Kleiner und großer Alltag

Kleinwuchs und Großwuchs

Kleiner und großer Alltag

Was für den Durchschnittsmenschen so selbstverständlich ist, dass er gar nicht darüber nachdenkt, ist für Klein- genau wie für Großwüchsige alles andere als das: In ihrem Alltag werden sie immer wieder damit konfrontiert, dass sie für diese Welt zu klein oder zu groß sind. Sie passen nicht in die für den Standard genormte Welt. Das spüren sie jeden Tag aufs Neue – so wie unsere fiktiven Figuren Frau Klein, winzige 1,35 Meter klein, und Herr Groß, stolze 2,20 Meter lang. Die beiden zeigen, mit welchen alltäglichen Herausforderungen zu kleine und zu große Menschen leben müssen.

Am Morgen im Badezimmer

Während Herr und Frau Standard morgens nach dem Aufstehen mechanisch ins Bad gehen, um dort beim Duschen und Waschen langsam aufzuwachen, müssen Herr Groß und Frau Klein ihrer Körperhygiene wachsam nachgehen.

Die Standard-Duschkabine in der Standard-Wohnung hat eine Höhe von etwa zwei Metern. Herr Groß kann also problemlos darüber hinwegschauen – zum Beispiel auf Frau Klein, die am Waschbecken auf einem Höckerchen stehen muss, um in den Spiegel blicken zu können und an Zahnbürste und Creme zu kommen, die auf der Standard-Ablage über dem Standard-Waschbecken stehen.

Wenn Herr Groß beim Haare waschen vergisst sich zu ducken, dann setzt er das Badezimmer unter Wasser – sein Haupthaar liegt ja oberhalb der schützenden Standard-Duschkabine.

Auf dem Weg zur Arbeit

Herr Groß nimmt den Wagen, obwohl er sich jedes Mal regelrecht in ihn hineinzwängen muss. Er hat seinen Standard-Mittelklassewagen nachträglich mit einer Sonderkonstruktion versehen lassen, sodass er den Fahrersitz weiter nach hinten schieben kann. Immerhin kann er das Auto vom Fahrersitz aus steuern.

Die ehemals größte Frau der Welt, die 2008 verstorbene Amerikanerin Sandy Allen, brauchte bei ihrer Körpergröße von 2,32 Metern keinen Fahrersitz. Sie steuerte ihr Auto von der Rückbank aus. Ein Zustand, der für Frau Klein undenkbar ist. Sie kann den Wagen ihres Mannes nicht fahren. Sie bräuchte eine Sonderanfertigung, eine Verlängerung der Pedale, die ihrem großen Mann im Weg wäre.

Frau Klein nimmt also die Bahn zur Arbeit. Wenn sie sich ein Ticket am Automaten ziehen will, muss sie sich ganz schön strecken und zudem auf die Zehenspitzen stellen, um Geld einwerfen zu können. Zum Glück kennt sie den Fahrpreis, die Angabe auf dem Display kann sie nämlich von ihrem Blickwinkel aus schlecht oder gar nicht erkennen.

Beim Einkaufen

Herr Groß braucht eine neue Hose und macht sich nach der Arbeit auf den Weg in die Innenstadt. An diesem Freitagnachmittag ist die Fußgängerzone voll und Herr Groß ragt wie immer aus der Menge hervor. Dass er beim Bummeln durch die Stadt ständig angestarrt wird, merkt er fast gar nicht mehr.

Erst wenn er auf seine Größe angesprochen wird oder er eine dumme Bemerkung zu hören bekommt, wie "Na, wie ist die Luft da oben?", fällt ihm wieder auf, dass er aus der Menge der Durchschnittsmenschen heraussticht. Die zahlreichen Bekleidungs- und Schuhläden in der Fußgängerzone muss er links liegen lassen, denn seine Klamotten und Schuhe findet er nur in speziellen Geschäften für Übergrößen.

Frau Klein kauft heute nach der Arbeit für das Abendessen ein. Auch sie zieht bei jedem Einkauf im Supermarkt neugierige Blicke auf sich, wenn sie den für sie viel zu großen Standard-Einkaufswagen durch die Supermarktgänge schiebt. Normal ist es für sie auch, dass sie beim Einkauf andere immer wieder um Hilfe fragen muss, denn an die obersten Regale im Supermarkt kommt sie nicht heran.

Der Abend zu Hause

Herr Groß und Frau Klein kochen ihr Abendessen gern gemeinsam. Da sie sehr klein und er sehr groß ist, hat das ungleiche Paar die Standard-Küche so gelassen, wie sie ist. Das bedeutet für Herrn Groß, dass er sich beim Kochen und Spülen extrem bücken muss, während Frau Klein ein Höckerchen braucht, um an das Geschirr in den Hängeschränken zu kommen. Auch Esstisch und Stühle sind bei den beiden wie überall – Standard. An Frau Kleins Platz steht unter dem Tisch eine Fußstütze, sodass sie ihre Beine nicht baumeln lassen muss.

Für Herrn Groß sitzt es sich an einem normalen Esstisch mit Standard-Stühlen wie für den Durchschnittsmenschen im Flugzeug. Bei einem längeren Abendessen wird diese eingeengte Sitzhaltung irgendwann unangenehm und Herr Groß freut sich dann besonders aufs Bett. Das hat er nämlich extra anfertigen lassen. Ein Standard-Bett mit einer Länge von zwei Metern ist für ihn bereits seit seinem 14. Lebensjahr passé, seitdem er über die Zwei-Meter-Marke hinausgewachsen ist.

Frau Klein hat in diesem großen Bett mehr als genug Platz. Sie kann sich endlich nach der letzten körperlichen Anstrengung des Tages, dem Treppenaufstieg, ausruhen. Treppensteigen ist für kleinwüchsige Menschen fast wie Sport: Eine Stufe ist für Frau Klein so hoch wie für den Durchschnittsmenschen zwei bis drei Stufen.

Herr Groß muss sich beim Gang ins Schlafzimmer ein letztes Mal für diesen Tag ducken, um durch die Standard-Tür mit der Höhe von zwei Metern zu kommen. Es ist erstaunlich, dass er sich in seinem Leben noch nie an einem Türrahmen gestoßen hat. Wahrscheinlich, weil er es nicht anders kennt. Es ist für ihn normal, in einer Welt zu leben, die für ihn zu klein und für seine Frau zu groß ist.

Autorin: Melanie Kuss

Stand: 27.10.2015, 11:27

Darstellung: