Die Gesellschaft der Wikinger

Wikinger-Kirche in Grönland

Wikinger

Die Gesellschaft der Wikinger

Wenn die Wikinger heute auch gemeinhin für Raub und Zerstörung stehen, der weitaus größte Anteil der Wikinger ging nie auf Beutezug. Die Skandinavier waren Bauern und Fischer, die an Skandinaviens Küsten siedelten und komplexe Dorf- und Siedlungsgemeinschaften ausgebildet hatten.


Familien, Herrscher und Sklaven

In der Frühphase der Wikingerzeit kannten die Bewohner des Nordens noch keinen Staat. Organisiert waren sie in Sippen und Familienverbänden.

Die eigene Familie war heilig, sie stellte die entscheidende Schutzmacht für das Individuum dar. Ohne die Bande der Sippe galt der Einzelne nichts. Bei den Wikingern gab es einen hohen Familienehrenkodex, die Ehre musste unter allen Umständen gewahrt und verteidigt werden.

Auch die Rangordnung in den Sippen war wichtig. Mächtige Sippen hatten einen klaren Anführer, den "Jarl". Die frühe Wikingerzeit kannte zwar keinen König, doch die mächtigsten und tapfersten Jarle wurden zu einer Art Häuptling gewählt. Jarl blieb aber nur derjenige, der sich unter den anderen behaupten konnte.

Eine entscheidende Rolle in den Wikingergesellschaften spielte das Heer der Rechtlosen, die Sklaven. Damals betrug das Verhältnis Freie zu Unfreien etwa 1:4. Sklaven waren völlig rechtlose Menschen, Besitz der freien Wikinger, denen sie gehörten. Auf ihren Raubzügen nahmen die Wikinger gerne Sklaven jeden Alters und Geschlechts gefangen.

Wikinger-Siedlung, um 1000 nach Christus.

Wikinger-Siedlung Haithabu um 1000 nach Christus

Männer und Frauen

Zwischen den Geschlechtern waren die gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen klar verteilt. Die skandinavische Gesellschaft wurde von den Männern dominiert, doch die freie Frau hatte durchaus ihren respektierten Raum.

Tatsächlich wissen wir von den Frauen der Oberschicht, dass sie das Recht hatten, sich scheiden zu lassen, wenn der Ehemann seinen Pflichten nicht nachkam und die Familie nicht ernähren konnte, oder die Frau schlecht behandelte. Dann konnte die Frau mit Hilfe ihrer Sippe den Ehemann unter Druck setzen.

Die Ehe war damals keine Liebesheirat, Ehen waren Zweckbündnisse und politische Instrumente. Ehen dienten dazu, Frieden zwischen Sippen zu schließen oder zu garantieren und den Besitz einer Sippe zu mehren. Die Frau kümmerte sich um das Haus, den Hof, den Haushalt. Sie versorgte das Vieh, erzog die Kinder und befehligte die Sklaven.

Handwerkliche Tätigkeiten aber waren Männersparten. Männer bewirtschafteten den Acker, betrieben Fischfang, bauten Häuser und produzierten Waffen und Schmuck. Sie trieben Handel, führten Kriege und sorgten für den Schutz der Familie.

Als Wikinger verkleidete Männer auf enem Schiff

Männer waren für den Handel und die Beutezüge zuständig

Recht und Gesetz

Recht und Gesetz waren in der Gesellschaft der Wikinger respektierte Werte. Das wichtigste Gremium für gesellschaftliche Entscheidungen war das Thing. Das Thing war eine öffentliche Versammlung der freien Männer. Es tagte regelmäßig zu festgelegten Zeiten unter freiem Himmel.

Das Thing beriet über politische Angelegenheiten, beschloss Gesetze und sprach Recht. Die alten Wikinger hatten bei wichtigen Entscheidungen und Abstimmungen besonders viel Einfluss.

In Island tagte das Thingvellir ("Þingvéllir") das im Isländischen "Volksversammlung in der Ebene" bedeutet. Es gilt als eines der ältesten Parlamente der Welt, vor über 1000 Jahren tagte dort eine gesetzgebende Versammlung (Althing), Ausdruck für den Wunsch der damaligen Menschen nach Recht und Ordnung. Heute ist das Thingvellir ein Nationalpark in Island.

Isländische Landschaft mit Wasserfall

Der Nationalpark Thingvellir in Island

Rechtsprechung beim Thing

Bei vielen Streitigkeiten und kleineren Verbrechen wurde die Sache zunächst "persönlich" und innerhalb der Familien geregelt, ohne dass das Thing angerufen werden musste. Ein Mord zog etwa unweigerlich die Blutrache nach sich.

Urteile fällte das Thing nur dann, wenn ein Rechtsstreit der Versammlung vorgetragen wurde. Für minderschwere Verbrechen wurden zum Beispiel Geldbußen verhängt. Wenn ein freier Mann zu einer Geldbuße genötigt wurde, reichte meist der gesellschaftliche Druck, dass er seine Strafe auf sich nahm.

Bei großen Verbrechen konnte der Ausschluss aus der Gesellschaft, die Verbannung drohen. Verbannung war gleichbedeutend mit der totalen Rechtlosigkeit, der Wikinger verlor seine Rechte als freier Mann und musste um Leib und Leben fürchten, da er von jedermann ungestraft beraubt und getötet werden konnte.

Verbannung bedeute ferner Ausstoßung aus der Gemeinschaft. Doch ohne die Gemeinschaft war ein Wikinger völlig auf sich alleine gestellt, also so gut wie nicht überlebensfähig.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 26.09.2017, 11:57

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