Geschichte Jugoslawiens bis 1989

Archivbild: Deutsche Soldaten mit gefangenen Jugoslawen im Zweiten Weltkrieg.

Jugoslawien-Kriege

Geschichte Jugoslawiens bis 1989

Drei Religionen, zwei Alphabete, fünf Sprachstämme: Der Balkan birgt eine große ethnische und kulturelle Vielfalt, aber auch viel Potenzial für Konflikte. Der 1918 gegründete Vielvölkerstaat Jugoslawien ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg kann Tito mit seiner Variante des Sozialismus das Land stabilisieren, doch spätestens nach seinem Tod 1980 werden die Konflikte immer deutlicher.


Konflikte mit jahrhundertealten Wurzeln

Ab dem 9. Jahrhundert entstehen auf dem Balkan die ersten Staatsgebilde: Serbien, Kroatien und Makedonien. Im Laufe der Jahrhunderte gerät die Gegend wegen ihrer Bodenschätze und fruchtbaren Äcker immer wieder in den Fokus größerer Mächte wie Byzanz, Ungarn, Bulgarien, Habsburg und Osmanien, verschiedene Herrscher und unabhängige Phasen wechseln sich ab. Besonders einschneidend ist die Eroberung des Balkans durch osmanische Truppen aus Kleinasien.

1389 findet im Kosovo die Schlacht auf dem Amselfeld statt, in der serbische und bosnische Truppen mit dem osmanischen Heer kämpfen. Die osmanischen Truppen entscheiden die Schlacht für sich, doch vor allem in Serbien geht der Kampftag am 28. Juni als "Vidovdan" in die Geschichte ein. Der aufopferungsvolle Kampf der christlichen Heere gegen die muslimische Übermacht gilt fortan vor allem in Serbien als nationaler Bezugspunkt.

Ein Teil des Balkans gerät im Folgenden über Jahrhunderte unter türkische Vorherrschaft, die Trennlinie zwischen Orient und christlichem Abendland geht mitten durch die Region. In dieser Zeit wird der Grundstein vieler ethnischer und religiöser Differenzen auf dem Balkan gelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg: Jugoslawien entsteht

Im 18. und 19. Jahrhundert mehren sich die Aufstände gegen die türkischen Besatzer. 1878 ziehen die europäischen Großmächte im Rahmen der Berliner Konferenz die Grenzen auf dem Balkan neu – ohne Rücksicht auf die dort lebenden Nationalitäten.

Serbien, Montenegro und Rumänien werden als Staaten neu gegründet, während Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina Teil von Österreich-Ungarn bleiben beziehungsweise werden.

Doch die Ruhe ist nur von kurzer Dauer: Nationalistische Kreise streben nach Unabhängigkeit und der Ausweitung ihres Einflusses, dazu kommen religiöse und kulturelle Differenzen zwischen Katholiken und Orthodoxen.

Als am symbolträchtigen Vidovdan 1914 ein bosnischer Serbe in Sarajewo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand erschießt, erklärt wenig später Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt auf dem Balkan, sein Ende hat auch dort erhebliche Folgen.

Extrablätter verkünden die Mobilmachung Serbiens am 25. Juli 1914.

Der Erste Weltkrieg beginnt auf dem Balkan

Aus den Überresten Österreich-Ungarns entsteht der Vielvölkerstaat Jugoslawien mit den Teilrepubliken Serbien, Kroatien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Makedonien. Doch der neue Staat bleibt politisch instabil.

Serbien beharrt auf der Führungsrolle und beutet zum Teil die anderen Teilrepubliken wirtschaftlich aus. Kroaten und Slowenen fühlen sich eher dem westlichen Kulturkreis zugehörig und schauen auf die anderen Völker Jugoslawiens herab, dazu kommen religiöse Spannungen zwischen Katholiken, Orthodoxen und Muslimen.

1934 ermorden kroatische und makedonische Nationalisten Alexander I., den jugoslawischen König serbischer Herkunft. Faschistische und nationalistische Staatsformen, wie es sie mittlerweile in Deutschland und Italien gibt, gewinnen auch in Jugoslawien immer mehr Anhänger.

Zweiter Weltkrieg: Bürgerkrieg und Partisanenkämpfe

Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verhält sich Jugoslawien neutral. Erst 1941 tritt Belgrad auf Druck Berlins dem Dreimächtepakt Deutschland-Italien-Japan bei. Gegen diese Entscheidung putschen serbische Militärs, was Hitler als Anlass zum Angriff nimmt.

In wenigen Wochen ist Jugoslawien erobert, Hitler teilt das Land zwischen sich und seinen Verbündeten auf. Dem kroatischen Faschisten Ante Pavelić erlaubt Hitler, einen "Unabhängigen Staat" auszurufen. Pavelićs Ustascha-Regime errichtet mit deutscher Unterstützung eine Schreckensherrschaft.

In Anlehnung an die Nationalsozialisten betreiben die Kroaten die "Endlösung der Serbenfrage": Hunderttausende Serben werden grausam ermordet, auch Muslime, Juden und Roma werden niedergemetzelt.

Kroatischer Ustascha-Chef Ante Pavelić bei einer Parade 1941.

Hilfe von Hitler: kroatischer Faschistenführer Pavelić

Im Untergrund formiert sich Widerstand gegen die faschistische Terrorherrschaft. Doch die Partisanengruppen sind untereinander zerstritten und bekriegen sich auch gegenseitig. Ein unübersichtlicher Bürgerkrieg entsteht, während die Deutschen versuchen, durch brutale Vergeltungsmaßnahmen die Partisanenbewegung auszuschalten.

Schließlich setzt sich der Kommunist Josip Broz, genannt Tito, an die Spitze der jugoslawischen Befreiungsbewegung, der es 1944 gelingt, die Besatzer zum Rückzug zu zwingen.

Die deutsche Minderheit im Land wird nahezu komplett enteignet und vertrieben. Doch die Gräuel hören auch nach der deutschen Kapitulation und dem Ende des Krieges nicht auf.

Im Sommer 1945 werden im Massaker von Bleiburg mehrere Tausend Kroaten und Slowenen von der jugoslawischen Befreiungsarmee ermordet. Insgesamt sterben im Zweiten Weltkrieg über eine Million der 16 Millionen Jugoslawen.

Tito und das Nachkriegsjugoslawien

Nach dem Kriegsende wird der charismatische Tito Regierungschef in Jugoslawien. Er revolutioniert die Gesellschaft nach sozialistischem Vorbild, die Landwirtschaft wird kollektiviert, die Industrie verstaatlicht.

Im Gegensatz zum Jugoslawien der Zwischenkriegszeit dominiert keine Volksgruppe die anderen. Die Mythologisierung des Partisanenkampfes sowie sein Widerstand gegen die Sowjetunion, die Jugoslawien dem Ostblock einverleiben will, helfen Tito, das Land zu einen.

Porträt des jugoslawischen Staatschefs Tito, um 1950.

Staatschef Tito einte den zerstrittenen Vielvölkerstaat

Tito glaubt an den "dritten Weg", einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Marktwirtschaftliche Ansätze sowie der Tourismus kurbeln die Wirtschaft des Landes an, dank der Reisefreiheit fließen viele Devisen von Gastarbeitern nach Jugoslawien zurück. Jugoslawien ist das freieste der sozialistischen Länder.

Doch es gibt auch Schattenseiten. Titos Geheimdienst ist stets Regimekritikern auf der Spur und geht mit brutalen Methoden vor. Zudem inszeniert er sich zunehmend als unfehlbarer Alleinherrscher und muss immer mehr Druck anwenden, um den Vielvölkerstaat Jugoslawien zusammenzuhalten.

Anfang der 1970er Jahre werden in Kroatien Rufe nach mehr Einfluss und Autonomie laut. Tito geht vehement gegen den "Kroatischen Frühling" vor, Demonstrationen werden aufgelöst, Teilnehmer verhaftet.

Auch in den anderen Teilrepubliken spricht man immer offener von einer Loslösung von Jugoslawien. Tito reagiert 1974 mit einer Verfassungsreform, die den Teilrepubliken mehr Selbstverwaltungsrechte einräumt.

Titos Tod: der Anfang vom Ende

Nach Titos Tod 1980 setzen sich die Fliehkräfte in dem fragilen Staat immer mehr durch. Inflation und Arbeitslosigkeit schwächen die wirtschaftliche Lage, die Planwirtschaft stößt an ihre Grenzen.

In der serbischen Provinz Kosovo, die zu 90 Prozent von Albanern bewohnt wird, kommt es zu Unruhen. Der serbische KP-Chef (Kommunistische Partei) und spätere jugoslawische Präsident Slobodan Milošević befeuert den Nationalismus seiner Landsleute.

Die Rechte Kosovos werden immer weiter eingeschränkt, im März 1989 tritt eine neue Verfassung in Kraft, in der Kosovo seine Autonomierechte verliert.

Kurz darauf, am Vidovdan 1989, hält Milosevic eine viel beachtete Rede, in der er unverblümt die Führungsrolle Serbiens innerhalb eines reformierten Jugoslawien beansprucht. Eine Provokation für die anderen, formal gleichberechtigten Teilrepubliken, die nun ihrerseits ihren nationalistischen Bestrebungen freien Lauf lassen.

Die 1989/1990 abgehaltenen freien Wahlen werden zum Großteil von national-bürgerlichen Parteien gewonnen. Die anschließenden Versuche, Jugoslawien in eine Konföderation umzuwandeln, scheitern. Schließlich erklären Slowenien und Kroatien 1991 ihre Unabhängigkeit. Das bedeutet des Ende Jugoslawiens – und den Anfang der Balkankriege der 1990er Jahre.

Kroatische Flagge

1991 erklärt Kroatien seine Unabhängigkeit

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 18.10.2018, 11:58

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