Zionismus

Wüstenlandschaft und Meer von einem Berg aus gesehen.

Geschichte des jüdischen Volkes

Zionismus

Von Allon Sander

Als Zionismus bezeichnet man heute die Bewegung, die einen jüdischen Staat im Eretz Israel (Palästina) fordert und fördert. Der Glaube, die Juden bräuchten einen eigenen Staat in diesem Gebiet, ist etwa 150 Jahre alt. Doch die Hoffnung, nach Israel zurückzukehren, ist deutlich älter. Sie ist ein Bestandteil der jüdischen Gedankenwelt und Liturgie seit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem und der Vertreibung durch die Römer.

Sehnsucht nach Heimat

Die Verbindung des jüdischen Volkes mit dem "Gelobten Land" beginnt nach jüdischer Auffassung in der Bibel: mit der göttlichen Verheißung des Landes an Abraham und seine Nachkommen. Historisch kann die Beziehung des Volkes zum Land in das 6. Jahrhundert vor Christus zurückdatiert werden, in die Zeit des babylonischen Exils.

Zwar nannten die Hebräer, Israeliten, Judäer und Juden ihr Land stets Israel. Dieser Name besitzt aber eine Fülle von Synonymen. Eines davon ist Zion, nach dem Berg Zion in Jerusalem.

In der Diaspora formulierten die Juden ihren Wunsch, ins Land Israel zurückzukehren. Für die meisten war Zion ein Wunschtraum, gepaart mit der Sehnsucht nach dem Messias.

Von der politischen zur religiösen Bewegung

Im 19. Jahrhundert, mit der Ausbreitung des Antisemitismus, des Rationalismus und des nationalen Bewusstseins in Europa, entstanden mehrere Gruppierungen, die in einer tatsächlichen Rückkehr nach Eretz Israel und der Gründung eines eigenen Staates eine Lösung für die Probleme der Juden sahen. Die Zionismus-Bewegung ist ein Sammelbegriff für viele unterschiedliche Denkweisen, Interpretationen und Ideale.

Gemeinsam war ihnen die Auffassung, ein Staat Israel sei nicht nur die Beendigung der Flucht vor Antisemitismus, sondern vor allem auch eine Selbstverwirklichung. Die Gründung einer nationalen Einheit musste mit einer Entdeckung und Erneuerung der Juden selbst einhergehen.

Die ersten prominenten Vertreter dieser Einstellung waren die sozialistischen Juden. Moses Hess wurde Verfechter der zionistischen Idee. 1862 schrieb er "Rom und Jerusalem. Die letzte nationale Frage", worin er einen sozialistischen Staat in Palästina als Lösung vorschlug. Aus dieser Idee entstanden zwei der größeren Gruppen innerhalb der zionistischen Bewegung: der sozialistische Zionismus und der Arbeits-Zionismus.

1862 veröffentlichte der deutsche orthodoxe Rabbiner Zwi Hirsch Kalischer die Schrift "Drischat Zion". Darin schreibt er, die Erlösung der Juden und die erhoffte Rückkehr in ihre Heimat könnten nur durch Eigeninitiative und Selbsthilfe erreichbar sein. Das war der entscheidende Anstoß für die Gründung des religiösen Zionismus.

Als der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus 1894 in Paris zu Unrecht des Verrats beschuldigt und verurteilt wird, ist der Wiener Journalist Theodor Herzl bestürzt. Sogar seriöse Zeitungen veröffentlichen antisemitische Hetze gegen Dreyfus. Herzl erkennt, dass die Juden trotz Assimilation immer noch als Fremde angesehen werden. Er beginnt seinen Kampf für einen eigenständigen Staat Israel.

Der Journalist Theodor Herzl gehört zu den Vätern des Zionismus

Präferenz für kulturelle Emanzipation

Dort, wo eine Emanzipation durch Gleichberechtigung nicht vorstellbar war, vor allem im zaristischen Russland, wuchs die zionistische Bewegung der gesellschaftlichen Selbst-Emanzipation. Prominenteste Figur dieser Gruppe war Jehuda Leib Pinsker. Angeschlossen war auch der frühe osteuropäische Verbund Chibat Zion.

Eine weitere Untergruppierung des Zionismus war die kulturell-sprachliche Variante. Der Schriftsteller Achad Ha’am ("einer aus dem Volk" oder "Laie") alias Ascher Ginsberg und andere kritisierten die Politisierung der Lösungsansätze. Nach ihrer Meinung musste die Selbstverwirklichung im eigenen Land kultureller Natur sein. Dazu sollte auch die Sprache der Juden wieder lebendig werden. Vorreiter dieser Entwicklung war der "Wiederbeleber" der hebräischen Sprache, Elieser Ben Jehuda.

Theodor Herzl als Anführer der Bewegung

Entscheidend für den Erfolg der Bewegung war die Entstehung des politischen Judentums. Kopf dieser Gruppe und der gesamten Bewegung wurde der Wiener Journalist Theodor Herzl. Er erkannte, dass die Juden trotz Integrationsbemühungen bis zur Selbstaufgabe immer noch als Fremde angesehen würden. 1897 organisierte Herzl den ersten Zionistischen Kongress. Delegierte aus ganz Europa kamen auf seine Einladung hin nach Basel. Herzl einte sie und formte eine gemeinsame Bewegung.

Viele Jahre vergingen, nicht ohne große Diskussionen und Streitigkeiten. Es wurde intensiv diskutiert, ob die Juden auch woanders als in Palästina einen eigenen Staat gründen sollten oder könnten. Nicht weniger als 33 mögliche Lösungen wurden vorgeschlagen.

Vor allem die Vorschläge, den Judenstaat in den freien Flächen in Argentinien oder Uganda zu gründen, schlugen die höchsten Wellen. Der pragmatische Herzl und der politische Zionismus waren dafür, erlitten aber beim 6. Zionistischen Kongress 1903 eine Abstimmungsniederlage.

1947 schließlich beschlossen die Vereinten Nationen, 50 Jahre nach dem ersten Zionistischen Kongress, die Gründung eines Judenstaates in Palästina. Ein Jahr später, 1948, gründeten rund 600.000 Juden wieder einen unabhängigen jüdischen Staat: Israel.

Heute dient die zionistische Bewegung samt ihren Organisationen der Erhaltung und Pflege eines demokratischen, modernen, begrünten Landes für die Juden – an dem Ort, wo ihre Vorfahren lebten: in Eretz Israel.

Theodor Herzls Vision vom Staat Israel 02:30 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Stand: 21.06.2019, 17:00

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