige Gemeinschaft" (Chevra Kadischa), die jüdische Gemeinde. Der Leichnam wird gewaschen und bekommt ein weißes Totenhemd angezogen. Bei orthodoxen Männern ist dies der Kittel, den sie zur Hochzeit von ihrer Braut geschenkt und zu Rosch ha-Schana und Jom Kippur getragen haben.

Außerdem wird ihnen der Gebetsumhang um die Schultern gelegt, nachdem dessen Schaufäden abgeschnitten wurden. Diese Fäden, die dazu dienen an Gott zu erinnern, braucht der Tote nun nicht mehr.

Zerreißen der Kleider als Ausdruck der Trauer

Die Beerdigung findet wenn möglich noch am Tag des Todes selbst statt. Jeder Aufschub ist ein Verstoß gegen die Ehre des Toten. Bis dahin soll der Leichnam keinen Augenblick allein sein. Mindestens ein Wächter (Schomer) hält stets Totenwache.

Beerdigt wird der Verstorbene in einem einfachen, ungehobelten Holzsarg, jedenfalls in Deutschland. In Israel hingegen legt man den Leichnam in ein großes Tuch gewickelt in die Erde, so wie es auch im Islam Brauch ist.

In biblischen Zeiten zerrissen sich die Angehörigen am Grab die Kleider. Auch heute noch zeigen Juden ihre Trauer, indem sie sich symbolisch mit der Schere in Hemd oder Bluse schneiden und diese dann einreißen.

Am Grab spricht der nächste männliche Angehörige – im Idealfall ein Sohn – ein traditionelles Gebet in Aramäisch, das Waisen-Kaddisch. Er wird diese Lobpreisung Gottes von nun an das ganze Trauerjahr hindurch bei jedem Morgen-, Nachmittags- und Abendgebet und auch in den Gottesdiensten wiederholen.

Phasen der Trauer

Die Trauerzeit ist unterteilt in mehrere Phasen. In den ersten sieben Tagen, der shiw’a, bleiben die nahen Angehörigen (Eltern, Kinder, Geschwister) zu Hause, gehen auch nicht zur Arbeit. Sie sollen es sogar vermeiden, ihre Schuhe anzuziehen.

Um mit der trauernden Familie zu beten und den Gottesdienst zu feiern, kommen jeden Tag Gemeindemitglieder und Verwandte. Sie bringen Speisen und Getränke mit.

Der Besuch bei den Trauernden und die Beileidsbekundungen sind eine heilige Pflicht aller Verwandten, Bekannten und Nachbarn. Eine Kerze brennt für den Toten, man sitzt auf dem Boden oder auf niedrigen Stühlen. Spiegel und spiegelnde Oberflächen werden abgedeckt, um nicht von Belanglosigkeiten abgelenkt zu werden. Kosmetik und Baden sind in dieser Zeit nur im begrenzten Maß akzeptiert. Rasieren, Frisieren oder Make-up sind verboten.

In den ersten 30 Tagen nach dem Tod des Familienmitgliedes (schloschim) verzichten die Trauernden auf Tanz, Theater, Kino und Fernsehen – sie besuchen auch keine Hochzeiten. Danach wird das Trauergewand ausgezogen.

Bis zum ersten Jahrestag werden öffentliche Feiern gemieden. Erst am ersten Jahrestag des Todes wird traditionell der Grabstein aufgestellt. Man versammelt sich noch einmal auf dem Friedhof und zu Hause brennt den ganzen Tag eine Kerze für den Verstorbenen.

Auf einem jüdischen Friedhof in Düsseldorf pflegt aeine Frau das Grab eines Verstorbenen.

Der Grabstein wird am ersten Todestag aufgestellt

Glauben an ein Leben danach

Die Jenseitsvorstellungen des Judentums sind zwar nie vereinheitlicht worden, gleichwohl geht man allgemein davon aus, dass es nach dem Tode weitergeht.

Ein Gedanke hinter jüdischen Trauerbräuchen ist, dass ein jeder gleich nach seinem Sterben vor Gottes Gericht steht. Deshalb preist ein Sohn mit seinem Kaddisch-Gebet ein Jahr lang täglich Gott, um ihn für seinen verstorbenen Vater gnädig zu stimmen. Daher ist es auch wichtig, den Toten ihre Ruhe zu gewähren, um sie in dieser wichtigen Phase nicht zu stören.

Daneben existiert eine ganz andere, ebenfalls biblisch begründete Vorstellung, nämlich dass alle Toten zusammen am jüngsten Tag auferstehen. Gott lässt an diesem Tag aus den Gebeinen alle Menschen lebendig werden, weshalb Grabsstätten nicht, wie im Christentum üblich, nach einigen Jahrzehnten aufgegeben und eingeebnet werden.

Stand: 08.04.2019, 16:17

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