Wounded Knee

Porträtfoto von Häuptling Big Foot

Nordamerikanische Indianer

Wounded Knee

Von Uwe Leonhardt

Im Jahre 1876 erlitt US-General Custer mit seinem 7. Infanterie-Regiment in der legendären Schlacht am Little Bighorn eine empfindliche Niederlage gegen eine Koalition von Lakota und Cheyenne. Als Reaktion darauf kam es zu grausamen Hetzjagden auf alle Indianer außerhalb der Reservate.
Die US-Bundesregierung erließ ein Gesetz, wonach die Lakota auf ihr komplettes Land bei Little Bighorn, ihrem angestammten Jagdrevier, verzichten mussten und sich unverzüglich in die Reservate zu begeben hatten. Viele junge Krieger waren mit dieser Entwicklung nicht einverstanden und rüsteten sich erneut zum Angriff, dem letzten großen Aufstand der Indianer Nordamerikas.

Hunger, Elend und Visionen

In den Reservaten kürzte die US-Regierung nach den Kämpfen um Little Bighorn die Verpflegungsrationen erheblich. Die indianischen Völker waren aber nach dem Verlust ihrer Jagdreviere, dem Ausrotten der Bison-Herden und einer verheerenden Missernte auf diese Hilfsleistungen angewiesen. Die Folge waren Hunger und Verelendung in den Reservaten.

Auf diesen Nährboden fiel die Vision des Schamanen Wovoka während der Sonnenfinsternis von 1889. In einer Fiebervision hatte der Seher die Vernichtung der weißen Eindringlinge und die Rückkehr der Büffelherden und der in den vergangenen Jahrhunderten gefallenen Krieger prophezeit.

Aus dieser religiösen Vorhersage entwickelte sich ein Unverwundbarkeitsmythos bei den jungen Kriegern. Geistertänze und spezielle Hemden sollten den Indianern ewiges Leben garantieren.

Das Massaker an den Lakota

Innerhalb kurzer Zeit gewann die Geistertanzbewegung viele neue Mitglieder. Vor allem den jungen Kriegern verlieh der Glaube an den Geistertanz enorme Kraft und Mut.

Die US-Regierung antwortete aus Angst vor Aufständen mit militärischer Härte. Überall in der Prärie und den Plains kam es zu Übergriffen an der indianischen Bevölkerung. Im Gebiet der Lakota wurden einige Hundert Indianer unter Führung von Häuptling Big Foot außerhalb des Reservates auf der Flucht vor Elend und Hunger festgenommen. Bei der Entwaffnung soll es zu Übergriffen der US-Soldaten auf die Frauen gekommen sein.

Ein weiterer Zwischenfall löste einen Schusswechsel aus. Die militärisch überlegenen US-Soldaten ermordeten in kurzer Zeit fast 350 Männer, Frauen und Kinder der Lakota. Die Leichen wurden am Neujahrstag 1891 in einem Massengrab am Wounded Knee verscharrt, einem kleinen Fluss im US-Bundesstaat South Dakota.

Vorher hatten die Soldaten den Indianern die Geisterhemden abgenommen und verkauften sie später als Trophäen. Die US-Offiziere erhielten Tapferkeitsmedaillen. Nach dem Massaker am Wounded Knee war der Widerstand der Indianer gegen die Weißen endgültig gebrochen.

Gruppenbild von Schützen der US-Armee hinter einer Kanone nach dem Massaker

Das Massaker von Wounded Knee brach den letzten Widerstand der Indianer

Ein symbolträchtiger Ort

Trotzdem hatte das Massaker von Wounded Knee eine nachhaltige Wirkung auf den Freiheitsdrang der Indianer. Im Februar 1973 besetzen rund 200 Aktivisten der indianischen Widerstandsorganisation American Indian Movement (AIM) einen Handelsposten und ein Museum in der Stadt Custer sowie eine Kirche nahe dem Massengrab von 1890.

Anlass war der Mord an einem Lakota durch einen Weißen und die einseitige Prozessführung zugunsten des Täters. Indianische Augenzeugen des Mordes wurden vor Gericht nicht zugelassen und der Täter nur wegen Totschlags zu zehn Jahren Haft verurteilt. Wegen ihres Protestes gegen das Urteil, wurde die Mutter des Opfers dagegen mit 40 Jahren Gefängnis bestraft.

Ohne Billigung der indianischen Reservationsregierung protestierten die jungen Aktivisten gegen das Urteil. Mit modernsten militärischen Mitteln wurden die Indianer 71 Tage lang von US-Militär und FBI belagert, ohne dass die Aushungerung Wirkung gezeigt hätte. Bei einem Schusswechsel kamen ein Lakota und zwei FBI-Beamte ums Leben.

Unter großem Medienandrang wurde schließlich ein Friedenspakt geschlossen, der eine Prüfung der Verträge zwischen Sioux und US-Regierung vorsah und eine gerechte Behandlung der protestierenden Indianer. Obwohl sich an der Situation der Lakota nicht viel änderte – einige der Aktivisten wurden sogar zu hohen Haftstrafen verurteilt – hatte die Aktion doch die Weltöffentlichkeit für die Probleme der Indianer im 20. Jahrhundert sensibilisiert.

Ein indianischer Wachposten patrouilliert 1973 mit Gewehr vor der Gedenkstätte "Wounded Knee"

Im Februar 1973 besetzten rund 200 Sioux die Gedenkstätte "Wounded Knee"

Revision eines Mythos

Als Folge solcher medienwirksamer Aktionen wie der Revolte von Wounded Knee 1973 wurde in den 1990er Jahren der von den US-Nationalisten jahrelang gepflegte Custer-Mythos neu untersucht. Archäologische Untersuchungen zeigten ein anderes Bild des heldenhaften Kampfes von General Custer. Die Folge war die Umbenennung des "Custer Battlefield Monument" am Schlachtfeld von Little Bighorn in Montana in "Little Bighorn Battlefield Monument" im Jahre 1991. Präsident George Bush Senior unterzeichnete persönlich den Vertrag.

Außerdem wurde 1999 mit dem Bau eines neuen Denkmals am gleichen Ort begonnen: Dem Indian Memorial als Symbol für den großen, tapferen Kampf der Ureinwohners Amerikas um Freiheit und kulturelle Identität.

Blick auf eine Crazy-Horse-Gedenkstätte – ein überdimensionaler Indianerkopf wurde in den Fels gehauen.

Ein Denkmal für den Häuptling Crazy Horse, der die US-Armee am Little Bighorn River besiegte

Stand: 17.12.2019, 15:30

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