Schmetterlingskind – Wenn das Ende vor dem Anfang kommt

Eine Baby-Skulptur liegt mit geschlossenen Augen auf vielen Kieselsteinen, links und rechts steht je ein künstlicher Schmetterling.

Schwangerschaft

Schmetterlingskind – Wenn das Ende vor dem Anfang kommt

Von Mona Ameziane

Dies sollte eine Reportage über den schönsten Anfang überhaupt werden: Eine Hebamme hilft einem neuen Leben auf die Welt. Es wurde eine Geschichte über ein zu schnelles Ende, das vor dem Anfang kam. Weil sich das Leben nicht immer an Spielregeln hält.

Die Nachtschicht beginnt

Ein lächelnder weißer Storch mit ausgebreiteten Schwingen prangt auf der milchig verglasten Flügeltür. In seinem Schnabel trägt er ein Bündel, aus dem ein kleiner, leicht behaarter Säuglingskopf herauslugt.

Fast ohne hinzusehen gibt Sandra Posnik (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) eine achtstellige Zahlenkombination in das Tastenfeld rechts neben der Tür ein und betritt den Kreißsaal der Klinik.

Der Flur ist menschenleer, die Wände leuchten in einladendem Orange und sind übersät von kleinen Holzsonnen, auf denen jeweils Name, Geburtsdatum, Gewicht und der Fußabdruck eines Neugeborenen zu sehen sind. Das Licht ist wärmer als auf dem Rest der Station, aber es riecht genauso unverwechselbar nach Desinfektionsmittel und Krankenhaus.

"Hier ist ja heute echt gar nichts los", murmelt Sandra Posnik leise vor sich hin, während sie über den leeren Flur zurück zum Hebammenzimmer geht. "Eine Geburt um halb sechs, liegt schon auf der Vier im Kinderzimmer, ansonsten drei CTGs und eine Einlieferung mit Schmerzen im Nierenbereich, siebter Monat", sagt Hebamme Barbara bei der Übergabe schnell, kippt ihren letzten Schluck Kaffee hinunter und stellt die Tasse achtlos in die verfärbte Spüle.

Immer mehr Entbindungsstationen werden geschlossen

Immer mehr Entbindungsstationen werden geschlossen

Ein Fruchtblasensprung in der 18. Woche

"Durchschnittlich haben wir eineinhalb Geburten pro Tag, aber dann gibt es natürlich anstrengende Nächte, in denen drei Kinder zur Welt kommen, und Schichten, in denen gar nichts passiert. Heute –", Sandra Posnik hält inne, ihr Telefon hat angefangen zu klingeln. "Ja bitte?", meldet sie sich.

Plötzlich werden ihre Gesichtszüge ernst. "Im wievielten Monat?", fragt sie und streicht sich mit einer hektischen Bewegung eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht.

Dann geht alles ganz schnell. Die Kreißsaaltür öffnet sich, zwei Pfleger schieben eine Trage mit einer dunkelhaarigen jungen Frau herein. Die Diagnose: ein Fruchtblasensprung in der 18. Schwangerschaftswoche. Sie wird in Kreißsaal drei gelegt, die Ärztin kommt mit zwei Anästhesisten und spricht leise mit Sandra Posnik.

Das Kind im Bauch der Frau hat den Blasensprung nicht überlebt, es muss so schnell wie möglich auf natürlichem Wege geboren werden, um eine Vergiftung der Mutter zu verhindern. Sandra Posnik nickt, stellt einige Rückfragen und wickelt dabei zum dritten Mal das Band ihrer Brille um den linken Zeigefinger.

Alle Augen voller Sorge und Bedauern

Die Anästhesisten verabreichen der jungen Frau eine Spritze gegen die Schmerzen und bleiben zur Sicherheit auf der Station. Das Hebammenzimmer ist voll, alle Augen voller Sorge und Bedauern. "So etwas ist furchtbar für die Familie und ihre Angehörigen, aber auch für uns ist eine Fehlgeburt keineswegs Routine und lässt niemanden kalt", sagt Sandra Posnik leise.

Die Ärztin geht davon aus, dass es noch mindestens eine Stunde dauern wird, bis die junge Frau es geschafft hat, doch nur wenige Minuten später trägt die Hebamme schon vorsichtig ein kleines eingewickeltes Bündel in den vordersten Kreißsaal.

Das Team wird auf der Stelle aktiv. Die 20-jährige Patientin muss sofort operiert werden, der Mutterkuchen hat sich nicht von alleine gelöst. Es wird über den Operationssaal gesprochen, die Narkose, den Ablauf. Die Ärztin telefoniert, die Pfleger bereiten den Transfer vor, die Anästhesisten begeben sich schon auf den Weg zur Operations-Station.

Eine Hebamme rennt über den Flur im Krankenhaus

Alles muss schnell gehen

Ein vollständiger Mensch, viel zu früh geboren

In Kreißsaal eins schließt Sandra Posnik die Tür. Nur noch gedämpft dringen die Stimmen aus dem Flur herein. Aus ihrem Zopf haben sich weitere Strähnen gelöst und hängen rechts und links am Gesicht herunter. Sie scheint erleichtert zu sein, dass alles so schnell gegangen ist, doch auf ihrer Stirn bilden sich kleine waagerechte Falten.

Die Hebamme wäscht sich die Hände und geht zu dem kleinen Bündel aus Tüchern, das auf einer Holzablage liegt. Es sieht harmlos aus, fast so, als hätte jemand einfach vergessen aufzuräumen.

Sandra Posnik schiebt behutsam beide Hände in das weiße Häufchen und hebt vorsichtig einen kleinen reglosen Körper heraus. Liebevoll streicht sie ihm mit dem Daumen über den winzigen Kopf. "Es ist ein kleiner Junge", sagt sie leise, als wäre sie darauf bedacht ihn nicht aufzuwecken.

"Gerade mal 15 Zentimeter groß und 190 Gramm schwer", fügt sie einige Minuten später hinzu, legt das Maßband zur Seite und hebt den Kleinen in die weichen Daunen eines viel zu großen Bastkörbchens. Seine Augen sind kaum größer als Sonnenblumenkerne, Nase und Mund kann man klar erkennen.

Die gelbe Klammer, mit der Sandra Posnik die Nabelschnur abgeklemmt hat, wirkt riesig neben dem viel zu kleinen Bauch, die winzigen Hände liegen auf der zierlichen Brust. "Er ist ein vollständiger kleiner Mensch, der einfach noch ein paar Wochen gebraucht hätte", sagt sie und legt ein hellblaues Tuch über den Korb.

Die Hand eines frühgeborenen Kindes im Vergleich zum Daumen eines Erwachsenen.

Eine viel zu kleine Hand

Kleidung für das Schmetterlingskind

Durch eine Verbindungstür geht Sandra Posnik ins Hebammenzimmer, ihre Sohlen quietschen leise. Sie nimmt ihre Lesebrille vom Tisch und schiebt sie in ihre Haare, sodass die vielen losen Strähnen nicht mehr im Gesicht hängen. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein, holt eine große weiße Plastikbox aus dem Schrank und stellt sie auf die Küchenzeile.

"Das ist die Kleiderbox für Schmetterlingskinder“, sagt sie und öffnet den Deckel. Die Kiste ist bis oben hin gefüllt mit kleinen Socken, Mützen, Schlafsäcken und Anzügen in allen Farben.

"Mütter, die selber die schmerzliche Erfahrung gemacht haben, ein Kind zu verlieren, nähen die Kleider und stellen den Entbindungsstationen kostenlos solche Boxen zur Verfügung." Sandra Posnik überlegt einen Moment, welches Kleidungsstück sie wählen soll.

Schließlich hält sie einen kleinen Schlafsack in den Händen. Er ist hellblau und der Stoff übersät von braunen Hunden, die lächelnd die Zunge heraushängen lassen.

Außerdem entscheidet sie sich für eine gestrickte blaue Mütze, die so klein ist, dass sie wahrscheinlich gerade auf einen Golfball passen würde. "Damit er es schön warm hat", sagt sie mit einem liebevollen Lächeln und setzt das Mützchen auf ihren Zeige- und Mittelfinger.

Ein Paar hellblaue Babysocken

Winzige Babysocken

Eine Erinnerung aus Stoff

Einen Moment lang blickt sie es nur stumm an, dann beginnt sie zu erzählen: "In den meisten Fällen tut es den Eltern nach einer Fehlgeburt gut, ihre Kinder zu sehen und einige Minuten mit ihnen alleine zu sein. Die Kleider nehmen den kleinen Körpern ihre Zerbrechlichkeit und geben den Eltern das Gefühl, dass ihr Kind geborgen ist."

Sie setzt die Mütze wieder ab und wendet sich dem Schlafsack zu. "Außerdem bekommen sie ein Erinnerungsteilchen aus dem gleichen Material wie die Kleidung als Andenken." Sie legt ein gefaltetes Stück Stoff auf die Arbeitsfläche, auf dem ein halber Hund zu sehen ist.

Sandra Posnik schenkt sich Kaffee ein, das Surren der Kreißsaaltür ist zu hören, und einen Augenblick später kommt die Ärztin ins Hebammenzimmer. Ohne zu fragen, holt Sandra Posnik eine zweite Tasse aus dem Schrank und reicht ihr einen Kaffee. "Danke, das brauchte ich jetzt!" Die Ärztin trinkt einen Schluck und sagt: "Alles gut gegangen, sie ist wieder auf der Station."

Sandra Posnik nickt und nippt ebenfalls an ihrer dampfenden Tasse. Sie wirft einen Blick über den Türrahmen. Es ist kurz nach Mitternacht. Die Ärztin öffnet die Tür zu Kreißsaal eins. Sandra Posnik holt aus einer Schublade eine Digitalkamera, zwei Stempelkissen und eine unbeschriftete Holzsonne und folgt ihr.

"Jetzt hast du es geschafft"

Die Ärztin steht vor dem Körbchen, schüttelt bedauernd den Kopf und fährt sich mit der Hand über das gerötete Gesicht. Sie sieht müde aus, sie ist im Bereitschaftsdienst und seit morgens früh im Einsatz. Bevor sie geht, fragt sie noch nach Größe, Gewicht und Geburtszeit, tätschelt Sandra Posnik kurz die Schulter, dann surrt die Kreißsaaltür. Wieder alleine macht die Hebamme ein Foto für die Akte. "Das muss leider sein", sagt sie und legt die Kamera zur Seite.

Vorsichtig und nur mit zwei Fingern, hebt sie das rechte Beinchen des Kleinen an, drückt es kurz gegen das Stempelkissen und den kleinen Fuß schließlich auf die leere Holzsonne und noch einmal auf ein gelbes Stück Papier. "Es ist unglaublich, wie klar man den Abdruck schon erkennen kann", sagt Sandra Posnik und in ihrer Stimme schwingt eine Mischung aus Traurigkeit und Erstaunen mit.

"Für mich ist es auch nach so vielen Jahren jedes Mal aufs Neue ein wahres Wunder, wie ein kleiner Mensch so vollständig im Körper heranwachsen kann. Auch wenn es leider nicht immer gut ausgeht." Liebevoll berührt sie die winzigen Finger, jeder einzelne ist klar zu erkennen. Die Fingernägel wären erst später gewachsen.

Danach legt Sandra Posnik den leblosen friedlichen Körper behutsam in den weichen Stoff des Schlafsacks. Sie schließt den Druckknopf, die Hunde lassen die Zungen baumeln. Mit noch mehr Fingerspitzengefühl schiebt die Hebamme langsam das Strickmützchen über den winzigen Kopf.

"So, jetzt hast du es geschafft", sagt sie, legt eine kleine gestrickte Puppe neben den Schlafsack, zupft die Mütze vorsichtig etwas höher und macht ein weiteres Foto. Die junge Frau habe sie darum gebeten. Sie deckt das Körbchen wieder ab und geht zurück ins Hebammenzimmer.

"Das Leben schreibt nicht nur schöne Geschichten"

Etwas über 1800 Geburten hat Sandra Posnik bisher begleitet und nur die wenigsten von ihnen nahmen kein gutes Ende. Sie weiß mittlerweile, dass solche Erfahrungen dazugehören. "Hebamme zu sein, ist wirklich schön. Immer wieder ist man dabei, wenn ein neues Leben beginnt, und die allermeisten verlassen diesen Kreißsaal mit einem überglücklichen Gesicht.

Aber das Leben kann eben nicht nur schöne Geschichten schreiben und in einigen Fällen ist der Anfang des Lebens leider auch gleichzeitig das Ende. Das braucht einige Jahre, bis man mit solchen Erfahrungen umgehen kann, aber irgendwann geht es."

Sie wendet sich der Holzsonne mit dem kleinen Fußabdruck zu und holt einen gefalteten Zettel aus ihrer Tasche. "Dean Lukas", liest sie vor, schreibt den Namen fein säuberlich in die Mitte der Sonne und direkt darüber "26.2.2014, 22:57 Uhr". Das Gewicht lässt sie weg.

Zwölf Babys liegen in ihren Bettchen auf der Geburtsstation

1800 Geburten hat Sandra Posnik begleitet

Schichtende

Fünf Stunden später steckt Sandra Posnik ihre Stricknadeln ein und geht in den Umkleideraum. Sie tauscht die blaue Arbeitskleidung gegen eine schwarze Röhrenjeans und eine Bluse und löst das Haargummi.

Schwungvoll wirft sie den Kopf einmal nach vorne und streicht dann die Haare glatt. Unter ihren Augen lassen sich leichte Ringe erahnen. Nur dem Kaffee hat sie es zu verdanken, dass sie in den letzten Stunden wach geblieben ist.

Die Hebamme für die Frühschicht sitzt schon am Schreibtisch und wartet auf sie, aber eine Übergabe wäre eigentlich nicht nötig. Sandra Posnik drückt auf einen Knopf an der Wand und langsam öffnet sich die große Tür mit dem gewohnten Surren. Sie verlässt den Kreißsaal und macht sich auf den Weg zum Aufzug. Der Storch lächelt ihr hinterher.

Ein Storch, der ein Bündel mit einem Kind trägt.

An der Kreißsaaltür hängt ein Klapperstorch

Stand: 01.09.2014, 13:00

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