Die Kultur der Kurden

Schwarzweiß-Bild: Junge Kurdin in tradioneller Tracht

Kurden

Die Kultur der Kurden

Der Weg zur Freiheit, der Kampf gegen die Unterdrückung – was das politische und gesellschaftliche Leben der Kurden prägt, schlägt sich auch in der Kultur nieder. Literatur, Film und Musik sind oft politisiert und konnten jahrelang nur heimlich oder im Exil produziert werden. Heute spielt das Satellitenfernsehen eine große Rolle als kurdisches Massenmedium. Auch das Internet wird für Exilkurden immer bedeutender, kann aber im kurdischen Kernland kaum genutzt werden.

Verbotene Feste, verbotene Kleider

So wie die Stammesstruktur die kurdische Gesellschaft jahrhundertelang bestimmt hat, werden auch in der Kultur alte Bräuche und Traditionen am Leben gehalten. So spielt das Neujahrsfest Newroz am 21. März eine äußerst wichtige Rolle.

An diesem Tag wird in vielen nahöstlichen Kulturen der Frühlingsbeginn gefeiert. Für die Kurden markiert er noch ein weiteres wichtiges Datum: An Newroz besiegte einem persischen Mythos zufolge ein Schmied namens Kawa den Tyrannen Dehok.

In den 1930er Jahren wurde die lange Jahre kaum beachtete Mythologie von kurdischen Schriftstellern aufgegriffen und auf die aktuelle Situation der Unterdrückung gemünzt.

Ab den 1950er Jahren nahmen immer mehr Kurden Newroz zum Anlass für Zusammenkünfte, Feiern und Tänze, aber auch für Demonstrationen und politische Kundgebungen. Newroz galt als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit.

In der Türkei waren die Feiern jahrelang verboten. Auch das Tragen traditioneller Kleidung war gesetzlich untersagt. Schon kurz nach der Gründung der Türkischen Republik erließ Atatürk Kleidervorschriften, in denen die westliche Orientierung des Landes zum Ausdruck kam.

Traditionelle Kleidung, wie sie unter anderem die Kurden trugen, galt als rückständig. Wer sie dennoch trug, machte damit seine politische Gesinnung sichtbar und war als Kritiker der Regierung zu identifizieren.

Literatur als Vehikel der Revolution

Die kurdische Literatur wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein zumeist mündlich überliefert und bestand vor allem aus Folklore und Dichtungen. Die Rolle der Kurden als unterdrücktes Volk spielte dabei immer wieder eine Rolle.

So riet der Dichter Hadschi Qadir (1817-1897) den Kurden, es den Bulgaren, Griechen und Serben gleichzutun und sich gegen die Fremdherrschaft der Osmanen aufzulehnen. Er war der Meinung, sein Volk sei in einem Zustand der Unwissenheit und lasse sich von politischen und religiösen Führern für dumm verkaufen.

Ein Motiv, das ein Jahrhundert später Musa Anter aufgriff, der in Theaterstücken die fehlende Bildung der kurdischen Dorfbewohner thematisierte und sich in einem Gerichtsprozess rechtfertigen musste, weil er einen Zeitungsartikel auf Kurdisch verfasst hatte.

Anter wurde 1992 entführt und ermordet. Von wem, wurde nie geklärt, viele Kurden beschuldigten den türkischen Geheimdienst. Kurdische Publikationen in der Türkei wurden von den 1930er bis in die 1990er Jahre verboten, selbst das Sprechen war untersagt.

Auch im Iran und seit Saddam Husseins Machtantritt im Irak war es für Kurden schwierig, ihre Kultur auszuüben. Als Folge gingen viele Intellektuelle und Schriftsteller ins Exil, wo sie ohne Angst vor Verfolgung schreiben konnten.

Allerdings war es für dann für ihre Landsleute schwer, an ihre Bücher zu kommen. Sprachwissenschaftler sehen Kurdisch mittlerweile als potenziell gefährdete Sprache, die durch die Dominanz des Türkischen erst verändert und schließlich verdrängt werden könnte.

Mädchen steht an Tafel in kurdischer Schule

Kurdisch als Unterrichtssprache war lange verboten

Musik und Filme mit politischer Botschaft

Die kurdische Musik ist auch im 21. Jahrhundert sehr mit Traditionen verbunden. Westliche Einflüsse, wie sie etwa in der Türkei zu hören sind, gibt es eher selten. Stattdessen dominieren Liebes- und Arbeitslieder, die mit traditionellen Instrumenten wie Flöten und Lauten gespielt werden.

Seit den 1990er Jahren hat sich in Teilen Kurdistans eine Art Guerilla-Musik herausgebildet, die neben der Schönheit der Landschaft auch den Freiheitskampf des Volkes zum Thema hat. Kurdische Rebellen, die im Kampf umgekommen sind, werden in diesen Liedern als Märtyrer gepriesen.

Irakische Kurden machen Musik.

Jahrtausendealte Traditionen

Auch der kurdische Film ist meist eindeutig politisch positioniert und behandelt oft die Themen Freiheit und Unterdrückung. Die Anzahl kurdischer Filme ist allerdings sehr überschaubar. Bis in die 1990er Jahre konnten aufgrund der strengen antikurdischen Gesetze Filme fast ausschließlich in der Diaspora produziert werden.

Eine Ausnahme stellt "Yol – Der Weg" dar, der heimlich in der Türkei gedreht wurde und dessen Negative vom Drehbuchautoren Yilmaz Güney heimlich außer Landes geschmuggelt wurden, nachdem er aus dem Gefängnis ausgebrochen war.

Der Film erzählt die Geschichte mehrerer Sträflinge, die während ihres Hafturlaubs nach Hause fahren und deren Welt sich erheblich verändert hat. Das sozialkritische Porträt der türkischen Gesellschaft in den 1980er Jahren behandelt auch die Kurdenfrage und den beginnenden Krieg zwischen Armee und PKK.

"Yol" gewann mehrere renommierte Preise, darunter 1982 die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes. In der Türkei wurde der Film erst Ende der 1990er Jahre erstmals öffentlich aufgeführt.

Filmplakat "Yol - Der Weg".

Preisgekröntes Sozialdrama: "Yol - Der Weg"

Medien: Nicht alle haben Zugang

Kurdischen Medien in der Türkei, im Iran und im Irak war es lange Zeit unmöglich, eine Genehmigung zur Veröffentlichung zu bekommen. Informationen mussten über den Umweg des meist europäischen Auslands verbreitet werden. So wurden schon in den 1930er und 1940er Jahren kurdische Zeitschriften im Exil erstellt und ins Land geschmuggelt.

Durch die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union, die 1999 auf den Weg gebracht wurden, entspannte sich die Lage der Kurden in der Türkei etwas.

So wurde der öffentliche Gebrauch der kurdischen Sprache wieder erlaubt; auch in Schulen durfte wieder Kurdisch gesprochen werden. Kurdischen Radio- und Fernsehstationen wurden Sendelizenzen erteilt, wenn auch unter starken Auflagen und Einschränkungen.

Großen Zuspruch erfahren dagegen Fernsehsender wie RojTV und NewrozTV, die per Satellit auch in der Türkei und im Nahen Osten empfangen werden können. Sie haben ihren Sitz im europäischen Ausland und unterliegen kaum inhaltlichen Beschränkungen.

Allerdings gelten diese Sender als PKK-nah und stehen im Verdacht, zur Gewalt aufzurufen. In Deutschland wurde RojTV 2008 aus den Kabelnetzen entfernt, Produktionsstätten und Studios wurden geschlossen. Diese Entscheidung führte zu Protestaktionen unter Kurden.

Wenig später wurden drei deutsche Bergsteiger am kurdischen Berg Ararat entführt. Ein PKK-Sprecher brachte diese Aktion mit dem Verbot von RojTV in Verbindung. 2012 erklärten die Satellitenbetreiber Eutelsat die Präsenz von RojTV auf ihren Satelliten für beendet. Der Sender fand keinen neuen Betreiber und stellte kurz darauf seinen Sendebetrieb ein.

Wohnblock im westanatolischen Diyarbakir.

Satellitenfernsehen spielt eine große Rolle

Das Internet spielt vor allem für Exilkurden eine große Rolle. Hier werden Informationen ausgetauscht, Traditionen gepflegt, und auch die lange Zeit verpönte Sprache kann ohne Beschränkungen benutzt werden.

In den Kurdengebieten selbst gibt es oft Schwierigkeiten beim Zugang. Aufgrund der geografischen Begebenheiten sowie des kaum vorhandenen Ausbaus der Telekommunikationsnetze hat das Internet noch nicht den Status als Massenmedium. Selbst der Handyempfang ist in vielen Gegenden der Region eingeschränkt.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 22.09.2017, 13:00

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