Matheus' Traum vom Profifußball

Brasilien

Matheus' Traum vom Profifußball

Wenn der elfjährige Matheus morgens aus seinem Zimmer kommt, dann klingeln die Medaillen. Sie hängen zu Dutzenden neben- und übereinander an Haken an der Tür. Matheus hat sie bei Nachwuchsturnieren im Fußball gewonnen. "Ich habe einen Traum", sagt Matheus. "Ich möchte Profifußballer werden." Ein Traum, den er hier in Brasilien mit den vielen Jungs in seinem Alter teilt. Und Matheus tut alles, um ihn auch wahr werden zu lassen.

Aussicht in die Zukunft

Bis zur Küche sind es nur ein paar Meter über den Korridor am Gästezimmer vorbei. Pokale stehen hier in einem Regal. Matheus zeigt auf zwei ganz vorn, seine Lieblings-Trophäen. "Da wurde ich letztes Jahr zum besten Spieler und besten Torschützen des Brasilien-Pokals gewählt. Der war sehr umkämpft. Die anderen großen Clubs waren dabei, Flamengo, Fluminense, Botafogo. Trotzdem habe ich beide Pokale bekommen."

In der Küche bereitet Matheus′ Vater Ricardo gerade Frühstück zu. Die Wohnung ist nicht groß, aber sehr gut gelegen.

Von der Küche aus kann man einen Teil der Tribüne eines Stadions sehen. Es ist DAS Stadion für Matheus und seinen Vater: das São Januário, das altehrwürdige Stadion des Traditions-Fußballvereins Vasco da Gama in Rio de Janeiro. "Der Blick beflügelt unsere Träume, dass Matheus eines Tages dort spielen wird", sagt Ricardo Lima.

Das geregelte Leben aufgeben

Mit Matheus und seiner Frau Julia lebte Ricardo lange in Brasilia, der Hauptstadt des Landes. 2011 wurde der Fußballverein Vasco auf den damals neunjährigen Matheus aufmerksam, lud ihn zu einem Testspiel ein und fragte an, ob er nicht im fast 1000 Kilometer entfernten Rio de Janeiro spielen wollte. Aber sollte die Familie ihr geregeltes Leben für dieses Angebot aufgeben?

"Das war eine sehr komplizierte Zeit", erinnert sich Ricardo. Er arbeitete zu der Zeit als Apotheker in einem Krankenhaus, eine angesehene, sichere Position. "Doch als Vater ist das Wichtigste für dich, wenn dein Sohn zu dir kommt und sagt: Danke für alles!" Also kündigte er.

"Mein Chef hat mich für verrückt erklärt, mit einem Neunjährigen nach Rio zu gehen." Aber Ricardo und Matheus gingen, probehalber erst einmal. Mutter Julia blieb zunächst in Brasilia.

"Ich war acht Monate arbeitslos und habe von Nudelgerichten gelebt", sagt Ricardo. "Aber Vasco hat sich um Matheus gekümmert, mit Mittag- und Abendessen, und am Ende hat es sich gelohnt." Inzwischen hat Ricardo einen Job am Flughafen gefunden und auch seine Frau ist nach Rio nachgekommen.

Der Ruderclub Vasco da Gama

Matheus' Schule liegt nicht weit entfernt, direkt hinter dem Stadion. Das haben seine Eltern so ausgesucht, damit er nicht durch die große Stadt mit dem Bus fahren muss. Aber heute kann er direkt zum Stadion São Januário gehen, weil Ferien sind. Der Weg dauert keine fünf Minuten.

Das Stadion ist brasilianisches Kulturerbe. 1927 eingeweiht, erinnert die neokoloniale Fassade mit ihren Balkonen und geschwungenen Fensterbögen an den portugiesischen Kolonialeinfluss.

Der Ruderclub Vasco da Gama wurde Ende des 19. Jahrhunderts von portugiesischen Einwanderern gegründet. 1915 kam die Fußball-Abteilung dazu. Über dem Haupteingang thront ein kunstvolles Mosaik aus Keramikfliesen.

Dieses typisch portugiesische Azulejo zeigt den Seefahrer Vasco da Gama, wie er den tosenden Wellen trotzt und – das Kreuz des portugiesischen Christusordens auf der Brust – den Seeweg nach Indien findet. Nach ihm wurde der Club bei der Gründung Ende des 19. Jahrhunderts benannt.

Eingangsbereich des Stadions von Vasco da Gama.

Hinter dem kolonialistischen Eingang verbirgt sich das Stadion São Januário

In den heiligen Hallen des Profifußballs

Im São Januário hat Matheus heute einen wichtigen Termin: sein erstes Foto-Shooting. Die anderen Jungs seiner Mannschaft warten schon in einem Seitengebäude. Fast alle sind schon zwölf Jahre, älter als Matheus. Sie lümmeln sich auf den Stühlen, toben herum und machen sich übereinander lustig. Auf der anderen Seite des Raumes sortiert der Trainerstab um Koordinator Wilson Varella Trikots, Stutzen und Hosen.

"Ich sage immer, wir müssen die Jungs auch Blödsinn machen lassen, sie sind ja auch noch Kinder. Aber wenn man sich deren Alltag anschaut, sieht man, dass sie die Pflichten von einem Erwachsenen haben", sagt er. Vasco investiert in seinen Nachwuchs, aber dafür verlangt der Verein Disziplin.

Wenig später laufen die Jungs geordnet über das Gelände zum Profi-Bereich. Dort soll das Foto-Shooting stattfinden. "Ruhe jetzt", ruft Wilson am Eingang. "Wenn ich einen Mucks höre, könnt ihr mich kennenlernen!"

Draußen sind es 40 Grad – die heiligen Hallen der Profi-Spieler sind klimagekühlt. Ein Teil der Wände besteht aus grafisch designten Lichtkästen mit Texten und Bildern der Helden der Vergangenheit.

Viermal wurde Vasco brasilianischer Meister, 1998 südamerikanischer Vereinsmeister und 2011 Pokalsieger. Große Namen des brasilianischen Fußballs haben hier gespielt: Bebeto, Dunga, Roberto Dinamite. Dem ehemaligen Weltfußballer Romario haben sie im São Januário sogar ein Denkmal gebaut.

Doch das Vorbild von Matheus ist ein anderer: Juninho Pernambucano. "Er schießt super Freistöße, dribbelt gut und mit Zug zum Tor, er rennt viel und hat Biss", schwärmt Matheus. In Europa ist der ehemalige Nationalspieler bekannt als siebenmaliger französischer Meister mit Olympique Lyon.

Die Hälfte seiner Karriere spielte er aber für Vasco. Und genau hier hat er am Tag zuvor unter Tränen seinen Rückzug aus dem Profisport kundgetan. "Vasco hat mich zu einem kompletten Spieler gemacht. Danke für die vielen Jahre!" Aber mit 39 Jahren schmerze der Körper zu sehr.

Matheus wird vor einigen Flaggen fotografiert.

Wie die richtigen Profis wird Matheus für die Homepage fotografiert

Gegen die besten Clubs der Welt

Matheus richtet das Haar. Ein Fotograf positioniert ihn vor den Flaggen von Brasilien, Portugal und Vasco. Matheus lächelt. "So und jetzt nochmal kämpferisch gucken", weist ihn der Fotograf an. Klick. "Und jetzt gehen wir raus auf die Tribüne zum Gruppenfoto!"

Die Bilder sind für das wichtigste Nachwuchsturnier der Welt, das Mundialito. In zwei Monaten treten Matheus und seine Mitspieler in Portugal gegen große europäische Vereine an.

"Ich will gegen Barcelona, Real Madrid, Benfica Lissabon spielen – die größten Clubs der Welt", sagt Matheus und grinst dabei. Ist er da nicht nervös? "Vor einem wichtigen Spiel bin ich ein bisschen aufgeregt, aber das legt sich auf dem Platz." Wie bei einer richtigen WM reist das Team früher an, um sich zu akklimatisieren.

"Natürlich erfüllt sich ein Traum für die Kinder, gegen Barcelona spielen zu können", sagt Koordinator Wilson. "Aber für den Club ist das Turnier eine Investition, damit unsere Nachwuchsspieler internationale Erfahrung sammeln. Wir wollen uns mit den besten Teams Europas messen und wir wollen deren Arbeitsweise studieren."

Das Talent unter den Talenten

Inzwischen ist es etwas kühler geworden: Es hat nun etwa 30 Grad. Die Jungs um Matheus haben das Konditionstraining hinter sich. Gleich beginnt der taktische Teil. Gebolzt wird nur in der Freizeit, das hier ist Arbeit. Matheus trainiert auf diese Weise jeden Tag. Abends geht er häufig noch zum Hallentraining. Macht ihm das wirklich Spaß? "Ja, ich mag das alles." Auch das Konditionstraining? "Ja, wirklich alles!"

Heute übt Trainer Adriano Barreto mit den Jungen Raumverschiebung. Bunte Hütchen liegen auf dem Rasen. Immer wieder werden die gleichen Abläufe geübt. Trainer Adriano lässt zwischendurch stoppen: "Geh zum Ball! Stopp! Nicht beide! Er geht zum Ball und spielt ihn dann rüber. Stopp! Matheus, lauft nicht beide zum Ball. Einer geht, der andere läuft." Koordinator Wilson steht im Schatten am Rand des Platzes und beobachtet seine Spieler.

Lange hat man in Brasilien gedacht, gute Fußballer gebe es an jeder Straßenecke. Aber das reicht nur noch selten zum Profifußballer. "Die Clubs investieren in den Nachwuchs, weil der Fußballer-Markt sehr teuer geworden ist", berichtet Wilson. "Wenn du einen fertigen Spieler kaufst, kostet das sehr viel Geld." Deshalb beginnt Vasco die Jungs ab einem Alter von neun Jahren auszubilden.

"Wir sind der einzige Verein in Rio de Janeiro, der eine eigene Schule und ein Fußballinternat hat", sagt Wilson. Außerhalb der Stadt gibt es ein Trainingszentrum mit sechs Fußballplätzen, Schwimmbad, Fitnessstudio, Physiotherapie und vielem mehr für bis zu 300 Nachwuchsspieler. Ab 14 Jahren sind die Talente dort dann auch untergebracht. Nicht alle werden Profis, aber alle träumen davon.

"Hier in dieser Altersgruppe ist Matheus unser Hoffnungsträger", sagt Wilson. "Er sticht heraus. Wir sehen in ihm den neuen Juninho Pernambucano. Sie haben die gleichen biologischen Eigenschaften, sind beidfüßig, die Art der Ballführung… Man muss sie einfach vergleichen."

Matheus trinkt aus einer Flasche.

Kurze Pause und dann weiter

Autor: Carsten Upadek

Stand: 12.06.2014, 09:00

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