Hebammen – Geburt mit Gefühl

Hebamme und Mann halten Hand von einer Schwangeren.

Schwangerschaft

Hebammen – Geburt mit Gefühl

Im Krankenhaus muss sie bei jeder Geburt dabei sein – so lautet die gesetzliche Regelung. Dabei übernimmt die Hebamme eine Aufgabe, die Ärzte im Klinikalltag nur schwer erfüllen können: Abseits von medizinischen Untersuchungen und Eingriffen unterstützen sie die Gebärende insbesondere mental. Die Frau soll auf ihren Körper hören und die Angst vor der Geburt verlieren. Das fördert eine natürliche Geburt und senkt die Kaiserschnittrate, so die Devise des Deutschen Hebammenverbands. Dabei begleiten Hebammen die Frauen nicht nur bei der Geburt, auch die Vor- und Nachsorge nimmt einen hohen Stellenwert ein.

Innige Bindung in kurzer Zeit

"Dass es hinten drückt, ist ganz normal", sagt Carolin Jäcker mit sanftem Ton. "Das ist der Kopf", erklärt die 28-Jährige. Die Hebamme beugt sich über den Badewannenrand, um ganz nah bei der Frau zu sein, die kurz vor einer Wassergeburt steht.

Dabei scheint Carolin Jäcker jede Wehe der Gebärenden mitzufühlen. In tiefen, regelmäßigen Zügen atmet sie mit. Obwohl es nicht ihr eigener Körper ist, spürt sie ganz genau, wann die entscheidende Wehe kommt.

"Ist das Kind dann da, freut man sich einfach gemeinsam mit den Eltern", sagt Carolin Jäcker. Seit sechs Jahren arbeitet sie an der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg. Über 700 Geburten hat sie bereits begleitet. "Ich habe schon immer den besonderen Kontakt zu Menschen gesucht", erzählt die Hebamme. Sie hat den richtigen Beruf für sich gefunden.

"Unsere Hebammen bauen in kurzer Zeit eine sehr innige Bindung zu den Frauen auf", sagt Annika Hohnheiser, Assistenzärztin im Kreißsaal der Missionsärztlichen Klinik Würzburg.

Die Medizinerin weiß: Eine Geburt läuft nur gut, wenn die Frau richtig motiviert ist. Diese psychologische Stütze sieht sie klar in den Händen der Hebammen. "Wir Ärzte könnten das schon aus Zeitgründen nicht leisten", erklärt Hohnheiser.

Ärzte nur zu Besuch

Ob sechs Stunden oder zwei Tage – solange die Frau in den Wehen liegt, sind die Hebammen abrufbereit an ihrer Seite. Dabei wechseln sich die Geburtenhelfer im Schichtdienst ab. "Wenn alles glatt läuft, müssen wir den Arzt nur zur Sicherheit kurz vor der Geburt dazuholen", sagt Caroline Jäcker.

So kam es auch, als der kleine Henry in Würzburg auf die Welt kam. Der Arzt war dabei nur kurzer Gast. Nicht einmal die Nabelschnur durchtrennte er. Das durfte der frisch gewordene Vater selbst machen.

Doch nicht immer läuft es so unkompliziert ab wie bei Henry. Ziehen sich die Wehen zu lange hin, oder liegt das Kind nicht ganz ideal, endet eine Geburt immer häufiger mit einem Kaiserschnitt.

Eine Erhebung der Bertelsmann Stiftung zeigt: Mittlerweile wird in Deutschland jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geboren. Medizinisch notwendig ist nur jeder zweite davon, schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). "Ich versuche den Müttern immer zu vermitteln, dass ein Kaiserschnitt eine schwere Bauchoperation ist", sagt Carolin Jäcker.

In den Folgetagen nach dem Eingriff sind die Frauen ans Bett gefesselt und haben weitaus größere Schmerzen als nach einer natürlichen Geburt. "Zudem kann ein Kaiserschnitt die Bindung zwischen Mutter und Kind erschweren", weiß die Hebamme.

Sorge um das Kind, Trennungen für Untersuchungen oder Behandlungen, die Wirkungen von Medikamenten bei Mutter und Kind – all das kann sich unter Umständen auf die Entwicklung der Beziehung auswirken.

Frau beugt sich über das frischgeborenes Baby.

Carolin Jäcker und der kleine Henry

Klagen nach der Geburt häufen sich

Dabei sind es weniger die Eltern, die Kaiserschnitte zunehmend fokussieren. Auch das zeigt die Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Vielmehr verändert sich die Risikoeinschätzung der Ärzte. "Wir müssen uns zunehmend juristisch für unsere Entscheidungen rechtfertigen", sagt Annika Hohnheiser von der Würzburger Klinik.

Erleidet das Kind während der Geburt einen Schaden, gehen die Eltern heute immer häufiger vor Gericht; sie klagen, wie es in Amerika schon gang und gäbe ist. Maßstab für die Richter sind dabei die offiziellen Leitlinien für Ärzte. "Mit einem Kaiserschnitt ist man hier meist auf der sichereren Seite", sagt Hohnheiser.

Hinzu kommt, dass das Gesundheitssystem die medizinischen Eingriffe im Kreißsaal bevorzugt, so die Kritik des Deutschen Hebammenverbands. Krankenhäuser in Deutschland erhalten für einen Kaiserschnitt das Dreifache, also rund 1000 Euro mehr als für eine natürliche Geburt.

Frau liegt im OP-Saal umringt von Ärzten.

Kaiserschnitt-Geburten nehmen zu

Erste Richtlinien speziell für Hebammen

"Das System setzt falsche Anreize", sagt Petra Blumenberg vom Verbund Hebammenforschung an der Hochschule Osnabrück. Es gebe bisher nur wenige Ansätze, die die natürliche Geburt explizit fördern, erklärt die Wissenschaftlerin.

Um diese Lücke zu schließen, entwickelten Blumenberg und ihre Kollegen in Osnabrück jetzt erstmals Richtlinien speziell für Hebammen, den sogenannten Expertinnenstandard. Die Idee dabei: Abseits von den ärztlichen Leitlinien für einzelne medizinische Eingriffe soll die Geburt dabei als Ganzes betrachtet werden.

"Wir haben die Erfahrungen von Hebammen und Ärzten mit einfließen lassen, aber auch alle verfügbare wissenschaftliche Literatur zur Geburtshilfe zusammengetragen", sagt Petra Blumenberg. Das Ergebnis: Oft stehen verfrühte medizinische Eingriffe dem natürlichen Verlauf einer Geburt im Weg. "Schon Frauenärzte raten den Schwangeren, sich gegen die Schmerzen eine PDA (Periduralanästhesie) geben zu lassen", sagt sie.

Dadurch jedoch könnten sich die Wehen abschwächen, und der Geburtsverlauf verlängere sich. Unter Umständen gibt der Arzt dann wieder ein Wehen förderndes Mittel, das starke Schmerzen hervorruft. "Diese Interventionskaskade kann sich so lange hinziehen, bis es heißt: Jetzt wird ein Kaiserschnitt gemacht", sagt Blumenberg.

In Geburtshäusern, in denen ausschließlich Hebammen arbeiten, wird überwiegend auf medizinische und technische Hilfe verzichtet. Hier zählen Gespür und Erfahrung der Geburtshelfer und das Vertrauen auf den eigenen Körper.

"Ob eine Schwangere sich darauf verlassen will, ist ihre ganz persönliche Entscheidung", rät Annika Hohnheiser. Das Wichtigste sei, dass die Frau sich wohlfühlt.

Kommt es jedoch zu Komplikationen, sind selbst die Hebammen in Geburtshäusern angewiesen, die Frau frühzeitig ins Krankenhaus zu verlegen. Dann zählt wieder das medizinische Knowhow der Gynäkologen. "Wir brauchen die Ärzte, genauso wie sie uns", betont Carolin Jäcker.

Ärztin und Hebamme untersuchen Baby.

Arzt und Hebamme sollten bei der Geburt ein Team bilden

Ängste abbauen in der Hebammensprechstunde

Ein Team bilden zwischen Ärzten und Hebammen – das fordert auch der Expertinnenstandard. Und das nicht nur zum Zeitpunkt der Geburt. Auch die Vorbereitungsphase ist entscheidend.

"Viele Krankenhäuser bieten nur ein kurzes Vorstellungsgespräch mit einer ihrer Hebammen an, um die wichtigsten Daten abzuklären", sagt Petra Blumenberg. Das findet meist erst vier bis fünf Wochen vor der Geburt statt und die Schwangere hat kaum Zeit ihre Sorgen und Ängste loszuwerden.

"Die Frauen würden sich anders auf eine Geburt einstellen, wenn wir in der Klinik mehr an der Vorsorge beteiligt wären", glaubt auch Carolin Jäcker. Statt sich primär auf medizinische Untersuchungen zu verlassen, möchte sie den Frauen Körpergefühl vermitteln. Sie sollen schon früh die bevorstehende Geburt als ganz natürlichen Vorgang begreifen.

Um die Rolle der Hebammen bei der Vorsorge zu stärken, schlägt der Expertinnenstandard eine Hebammensprechstunde als Regel für alle Kliniken vor. Ob diese tatsächlich eingeführt wird, ist noch offen.

"Momentan befindet sich der Richtlinienkatalog in der Testphase", sagt Petra Blumenberg. Die Wissenschaftler wollen unter anderem prüfen, ob dieser sich mit den Regelabläufen im Krankenhaus vereinbaren lässt.

Krankenkassen unterstützen Rundumversorgung

Das Recht auf eine intensive Rundum-Betreuung steht bereits jetzt jeder werdenden Mutter in Deutschland zu: Die Schwangerschaftsvorsorge, aber auch die Nachsorge werden vom Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gedeckt. Dafür muss die Schwangere allerdings selbst Initiative ergreifen und sich an eine freiberufliche Hebamme außerhalb des Krankenhauses wenden.

Oder sie wählt eine Klinik, in der neben den Festangestellten auch selbstständige Hebammen arbeiten. Diese sogenannten Beleghebammen übernehmen auf freier Basis Schichten im Kreißsaal, bieten aber auch Vor- und Nachsorge an.

Die Zahl freier Hebammen, die auch bei der Geburt dabei sind, nimmt jedoch ab. Der Grund: Die Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung der Geburtshilfe sind rapide angestiegen. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich vervielfacht. 2016 lagen sie bereits bei knapp 6800 Euro pro Jahr.

Als Folge haben sich in den vergangenen Jahren viele freiberufliche Hebammen in Deutschland aus der Geburtshilfe zurückgezogen, wie der Deutsche Hebammenverband berichtet.

Auch an der Missionsklinik in Würzburg gibt es keine ausschließlich freiberuflichen Hebammen. Allerdings haben die Geburtenhelfer die Möglichkeit, sich neben ihrer Festanstellung zusätzlich noch selbstständig zu machen. Viele von ihnen übernehmen auf dieser Basis noch die Nachsorge.

"Mich beruhigt es immer, wenn die Eltern auch nach der Geburt eine Hebamme zu Rate ziehen", sagt die Ärztin Annika Hohnheiser. Diese ist dann Ansprechpartnerin für alles, was die frisch gewordenen Eltern verunsichert.

"Stillende Mütter sorgen sich am Anfang oft, ob ihr Kind genug isst", erzählt Carolin Jäcker aus eigener Erfahrung. Auch hier rät die Hebamme, auf ganz natürliche Signale zu achten: "Einen Messbecher braucht es dazu nicht. Solange das Kind nicht schreit, hat es gewöhnlich auch keinen Hunger mehr."

Baby saugt an Brust der Mutter.

Wann hat das eigene Kind genug gegessen?

Autorin: Inka Reichert

Stand: 17.07.2018, 14:49

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