Kulturgeschichte des Herzens

Verschiedene Lebkuchenherzen mit weißer Schrift

Herz

Kulturgeschichte des Herzens

Von Christiane Gorse

Wir tun etwas "leichten Herzens" oder etwas "liegt uns am Herzen", wir "verlieren unser Herz" und es bricht uns, und manchmal tragen wir es auf der Zunge. Im Herzen unserer Kultur begegnet man dem Herzen selbst – und stößt auf die Geschichte eines Organs, das seit jeher eine zentrale Rolle im Selbstverständnis des Menschen spielte. Kein Wunder – es ist ja auch das einzige Organ, das wir immer spüren.

Die Herzopfer der Azteken

Die letzte Indio-Hochkultur Mittelamerikas, die Azteken, hatten ungewöhnlich grausame Herzrituale, die ihnen in jeder Kulturgeschichte des Herzens einen eigenen Platz einbringen. Die Azteken lebten vom 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert in Mittelamerika und wurden von den spanischen Eroberern ausgelöscht.

Wie zahlreich die Herzopfer der Azteken waren, darüber sind sich die Archäologen und Wissenschaftler nicht einig. Doch dass sie stattgefunden haben und keine Erfindung der spanischen Eroberer waren, davon sind die meisten überzeugt.

Offenbar waren es mindestens 13 Gottheiten, die Menschenopfer verlangten, allen voran der Sonnengott. Denn die Azteken ängstigten sich, die untergehende Sonne könne am nächsten Morgen nicht wieder aufgehen.

Geopfert wurden Kriegsgefangene, die man betäubt die Tempeltreppen hinauf zu den Priestern brachte. In einer grausamen Zeremonie schnitten diese den Gefangenen mit steinernen Ritualmessern bei lebendigem Leib das Herz heraus. Noch schlagend wurde es der aufgehenden Sonne entgegengehalten, um den Sonnengott zu besänftigen.

Die Körper der Toten wurden die Tempeltreppen hinuntergeworfen und waren zum Verzehr freigegeben. Für die Gefangenen war es offenbar durchaus eine Ehre, auf diese Weise zu sterben. Diese Rituale waren heilige Rituale, die nach aztekischem Verständnis dem Erhalt der kosmischen Weltordnung dienten.

Azteken beim Tanz

Azteken schnitten bei einem Ritual die Herzen ihrer Opfer heraus

Der ägyptische Totenkult

Schon im alten Ägypten spielte das Herz eine besondere Rolle. Es war das zentrale Organ schlechthin – hier wohnten nicht nur Gefühle wie Liebe, Mitleid und Hass, sondern auch die Vernunft und der Wille. Die Ägypter glaubten an ein Leben nach dem Tod und das Herz des Verstorbenen bestimmte über dieses Fortleben.

Man ging davon aus, dass das Herz vor dem Totengericht als unbestechlicher Zeuge über das Leben des Verstorbenen aussagen würde. Nachdem der Verstorbene vor Gericht seine Fehltritte aufgezählt hatte, wurde das Herz vor dem schakalköpfigen Gott Anubis gewogen, um zu überprüfen, ob der Verstorbene rechtschaffen gelebt habe.

Hatte er die Wahrheit gesagt, blieb die Waage in Ruhe, wogen die Missetaten zu schwer, hob sich eine Seite, hatte der Verstorbene dagegen gelogen, wurde ihm ein Leben im Jenseits verwehrt. Daraus entstand der Brauch des Einbalsamierens und Mumifizierens.

Dabei kam das Herz in ein eigenes Gefäß, das einer Herzhieroglyphe nachempfunden war, und wurde mit beigesetzt. Mit steinernen Amuletten, meist Herzskarabäen, wurde auf magische Art versucht, die Aussage des Herzens vor dem Totengericht positiv zu beeinflussen.

Totenbuch des Ani

Überprüfung des Herzens auf der Waage

Herzbestattungen im europäischen Adel

Auch in Europa spielt das Herz in der Bestattungskultur eine Rolle. Bis heute hält sich eine Sitte des Adels: nämlich das Herz getrennt vom Leichnam beizusetzen. Schon Richard Löwenherz, der legendäre Kreuzfahrer und König von England, ließ seine Überreste auf drei heilige Stätten verteilen, um auch nach seinem Tod allgegenwärtig zu sein.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Brauch, kostbare Herzreliquien-Kapseln anfertigen zu lassen. Erst 2011 verfügte der verstorbene Kaisersohn Otto Habsburg-Lothringen kurz vor seinem Tod, dass nach alter Familientradition sein Leichnam getrennt von seinem Herzen bestattet werden sollte.

Das Herz wurde im ungarischen Kloster Pannonhalma beigesetzt, der Leichnam in der Wiener Kapuzinergruft. Und 2004 versammelte sich der europäische Hochadel in der Basilika von St. Denis bei Paris zu einer feierlichen Herzbestattung. Zuvor war durch DNA-Analyse bewiesen worden, dass das verschollene Herz Ludwigs XVII. wiedergefunden worden war.

Als zehnjähriger Junge war der Sohn von Marie-Antoinette und Ludwig XVI. in Gefangenschaft an Tuberkulose erkrankt und schließlich daran gestorben. Ein Arzt schnitt sein Herz heraus und verwahrte es – doch dann ging es verloren. Nach 209 Jahren wurde es in St. Denis feierlich beigesetzt.

Otto von Habsburg im September 1989 in seinem Haus, der "Villa Austria", am Starnberger See

Otto von Habsburg wollte eine Herzbeerdigung nach alter Familientradition

Christlicher Kult verhalf dem Herzsymbol zu weltweiter Verbreitung

Dass das Herz in unserer Kultur heute eine so wichtige Rolle spielt, hat seine Ursache auch im Christentum. Im Christentum gilt das Herz als Sitz des Guten und des Bösen, gleichzeitig findet dort nach christlichem Verständnis die Kommunikation zwischen Jesus und Mensch statt. Schon früh kam auch dem Herz Jesu eine besondere Bedeutung zu.

Bereits im Mittelalter erlebte die Verehrung des Herzens Jesu einen ersten Höhepunkt. Das durchbohrte Herz des Heilands wurde zum Sinnbild der göttlichen Liebe zu den Menschen.

Im 17. Jahrhundert wurde die Herz-Jesu-Verehrung dann zum Massenkult. Vorangegangen war die Vision einer französischen Nonne, der im Jahr 1673 Jesus und sein flammendes, von einer Dornenkrone umgebenes Herz erschienen waren.

Zahlreiche Abbildungen von flammenden oder blutenden Jesus-Herzen verbreiteten das Symbol, in Frankreich entwickelte es sich im 18. Jahrhundert sogar zum Zeichen einer katholischen Gegenrevolution gegen die Aufklärung und die Entwicklungen der Moderne.

Zwar begeht die katholische Kirche bis heute am dritten Freitag nach Pfingsten das Herz-Jesu-Fest, doch hat der Kult seit dem 20. Jahrhundert an Bedeutung verloren.

An der Verbreitung des Herzsymbols weltweit hat der Herz-Jesu-Kult allerdings entscheidenden Anteil gehabt. Heute allerdings hat der inflationäre Gebrauch des Herz-Symbols den religiös-mystischen Sinn verdrängt hat.

Slüzzelîn zu mînem Herzen

Denn heute gilt das Herzsymbol als Sinnbild der Liebe – und wer in die Geschichte blickt, dem fällt dazu sofort der Minnesang ein. Kulturhistoriker sehen im Aufkommen der Minne einen Wandel im Liebesideal und einen Wertewandel, der sich von den christlichen Wertvorstellungen – insbesondere in Liebe und Erotik – löst.

Wenn die Liebe aus einem "reinen" Herzen kommt, kann sie allen sozialen und auch religiösen Regeln trotzen. Die Aufmerksamkeit wird vom Jenseits auf das Diesseits gelenkt.

Das Herz ist in der Minne der Sitz der Gefühle und der (platonischen) Liebe. Die nötige Feinfühligkeit eines zarten Herzens, das versucht, das Herz einer Dame zu gewinnen, verändert nicht nur das Verhältnis der Geschlechter zueinander.

Die Dichter prägten die Sprache und erfanden zahlreiche sprachliche Nuancen rund um das Herz und die Liebe. Im ältesten mittelhochdeutschen Liebeslied "Dû bist mîn, ich bin dîn" spielen das Herz und sein passendes "sluzzelîn" (Schlüsselein) eine zentrale Rolle.

Schwarzweiß-Stich: Ein Minnesänger vor mehreren Frauen

Minnesänger spielten ihre Lieder gerne vor Frauen

Die Sprache des Herzens

Das Herz wurde in unserer Kultur einerseits zum Sitz der Seele und andererseits zum Symbol der Liebe. Kein Wunder, dass unsere Sprache voll ist von Herzensausdrücken.

Es gilt als Ideal, "seinem Herzen zu folgen", dagegen ist "sein Herz auf der Zunge zu tragen" nicht immer positiv. Wir grüßen "herzlich", sind "herzlos" oder haben "ein weiches Herz". Das Herz kann uns brechen, etwas "schnürt uns das Herz zusammen" oder "lässt unser Herz bis zum Hals schlagen".

Redewendungen Herz 01:05 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Die Brüder Grimm haben spaltenlang Redewendungen gesammelt. Dies verrät: Das Herz verkörpert einen komplexen Inhalt und offenbart etwas über moralische Werte und persönliche Eigenschaften. Es ist eben bis heute weit mehr als nur ein Organ!

Stand: 08.10.2018, 11:48

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