Die Ureinwohner des amerikanischen Südwestens

Blick auf ein Steinhaus, das unter einen Felsüberhang gebaut wurde.

Indigene Völker Nordamerikas

Die Ureinwohner des amerikanischen Südwestens

Von Martina Frietsch

Von ihrem einstigen Land ist den "Indianern" Nordamerikas nur ein kleiner Teil geblieben. Die Angehörigen der 574 Stämme leben heute teils in den 334 Reservationen, von denen manche eine besondere Rechtsstellung haben, ihre eigenen Steuern erheben und sich selbst verwalten. Viele Nachfahren der Ureinwohner leben übers ganze Land verteilt in den amerikanischen Städten, doch nirgendwo sind die Spuren so konzentriert wie im Südwesten.

IST DIE BEZEICHNUNG "INDIANER" DISKRIMINIEREND?

Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die Sprache wandelt sich stetig und damit auch die Ansichten, die wir mit bestimmten Begriffen verbinden.

Der Ursprung der Bezeichnung "Indianer" beruht auf einem historischen Irrtum – dass Christoph Kolumbus dachte, er sei in Indien an Land gegangen – und ist damit eine geografische Fehlbezeichnung. Das allein macht den Begriff aber nicht zur Diskriminierung.

Dennoch haben wir uns entschieden, die Bezeichnung "Indianer" nur noch in Anführungszeichen zu verwenden. Dafür waren mehrere Gründe entscheidend:

  • Die Bezeichnung "Indianer" ruft immer Assoziationen wach, die stark von Klischees geprägt sind und mit der Wirklichkeit wenig zu tun haben.
  • Gerade in Deutschland verbindet man mit dem "Indianer" zwar viele positive Eigenschaften – geprägt von Karl Mays Winnetou und Figuren wie der Zeichentrickserie Yakari. Doch auch ein positives Stereotyp wird den Menschen dahinter, auch was ihre kulturelle Vielfalt angeht, nicht gerecht. Außerdem stammt der Begriff aus der Zeit des Kolonialismus und der so genannten Völkerschauen.
  • Viele Angehörige indigener Stämme empfinden den Begriff als problematisch oder sogar als kränkend.

Doch welchen Begriff soll man stattdessen verwenden? Auch hier gibt es keine einfache Antwort. Viele Menschen bevorzugen den englischen Ausdruck "Native Americans" (zu deutsch etwa "Gebürtige Amerikaner"). Dieser stammt aber aus der Verwaltungssprache der US-Behörden und wird deshalb von Teilen der Bevölkerung abgelehnt. In Kanada ist der Begriff "First Nations" ("Erste Nationen") gängig, allerdings nur für die Völker auf kanadischem Territorium. Das Konstrukt "Indigene Völker Nordamerikas" wird von vielen als sperrig und kompliziert empfunden und wirft oft die Frage auf, ob damit "die Indianer" gemeint seien.

Da die Diskussion um eine korrekte Bezeichnung seit Jahrzehnten anhält und es keine eindeutige Lösung gibt, haben wir uns entschlossen, in unseren Texten eine Mischung aus diesen Begriffen zu verwenden.

Anasazi und Navajo

Zwischen Grand Canyon und Monument Valley befindet sich die Heimat der rund 332.000 Navajo. Hier sind im Canyon de Chelly Spuren der Anasazi-Kultur aus dem ersten Jahrhundert nach Christus zu finden und weitere 160 Kilometer östlich steht im "Mesa Verde National Park" eine der am besten erhaltenen Anasazi-Siedlungen. Es waren Pueblo-"Indianer", die hier lange vor den nomadisierenden Navajos lebten.

Die Reservation der Navajos ist die größte in den USA: Sie erstreckt sich über die drei Bundesstaaten Utah, Arizona und New Mexico und umfasst über 65.000 Quadratkilometer. Seit 1989 haben die Navajos ein eigenes Regierungssystem mit Gewaltenteilung, das dem westlicher Demokratien entspricht.

Im Unterschied zu den anderen Indigenen Nordamerikas leben die Navajos traditionell nicht in Dörfern, sondern eher in kleinen Gruppen. Das hängt vor allem mit den natürlichen Lebensgrundlagen zusammen: Im Land der Navajo gibt es nur wenig Weideland und wenig Wasser.

Was die Reservation der Navajo berühmt gemacht hat, ist vor allem die Landschaft: Das Monument Valley, eine Hochebene mit gewaltigen Tafelbergen und einzigartigen roten Sandsteinformationen ist bei Touristen, Film- und Werbeindustrie sehr beliebt.

Auch der Canyon de Chelly mit seinen mehrere hundert Meter hohen Wänden, Felsnadeln und den jahrtausendealten Siedlungsresten und Felszeichnungen aus der Anasazi-Kultur zieht jedes Jahr Massen von Besuchern an. Die Vermarktung beschert den Navajo eine Einnahmequelle, die der Stamm dringend benötigt, denn die Arbeitslosenquote und die Armut in der Reservation sind hoch.

Wie viele der anderen Ureinwohner Nordamerikas hat auch bei den Navajos die Familie einen sehr hohen Stellenwert. Anders als bei den meisten anderen Stämmen ist jedoch die gesellschaftliche Struktur: Bei den Navajos haben die Mütter die wichtigste Stellung. Ihnen gehört der Großteil der Besitztümer der Familie; bei einer Trennung nimmt die Mutter Kinder und Besitz mit. In einer solchen matriarchalischen Gesellschaft leben auch die Hopi im Nordosten Arizonas.

Straßenschild mit der Aufschrift 'Entering Navajo Nation' vor strahlend blauem Himmel.

Im Südwesten der USA liegt die "Navajo Nation"

Hopi

Weniger leicht zugänglich sind für den Besucher die kulturell interessanten Dörfer der wenigen tausend Hopi. Oft wird dem Durchreisenden die Zufahrt zu den alten Siedlungen der traditionsreichen Ackerbauern verwehrt. Die Hopi leben in nur zwölf Dörfern auf drei Mesas (Tafelbergen), mitten im Navajo-Gebiet.

In den 1970ern wiesen die Hopis Fremde aus Notwehr ab. Denn zuerst suchte die Hippie-Bewegung spirituelle Erleuchtung bei ihnen, danach verwechselten ungebremste Touristenströme das traditionsverbundene Leben in den Hopi-Dörfern mit Freilichtmuseen. Grund genug für den scheuen Stamm, den ungebetenen Gästen zu misstrauen.

Wer Zeit und Interesse mitbringt, kann aber heute nach telefonischer Kontaktaufnahme auch abgelegenere Hopi-Siedlungen besuchen, wobei ein Verhalten vorausgesetzt wird, das die traditionelle Lebenseinstellung der Hopi respektiert.

Auf der Second Mesa befindet sich das Kulturzentrum der Hopi mit umfangreichen Informationen zu Geschichte und Kultur des Stammes. Ein Geheimtipp ist der kleine Ort Oraibi auf der Third Mesa. Er ist seit dem Jahr 1150 ununterbrochen bewohnt und damit der älteste dauerhaft bewohnte Ort der USA.

Oberhalb einer steilabfallenden Felswand liegen einige Steinhäuser.

Die Hopi bauten meist oberhalb der Canyons

Zuerst der Stamm, dann Amerika

Die Navajo und die Hopi gehören zu den Stämmen, die nicht wie andere vom Spielcasino-Betrieb oder anderen Sonderrechten profitieren. Beide leben im Schnittpunkt der US-Staaten Arizona, New Mexico und Utah in einer unwirtlichen, von Wüste geprägten Gegend.

Die Hopi besiedeln als Ackerbauern seit vielen Jahrhunderten die Tafelberge der Gegend. Die Navajo drangen als Nomaden vor etwa 300 Jahren in das Hopi-Gebiet ein und siedeln seitdem, legitimiert von der US-Regierung, vor allem um den Canyon de Chelly.

Der Konflikt zwischen Hopi und Navajo besteht bis heute, denn die abgelegene Lage hat die Traditionen beider Stämme lebendig erhalten, aber auch die Gegensätze. Wer in einem solchen Reservat aufwächst, ist zunächst Hopi beziehungsweise Navajo und erst in zweiter Linie Amerikaner. Die Stammeszugehörigkeit gilt mehr als verwandtschaftliche Bindung.

Oft spielen religiöse und zeremonielle Gewohnheiten lebenslang eine prägende Rolle. Hinzu kommt gerade in abgelegenen Reservaten die gemeinsam erlebte Benachteiligung durch unzulängliche Infrastruktur, fehlende Arbeitsplätze und schlechte Bildungschancen.

Vielen Indigenen bieten nur die entfernten Metropolen oder die Armee Möglichkeiten zur Veränderung. Sie verlassen die Reservate für ein Leben im weißen Amerika, ohne jedoch ihre Wurzeln aufzugeben. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, die Stammestraditionen zu pflegen – nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung.

Ein Reiter am Monument Valley in Arizona

Das Monument Valley ist "Indianerland"

Kunsthandwerk und Souvenirs

In der Region um den Grand Canyon und Monument Valley leben viele Navajo und Hopi vom Verkauf kunsthandwerklicher Produkte. Sehr beliebt ist Schmuck aus Sterling Silber mit Türkis-Steinen; allerdings ist die Tradition des Silberschmiedens bei den beiden Stämmen noch nicht wirklich alt, sondern begann circa Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der Ursprung des Schmucks ist leicht feststellbar: Jeder Schmuckdesigner sollte über ein so genanntes Stempelbuch verfügen, in dem die Stempelnummer des Schmuckstücks nachgelesen und dem Stamm zugeordnet werden kann.

Tatsächlich traditionell sind die Navajo-Keramik, die geflochtenen Hochzeits-Körbe und die gewebten Navajo-Teppiche mit ihren auffälligen Mustern. Berühmt sind auch die kunstvoll geschnitzten Kachina-Puppen der Hopi, welche die Geister der Natur und der Vorfahren darstellen. Sie wurden für Kinder gefertigt, viele alte Kachina-Puppen sind inzwischen begehrte Sammlerstücke.

Sehr verbreitet und als günstiges Mitbringsel beliebt sind die sogenannten "Traumfänger" – ein Geflecht in einem Weidenreifen, verziert mit Federn, die schlechte Träume abhalten und den Schlaf verbessern sollen. Ihre Herkunft ist nicht mehr sicher zu klären; vermutlich stammen sie aus der Tradition des Ojibwe-Stammes in den USA und Kanada. In den 1960er und 1970er Jahren wurden die Traumfänger dann auch von anderen Stämmen hergestellt und verkauft.

Blick in einen Souvenirladen, in dem viele Decken übereinander gestapelt liegen und Regale mit Souvenirs vollgestopft sind

Souvenirladen der Navajo

Die Pow-Wow-Bewegung

Obwohl zwischen den mehr als 550 nordamerikanischen Stämmen die Unterschiede oft viel deutlicher sind als die Gemeinsamkeiten – außerhalb des Englischen zum Beispiel gibt es aufgrund der unendlichen Vielfalt der Sprachen kaum Verständigungsmöglichkeiten – hat sich in jüngerer Zeit unter den Indigenen ein neues Wir-Gefühl entwickelt. Besonders deutlich wird dies bei Traditionen und Ritualen, wie sie etwa auf den großen "Pow-Wow"-Veranstaltungen kreuz und quer durch die USA gepflegt werden.

Ursprünglich waren Pow-Wows Tanzfeste der Prärie-Ureinwohner. Heute entwickeln auch jene Stämme eigene Pow-Wow-Traditionen, in denen solche Tanzfeste traditionell keine Rolle spielten. Pow-Wows sind zum kulturellen Treffpunkt der Native Americans geworden und dort wird die Minderheit unversehens zur Mehrheit.

Auch wenn Pow-Wows vor allem ein unterhaltsames Treffen aller Indigenen, ihrer Freunde und Förderer sind, haben sie noch eine weiterreichende Bedeutung, denn Musik ist die erweiterte Form der gesprochenen Sprache.

So wird in den vielstündigen Pow-Wows nicht nur getanzt, sondern die dargebotenen Sprechgesänge dienen dem Lob und Tadel von Stammesmitgliedern, sie sind Begleitung von Zeremonien und Ritualen, sie enthalten Informationen an die Gemeinschaft oder sollen Kontaktaufnahmen zu den Geistern ermöglichen. Pow-Wow-Musik verbindet die unterschiedlichsten kulturellen Aspekte und führt innerhalb und über die Stämme hinaus zusammen.

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