Ihr Leben mit den Indianern – Isabel Stadnick

Gast Isabel Stadnick

Nordamerikanische Indianer

Ihr Leben mit den Indianern – Isabel Stadnick

Von Annette Holtmeyer

"Ich bin so dankbar in der Prärie zu sein. Manchmal kann ich es noch gar nicht fassen. Für mich ist es Glück pur", erzählt Isabel Stadnick. Schon als junges Mädchen hatte die gebürtige Schweizerin davon geträumt, einmal ins Land der Lakota-Indianer zu reisen.
Heute lebt sie im Pine-Ridge-Reservat in Süd-Dakota – dem zweitgrößten Indianerreservat der USA. Bevor sie dort für immer ein Zuhause fand, musste sie viele Hürden nehmen und einen unerwarteten Schicksalsschlag verarbeiten.

Die Anfänge – ein Traum wird wahr

1989 ist Isabel Schauspielerin und steht am Theater Basel unter anderem mit Herbert Knaup auf der Bühne. Als das Ensemble nach einem Intendantenwechsel aufgelöst wird und sie sich beruflich neu orientieren muss, erfüllt sich die 32-jährige Schweizerin spontan ihren langjährigen Traum: Mit einer kleinen Gruppe reist sie ins Pine-Ridge-Reservat nach Süd-Dakota.

Drei Wochen lang will sie bei den Lakota-Indianern leben. Sie und die anderen Gäste lernen in dieser Zeit eine fremde Welt kennen: karge Landschaft, schlechte Straßen, baufällige Hütten, Orte ohne Kinos, Restaurants, Banken oder Boutiquen.

Isabel ist dennoch fasziniert. Von der unendlichen Weite der Prärie, dem Geruch des wilden Salbeis, den Büffelherden, den Menschen und ihrer Art zu denken. Besitz und Reichtümer bedeuten den Lakota nichts. Für sie zählen Werte wie Großzügigkeit, Weisheit und Mut.

Und dann ist da noch der Reiseleiter Bob Stadnick. Diesem ruhigen Indianer mit den grünen Augen, der so viel über sein Volk und dessen Geschichte weiß, fühlt sich Isabel von Anfang an verbunden. Die beiden verlieben sich und Isabel beschließt, erst einmal bei Bob im Reservat zu bleiben.

Das Foto zeigt 3 weiße Tipis auf einem Feld in der Prärie und daneben einen roten VW-Bus.

Auf der ersten Reise wohnt Isabels Gruppe in Tipis

Alltag im ärmsten Gebiet der USA

Isabel zieht ins Bobs einfaches Haus, in dem auch seine vier Kinder aus erster Ehe leben. Für die zwei Jungen und die zwei Mädchen ist es gewöhnungsbedürftig, den Vater plötzlich mit einer weißen Frau teilen zu müssen. Aber Isabel machen noch andere Dinge zu schaffen. Die junge Schweizerin aus einer wohlhabenden Familie wohnt jetzt in einer der ärmsten Gegenden der USA mit einer Arbeitslosenquote von knapp 80 Prozent.

Die Lakota wurden von der US-Regierung gezwungen, sich in dem kargen, unfruchtbaren Gebiet anzusiedeln, das sonst niemand wollte. Die extrem trockene Erde lässt sich landwirtschaftlich kaum nutzen.

Viele Jugendliche und Erwachsene sind alkohol- oder drogenabhängig – eine Folge der Arbeitslosigkeit und Entwurzelung. Im Schnitt werden die Menschen hier nicht älter als 50 Jahre.

Das Foto zeigt ein Indianermädchen in der kargen Prärie. Im Hintergrund sieht man Bobs Haus und mehrere Autowracks.

In Bobs einfachem Haus leben auch seine Kinder

Isabel ist lange hin und hergerissen. Ihr Herz sagt ihr, dass sie zu Bob gehört. Ihr Verstand lässt sie dennoch zweifeln, ob sie auf Dauer mit der Armut, mit Bobs Kindern, mit der Zerrissenheit der entwurzelten Menschen zurechtkommen wird. Sie vermisst die Eltern und Freunde in der Schweiz. "Das Leben im Reservat hat nichts mit Idylle und Romantik zu tun," schreibt sie später. "Es ist eine harte Realität, die menschliches Leid und materielle Entbehrungen miteinschließt. Die meisten Menschen hier haben keine Wahl, wie sie leben wollen. Ich habe sie."

Lakota-Traditionen und eine Hochzeit

Armut, Alkohol und Drogen sind aber nur ein Teil der Realität im Reservat. Bei Bob, seinen Freunden und Nachbarn fühlt sich Isabel gut aufgehoben. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer Entwurzelung besinnen sich die Lakota zunehmend auf alte Traditionen zurück. Als Freundin von Bob darf Isabel an ihren Ritualen teilnehmen.

Die Reinigung von Körper und Geist in der sogenannten Schwitzhütte gehört zu den wichtigsten Zeremonien: Dafür wird ein Tipi errichtet, in dessen Mitte glühende Steine gehäuft werden. Bis zu 20 Menschen sitzen dann leichtbekleidet bei geschlossenem Zelt im Dunkeln und schwitzen.

Dazu werden rituelle Gebetsgesänge für Mutter Erde und Wakan Tanka, den großen Heiligen, angestimmt. Isabel hat bei ihrem ersten Mal das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Umso stolzer ist sie am Ende durchgehalten zu haben.

Irgendwann wird ihr bewusst, dass sie sich ein Leben ohne Bob nicht mehr vorstellen kann. Die beiden heiraten und werden in einer feierlichen Zeremonie von einem Medizinmann getraut.

1990 kommt Tochter Celestine zur Welt. Bobs Kinder aus erster Ehe haben Isabel inzwischen ins Herz geschlossen und beten ihre neue kleine Schwester regelrecht an. Die Familie zieht in ein größeres Haus. 1993 wird Caroline geboren, 1996 Sohn Clarence.

Das Foto zeigt den Oberkörper eines älteren, tanzenden Lakota-Indianers in Tracht mit viel Federschmuck.

Die Lakota besinnen sich wieder auf ihre Traditionen

Das Lakota-Waldorf-Projekt

Ein Thema bereitet Isabel, Bob und vielen anderen Eltern im Reservat große Sorgen: die Zukunft ihrer Kinder. Sie sind mit der Ausbildung an den staatlichen Schulen im Reservat nicht glücklich. Denn dort kommt es fast täglich zu Schlägereien. Jedes zweite Indianerkind verlässt die Schule vorzeitig. Die Lakota-Sprache und -Kultur spielen dort eine untergeordnete Rolle.

1992 beschließt eine Gruppe von Lakota-Eltern, zu denen auch Isabel und Bob Stadnick gehören, die Gründung einer eigenen, vom Staat unabhängigen Waldorf-Einrichtung. Denn die Waldorf-Pädagogik hat viel mit den traditionellen Erziehungsidealen der Lakota gemein: das ganzheitliche Weltbild, die enge Verbindung von Mensch und Natur, die Förderung von musischen Talenten und das Prinzip, den Kindern das kulturelle Erbe zu vermitteln. Sie gründen eine Non-Profit-Organisation und sammeln Spenden.

Zwei Jahre später wird zunächst der Waldorf-Kindergarten eröffnet. Die Kinder lernen dort die Lakota-Sprache, erfahren spielerisch viel über Kultur und Geschichte ihres Volkes. Auch Isabels und Bobs Tochter Celestine geht in den Kindergarten, der später weiter zur Schule ausgebaut werden soll.

Isabel ist glücklich, dass es für ihre Kinder jetzt im Reservat eine Perspektive gibt. Sie hat endgültig ihre Heimat bei den Lakota gefunden.

Bobs Tod und die Zeit danach

Isabels Mann Bob ist ein fürsorglicher Vater und ein liebevoller Partner, mit dem Isabel über alles reden kann. Nur eines verschweigt er ihr: seine angeschlagene Gesundheit.

Irgendwann beginnt sich Isabel Sorgen um Bob zu machen, der 18 Jahre älter als sie ist. Er arbeitet hart, sieht erschöpft aus und hustet viel. Isabel besteht darauf, dass er zum Arzt geht. Es kommt heraus, dass er einen Herzklappenfehler hat und operiert werden muss. Aber zu der Operation kommt es nicht mehr – im Februar 1997 stirbt Bob im Krankenhaus.

„In diesem Augenblick bricht meine Welt zusammen. Ich kann nicht einmal schreien. Ein dunkler Sog verschluckt mich“, schreibt Isabel später in ihrem Buch "Wanna Waki – Mein Leben bei den Lakota". An ihrem 40. Geburtstag wird Bob auf einem Hügel nahe ihres Hauses beerdigt.

Ein halbes Jahr danach kehrt Isabel mit den Kindern in die Schweiz zurück. Für sie ist es die schwierigste Entscheidung ihres Lebens. Sie ist längst bei den Lakota zuhause. Aber sie fühlt, dass sie Bobs Tod nur überwinden kann, wenn sie fort geht und einen Neuanfang wagt.

Ihre Kinder leben sich in der Schweiz schnell ein. Isabel absolviert ein Studium in Fundraising-Management, gründet mit Freunden eine Stiftung, die unter anderem den weiteren Ausbau der Lakota-Waldorf-Schule unterstützt, und schreibt an ihrem Buch.

Ein Jahr nach Bobs Tod fährt sie mit den Kindern zurück ins Reservat zu einer Gedenkfeier. Und nimmt sich vor, eines Tages dorthin zurückzukehren.

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt Isabels Ehemann Bob Stadnick im Profil.

Isabels Mann Bob Stadnick starb 1997

"Wanna waki" – Heimkehr für immer

Elf Jahre lang lebt Isabel mit ihren Kindern in der Schweiz, kommt dort zur Ruhe, wohnt am schönen Vierwaldstättersee, wird von ihrer Familie und ihren Freunden liebevoll unterstützt. Aber ihre Sehnsucht nach dem Land der Lakota wächst.

Im öfter reist sie mit den Kindern nach Kyle – auch Celestine, Caroline und Clarence träumen von einer Rückkehr zu ihren indianischen Wurzeln. 2008 machen sie Nägeln mit Köpfen: Sie verkaufen ihr Haus in der Schweiz und gehen ins Pine Ridge Reservat zurück.

Heute arbeitet Isabel als einzige Weiße in Vollzeit für die Lakota-Waldorf-Schule. Sie organisiert, kümmert sich um Spenden, regelt den Schriftverkehr mit den US-Behörden und hält den Kontakt zur Stiftung in der Schweiz. Neben den Kindergartenkindern besuchen inzwischen auch Grundschüler die Waldorf-Einrichtung. Isabel lebt mit ihren Kindern in einem Haus, das sie auf Bobs Grundstück gebaut hat, und will dort für immer bleiben.

Das Foto zeigt Isabel Stadnick (Mitte) mit ihren Töchtern Celestine (links außen im grünen Kleid) und Caroline (rechts im blau-weißen Kleid) und deren Lakota-Freundinnen beim Pow Wow - einer Tanzveranstaltung der Indianer.

Isabels Töchter sind zu ihren Wurzeln zurückgekehrt

Stand: 19.12.2019, 08:45

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