Museen

Sammeln

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Das Sammeln ist ein menschlicher Urinstinkt: Man versichert sich damit der eigenen Identität und schickt gleichzeitig eine Flaschenpost Richtung Nachwelt. Aber bis aus Sammlungen Museen wurden, war es ein langer Weg. Die Pyramiden der Pharaonen oder die Reliquienschreine des Mittelalters dienten vor allem dem Kult. Erst mit der Renaissance begannen Adelige und Privatgelehrte, ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seitdem erfreuen sie sich immer größerer Beliebtheit: In Deutschland lockt es mehr Menschen ins Museum als ins Fußballstadion.

Die frühen Vorläufer der Museen

Museen werden oft für eine Erfindung der Neuzeit gehalten - aber das Bedürfnis, die eigene Kultur für andere zu dokumentieren, ist offensichtlich viel älter. So vertreten mittlerweile einige Anthropologen die These, dass beispielsweise die Grabbeigaben der Pharaonen oder der früheren chinesischen Kaiser nicht nur dem Herrscher sein Leben nach dem Tode versüßen, sondern noch einen ganz anderen Zweck erfüllen sollten: Die Bewohner des Jenseits sollten dank dieser frühen Ausstellungsstücke einen möglichst positiven Eindruck von der fremden Kultur drüben im Diesseits gewinnen. Bestes Beispiel: die weltberühmten Terrakotta-Krieger des chinesischen Kaisers Qiu Shihuangdi aus dem Jahr 210 vor Christus. Seiner Grabanlage wurden mehr als 7000 tönerne Soldaten beigegeben - eine Armee, die allein schon dank ihrer schieren Größe jedem dies- und jenseitigen Betrachter Respekt einflößt.

Der goldene Dreikönigsschrein im Kölner Dom. Der Schrein befindet sich in einer großen beleuchteten Vitrine. Der Dom Innenraum des Doms im Hintergrund ist dunkel.

Museumsstück, bevor es Museen gab: Kölner Dreikönigsschrein

Im Mittelalter zählten vor allem die Sammlungen der Klöster und Kirchen zu den Vorläufern der Museen. Große Sorgfalt wurde beispielsweise auf die Aufbewahrung und Zurschaustellung von Reliquien verwandt: So gilt der Dreikönigsschrein aus dem Kölner Dom, der die Gebeine der Heiligen Drei Könige beherbergen soll, als eine der schönsten Goldschmiedearbeiten der Zeit und avancierte bereits damals über seine sakrale Bedeutung hinaus zu einem stolz ausgestellten Prunkstück. Besonders kunstvolle Kreuze, Leuchter und Marienbildnisse oder aufwendig gestaltete Handschriften wurden von den Bischöfen nicht selten auch zur Prestigesteigerung im innerkirchlichen Machtpoker genutzt.

Königliche Wunderkammern und private Sammelwut

Golden emaillierte Elefantenstatuette, die eine Sänfte auf dem Rücken balanciert.

Hauptsache kurios: Figur aus dem "Grünen Gewölbe" in Dresden

Ein ganz ähnliches Kalkül steckte hinter den ersten weltlichen Sammlungen, den sogenannten Wunderkammern der Fürsten und Könige. Geordnet waren sie nicht nach sachlichen Prinzipien, sondern allein danach, was größtmögliches Staunen und Entzücken wecken konnte: Krokodilskelette und ausgestopfte Elefanten standen neben bedeutenden Gemälden, kunstvoll geschnitzte Pfeifenköpfe teilten sich die Vitrine mit antiken Münzen - die Grenze zwischen Kunst und Kitsch war fließend. Seit dem Aufkommen der Seefahrt erfreuten sich auch die Mitbringsel aus entlegenen Erdteilen großer Beliebtheit. Die meisten Herrscher betrachteten ihre Sammlungen ganz unleidenschaftlich als Finanzreserve und Tauschmittel für den Notfall; in Augenschein nehmen durften sie meist nur handverlesene Adlige und Gelehrte.

Mit der Renaissance begannen aber auch die Privatgelehrten selbst, eigene Sammlungen anzulegen. Apotheker oder Botaniker richteten sich Naturalienkabinette ein, Humanisten machten Jagd auf Zeugnisse der Antike. Bis ins 19. Jahrhundert hinein galt: Wer auf sich hält, der sammelt. So besaß Dichterfürst Goethe eine umfangreiche Sammlung verschiedenster Gesteinssorten und Versteinerungen. Er soll damals sogar die gesamte Weimarer Damenwelt zum "Mineralogisieren" angestiftet haben, sodass auch sie sich Gesteinssammlungen zulegten.

Anders als die Wunderkammern der Fürsten war die Sammelleidenschaft der Privatgelehrten allerdings nicht dem Staunen, sondern der wissenschaftlichen Erkenntnis verpflichtet - ein Impuls, der auch für die spätere Spezialisierung der Museumslandschaft sorgen sollte: Ab etwa 1850 entstanden verschiedene Museumssparten, zum Beispiel Kunst-, Naturkunde- oder Antikensammlungen. Das Universalmuseum, das unterschiedslos alles zeigt - der Prototyp dafür war das "Museum Fridericianum" in Kassel -, wurde immer seltener.

Die Museen werden öffentlich

Blick auf die Museumsinsel mit dem Bodemuseum, dem Pergamonmuseum, der Alten Nationalgalerie, den Kolonnaden und dem Neuen Museum in Berlin-Mitte

Eine Insel der Künste mitten in Berlin

Das Kasseler "Fridericianum", gestiftet von Landgraf Friedrich II. und 1779 eröffnet, stellt allerdings noch aus einem zweiten Grund einen Meilenstein der Museumsgeschichte dar: Es war das erste öffentlich zugängliche Museum in ganz Deutschland. Denn viele aufgeklärte Herrscher wollten nun auch die Untertanen an ihren Schätzen teilhaben lassen. "Erfreuen und belehren", das war die Maxime dieser Häuser. Und um Bildung, so das neue Zauberwort, ging es schließlich auch beim größten Museumsprojekt dieser Zeit: dem Bau der Berliner Museumsinsel, angestoßen vom preußischen König Friedrich Wilhelm III. - auch dies also eine Gründung "von oben".

Alles, was damals im Berliner Kulturleben Rang und Namen hatte, war an den Planungen beteiligt. Der Architekt Karl Friedrich Schinkel machte sich für klassizistische Gebäude im Stil der Antike stark. Der Gelehrte Wilhelm von Humboldt versprach sich von dem Vorhaben eine "Erneuerung des preußischen Staates", eine Erziehung der Untertanen zu freien und mündigen Bürgern.

Museen sollten gleichsam an die Stelle von Kirche und Religion treten: So befand sich im Zentrum des 1830 eröffneten "Alten Museums" eine hohe Kuppelhalle, ein Andachtsraum mit fast sakralem Charakter, angelehnt an das "Pantheon" in Rom. Ausgestellt wurden vorwiegend antike Skulpturen, Gemälde und später auch die Funde archäologischer Ausgrabungen. Erst 1930 sollte mit dem Bau des "Pergamonmuseums" die Museumsinsel endgültig fertiggestellt werden.

Die Entdeckung des Besuchers

Ausstellungsraum des 'Deutschen Museums', im Vordergrund eine Windkraftmaschine mit großem Propeller.

Erstes Technikmuseum: das "Deutsche Museum" München

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich schon längst Widerstand gegen das Humboldt’sche Bildungsideal geregt - einseitig sei es, lediglich künstlerisch-philosophisch ausgerichtet. Im jüngst gegründeten Kaiserreich kämpften nun auch die Naturwissenschaften um ihre Anerkennung als Bildungsgut. So warb seit der Jahrhundertwende der Münchener Elektroingenieur Oskar von Miller unermüdlich für seine Idee eines Technikmuseums, sammelte Spenden, erbettelte Exponate bei Forschungsinstituten und Firmen - und bekam schließlich auch die Unterstützung der öffentlichen Hand. 1925 eröffnete das "Deutsche Museum" auf der Münchener Kohleninsel ("Deutsches Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und Technik" heißt es bis heute offiziell) - und ist noch immer das größte Haus seiner Art weltweit.

Mehrere Kinder mit 3D-Brillen schauen gebannt in eine Richtung.

Ein Museumsbesuch muss nicht langweilig sein

Neu an Millers Sammlung war auch, dass sie den Besucher nicht nur zu andächtiger Ergriffenheit einlud, sondern ganz bewusst zum Mitmachen. Auf Knopfdruck zeigten maßstabsgetreu verkleinerte Maschinen, wie sie funktionierten; einfache physikalische Experimente konnte man vor Ort ausprobieren. Damit wurde das "Deutsche Museum" auch zum Pionier der heutigen Museumspädagogik. Denn spätestens seit 1968 müssen sich Museen auch die Frage gefallen lassen, ob sie nicht noch immer nur eine schmale Bildungselite ansprechen.

Um Hemmschwellen abzubauen und Kinder so früh wie möglich ins Museum zu locken, hat heute so gut wie jedes größere Haus einen museumspädagogischen Dienst. Und auch mit spektakulären Veranstaltungen wie der "Langen Nacht der Museen" versucht man, die öffentliche Neugier zu wecken - mit Erfolg. In den letzten Jahren haben die rund 6200 deutschen Museen über 100 Millionen Besucher gezählt - Tendenz steigend.

Autor/in: Kerstin Hilt

Stand: 02.02.2015, 12:00

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