Vertuschter Skandal um Impfstoff in der DDR

Portraitaufnahme von Florian Steger im Planet Wissen-Studio.

Blut

Vertuschter Skandal um Impfstoff in der DDR

Der Medizinhistoriker Prof. Florian Steger im Interview zum großen Arzneimittelskandal in der DDR um einen verunreinigten Impfstoff, der Tausenden jungen Müttern verabreicht wurde und sie gesundheitlich schwer schädigte.


Florian Steger ist Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm. Der Medizinhistoriker ist zudem Mitglied des Beirats der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU).

In seinem Buch "Vertuschter Skandal. Die kontaminierte Anti-D-Prophylaxe in der DDR 1978/1979 und ihre Folgen" arbeitet er mit seinen Mitarbeitern einen großen Arzneimittelskandal in der DDR um einen verunreinigten Impfstoff auf, der Tausenden jungen Müttern verabreicht wurde und sie gesundheitlich schwer schädigte.

Planet Wissen: In Ihrem Buch geht es um eine verunreinigte Anti-D-Prophylaxe in der DDR der 70er Jahre und ihre Folgen. Was genau ist eine Anti-D-Prophylaxe und wann ist sie nötig?

Prof. Dr. Florian Steger: Eine Anti-D-Immunprophylaxe oder Rhesusprophylaxe wird auch heute noch schwangeren Frauen verabreicht, die eine andere Rhesusgruppe als ihr Kind aufweisen. Neben den Blutgruppen A, B und 0 gibt es weitere Blutgruppenmerkmale wie das Rhesussystem.

Rhesus-positive Personen besitzen dieses System und damit spezielle Proteine auf der Zellmembran der Erythrozyten, den roten Blutkörperchen. Rhesus-negative besitzen das Erythrozyten-Antigen-System nicht.

Bei Rhesus-negativen Müttern, die ein Rhesus-positives Kind bekommen, tritt eine Rhesus-Inkompatibilität auf. Dabei bildet der Rhesus-negative Organismus Antikörper gegen die Rhesus-positiven Erythrozyten. Diese Antigen-Antikörper-Reaktion kann zu einer lebensbedrohlichen Situation führen.

Daher erhalten diese Frauen während und unmittelbar nach der Schwangerschaft sowie nach einem Schwangerschaftsabbruch oder einer Fehlgeburt eine Prophylaxe mit Anti-D-Immunglobulinen. So werden die Antikörper über die Gabe einer Anti-D-Prophylaxe zerstört.

1978 wurde in der DDR eine Anti-D-Prophylaxe verabreicht, die mit Hepatitis C verunreinigt war. Woher kam dieser verunreinigte Impfstoff?

Im Frühjahr 1978 stellte man am Bezirksinstitut für Blutspende- und Transfusionswesen in Halle (Saale) fest, dass für die Herstellung von zwei Chargen (6 und 7) der Anti-D-Prophylaxe das Blutplasma von Spendern verwendet worden war, die an einer Hepatitis erkrankt waren. Diese beiden Chargen wurden zu einer dritten Charge (15) umgearbeitet.

Während die Tests auf Hepatitis B negativ ausgefallen waren, konnten weder eine Hepatitis A noch eine sogenannte Non-A-non-B-Hepatitis – das Hepatitis-C-Virus wurde erst 1988 beschrieben – ausgeschlossen werden. Dennoch wurde das verunreinigte Blutplasma für die Produktion weiterer Chargen verwendet.

Schließlich breitete sich durch den Einsatz einer verunreinigten Waschflüssigkeit diese Infektion weiter aus. Jede Rhesus-negative Frau bekam eine Stunde nach der Geburt eine Anti-D-Prophylaxe gespritzt. Ende 1978 traten die ersten Erkrankungen auf.

Seit wann war den Verantwortlichen bekannt, dass der Impfstoff verunreinigt war und warum wurde er nicht aus dem Verkehr gezogen?

Bereits weit im Produktionsprozess war allen verantwortlichen Ebenen dieses Problem bekannt. Das heißt, Hersteller, Aufsichtsbehörde und Gesundheitsminister wussten frühzeitig darüber Bescheid. Allerdings haben sie die Verantwortung ("den schwarzen Peter") immer weitergegeben.

Leidtragender war am Ende der Entwickler und Produzent des Mittels, der Leiter des Bezirksinstituts für Blutspende- und Transfusionswesen in Halle (Saale), Dr. Wolfgang Schubert. Er sah sich gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.

Er hat den Impfstoff, vielleicht aus Sorge um seine Karriere, aus dem verdächtigen Material produziert und dem Kontrollinstitut anschließend nicht mitgeteilt, dass hierfür das Blutplasma der Hepatitis-Erkrankten verwendet worden war.

Wie viele Frauen wurden denn insgesamt geschädigt?

Wir gehen von mehreren Tausend betroffenen Frauen aus, die den Wirkstoff erhalten haben. Viele haben im Laufe der Zeit eine chronische Hepatitis entwickelt und so sie daran noch nicht gestorben sind – oder generell gestorben sind – leiden sie bis heute an den unterschiedlichen Folgen – je nach Verlauf der Erkrankung.

Sie haben mit vielen der betroffenen Frauen gesprochen. Was passierte mit ihnen, nachdem sie nach der Entbindung wieder zu Hause waren?

Auf Veranlassung der örtlichen Gesundheitsbehörden wurden die Frauen in Isolierstationen zwangseingewiesen. In meinem Forschungsprojekt ist es mir sehr wichtig gewesen, mit den Frauen in einen persönlichen Kontakt einzutreten; im Übrigen auch mit den anderen, die an der ganzen Arzneimittelstraftat beteiligt waren.

Die Frauen selbst schildern das Ereignis an sich, dass sie plötzlich von zu Hause, von ihrem Kind und ihrem Partner getrennt wurden, als traumatisches Schockerlebnis.

Man muss sich vorstellen, sie wurden tatsächlich zunächst nach Hause entlassen. Dann kam jemand, der ihnen nicht mitteilte, was passiert ist, sondern sie wurden getrennt und in eine Klinik gebracht, damit sie dort möglichst rasch weiter betreut werden sollten. Das heißt, sie waren ahnungslos in dieser Situation, als sie getrennt wurden und auch der Partner erfuhr nichts zu den Hintergründen.

Buchtipp

Vertuschter Skandal
Die kontaminierte Anti-D-Prophylaxe in der DDR 1978/1979 und ihre Folgen
Florian Steger, Carilin Wiethoff, Maximilian Schochow
Mitteldeutscher Verlag
ISBN: 978-3-95462-753-0

Ein verunreinigter Impfstoff sorgte in der DDR der siebziger Jahre für einen großen Medizinskandal: Jungen Müttern, die Rhesus-negativ waren, wurde direkt nach der Geburt eine sog. Anti D-Prophylaxe verabreicht. Doch das Blut, aus dem der Impfstoff hergestellt worden war, war mit Hepatitis C verseucht. In der Folge erkrankten rund 7000 Frauen schwer. Lange Zeit versuchten die verantwortlichen diesen Skandal zu vertuschen. In diesem Buch werden die Ereignisse von 1978/1979 detailliert medizinhistorisch aufgearbeitet.

Nun hatten vielleicht noch nicht alle dieser Frauen eindeutige Beschwerden. Sicher gab es doch auch welche, die sich gegen diese Zwangseinweisung gewehrt haben. Was passierte dann mit ihnen?

Man muss sich vorstellen, es klingelt an der Tür – und dann heißt es: Komm mit, ohne Kind und auch der Partner darf nicht erfahren, was überhaupt los ist. Die Situation war die: In der DDR gab es keine Öffentlichkeit und mediale Berichterstattung. Entsprechend schwierig war es, an Informationen zu kommen.

Kamen aber die Frauen mit dem Arzt in Kontakt, wurde die Versorgung mit einem gewissen Druck versehen. Ein Grund war, dass Entschädigungsleistungen nur dann gezahlt wurden, wenn die betroffenen Frauen in medizinischer Betreuung waren. Aber die Freiwilligkeit ist ja damit aufgehoben.

Aus unseren Interviews mit Betroffenen wissen wir, dass einige Frauen gegen ihre Zwangseinweisung protestierten. Sie befürchteten, dass eine Straftat verdunkelt werden sollte oder sie für Versuchszwecke ausgenutzt werden sollten. Andere wollten sich zunächst um die Betreuung ihrer Kinder kümmern.

Die Patientinnen kamen in gynäkologische Kliniken. Was genau geschah dort mit ihnen?

Es waren nicht nur gynäkologische Kliniken, sondern auch Infektionskliniken – beispielsweise in Leipzig. In den Kliniken wurden die ahnungslosen Frauen hinsichtlich des Verdachts auf eine Lebererkrankung untersucht. Es wurde versucht, eine mögliche Hepatitis zu diagnostizieren. Zudem wurden die Betroffenen isoliert, um eine weitere Ansteckung zu vermeiden.

Und bei alledem wussten die jungen Mütter nicht, warum. Das ist eben eine Diktatur. Erst im Laufe der Zeit haben die Patientinnen sich die Situation erklären können, weil sie sich in der Klinik ausgetauscht haben. Denn dort lagen ja sehr viele Frauen mit dem gleichen Schicksal. Erst dann, als klar wurde, dass die Misere nicht länger verschwiegen werden konnte, hat die staatliche Seite dem Druck nachgegeben und informiert.

Sie sagen, die Frauen waren traumatisiert. Was hat den Patientinnen, abgesehen von der Zwangseinweisung und Trennung von Kind und Familie, am meisten zu schaffen gemacht?

Die Frauen sind in der Situation, dass sie etwas in ihrem Körper haben, wofür sie nun wirklich nichts können. Es ist die Tatsache, ein mit Non-A-non-B infiziertes Immunserum in sich zu tragen, was enorme Auswirkungen für das gesamte Leben hat, wovor es kein Entrinnen mehr gibt und wofür die Betroffenen überhaupt nichts können.

Das hat enorme psychische Auswirkungen, sodass hier auch Langzeitfolgen beschrieben werden können. Dazu kommt die körperliche Manifestation des Virus, gegen die zwar einiges gemacht wurde und gemacht werden kann. Aber diese Faktoren zusammen, somatische Belastung plus schweres psychisches Trauma, wirkt heute bei den Frauen sehr stark nach.

Wann und in welcher Form wurde in der DDR schließlich auf diesen medizinischen Skandal reagiert?

Noch in der DDR wurde diese vorsätzliche Arzneimittelstraftat verfolgt. 1979 fand im Geheimen auch ein Prozess statt. Betroffene und Öffentlichkeit wurden nicht informiert. Die Frauen durften auch nicht als Nebenklägerinnen auftreten.

Letztlich kam es zu der Verurteilung von Dr. Wolfgang Schubert, der aber mehr ein Bauernopfer war. Es ist davon auszugehen, dass die Chargen im Bewusstsein deren Verunreinigung dennoch nicht verworfen wurden. Der Grund: Es sollten keine Devisen für den Einkauf der Anti-D-Prophylaxe verwendet werden.

Tausende Frauen wurden gesundheitlich schwer geschädigt, ihre Biografie nachhaltig negativ beeinflusst. Bekamen sie je eine Entschädigung, soweit das überhaupt möglich ist?

Noch in der DDR wurden einige Frauen, die in der Regel eine chronische Hepatitis entwickelten, ärztlich betreut. Es erhielten so auch nur einige zeitnah in gewisser Form eine materielle Unterstützung. Das waren geringe monatlich gezahlte Beträge.

Nach der Wiedervereinigung erhielten einige chronisch erkrankte Frauen zunächst Zahlungen nach dem Bundesseuchengesetz in Verbindung mit dem Bundesversorgungsgesetz.

Im Jahr 2000 wurde ein eigenständiges Gesetz, das Anti-D-Hilfegesetz, geschaffen. Dieses sollte die Frauen mithilfe von Renten und einer Einmalzahlung entschädigen. Dazu ist aber festzuhalten, dass sich die Zahlungen nach der Wiedervereinigung an der Minderung der Erwerbsfähigkeit orientierten.

Hätte der Arzt Dr. Schubert nicht doch anders handeln können, um diesen Skandal zu verhindern?

Es ist immer schwierig, heute über eine Person von damals zu urteilen. Er war in einer sehr schwierigen Situation. Er war in einem Gesundheitssystem als Arzt tätig, das wusste, wie man Druck machen konnte. Er hat vom Leiter des Kontrollinstitutes Druck bekommen, von Prof. Oberdörster. Es geht sogar noch weiter bis hinein in das Gesundheitsministerium, von Prof. Mecklinger.

Trotzdem wäre zum Schluss natürlich die Möglichkeit gewesen, den verunreinigten Impfstoff nicht einzusetzen. Ich möchte damit nicht sagen, dass ihm dadurch persönlich kein Schaden zugefügt worden wäre, das kann ich nicht ausschließen. Aber es ist nun auch nicht so, dass er unter allen Umständen tatsächlich diese Chargen hätte weitergeben müssen. Die große Katastrophe hätte sich damit in dieser Form in der Geschichte nicht ereignet.

Sie haben sich einen sehr differenzierten Überblick über diesen Skandal gemacht. Wie bewerten Sie heute, was da passiert ist?

Wir können mit unserer Arbeit zeigen, dass natürlich nicht ein Einzelner der Schuldige war. Es war ein gesamtes System, das in einem Lieferengpass nicht investieren wollte. Hier gab es einen Staat mit einem maroden Gesundheitssystem, der das mangelnde Serum mit Devisen im Westen hätte kaufen müssen.

Aber welche Wahl hätte es sonst gegeben? Zum Beispiel ein offener Umgang mit dem Problem. Die Frauen hätten ja auch aufgeklärt werden können, dass sie nur die Wahl haben zwischen einem Impfstoff, durch den sie mit Hepatitis infiziert werden, oder kein zweites Kind.

Interview: Andrea Wengel

Stand: 28.09.2016, 16:00

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