Späte Eltern

Eine ältere Frau hält ein Kind auf dem Arm

Schwangerschaft

Späte Eltern

Von Britta Schwanenberg

Große Karrierepläne, unsicherer Job, fehlender Partner – die Gründe, warum Deutsche spät Eltern werden, sind unterschiedlich. Doch so viel ist klar: Die Biologie sieht es nicht vor, dass Frauen mit weit über 40 noch Kinder bekommen. Lässt sich die Natur austricksen? Anbieter von Social Freezing versprechen das.

Spätgebärernation Deutschland?

Alte Promi-Mütter in den Schlagzeilen sind das eine – das andere die nackten Zahlen: Laut Statistischem Bundesamt schieben Frauen die Familiengründung immer länger auf. 1970 war die Durchschnittsmutter bei der Geburt des ersten Kindes 24 Jahre alt. 2012 war sie durchschnittlich 29 Jahre alt.

Akademikerinnen sind im Durchschnitt bei der Familiengründung drei Jahre älter als Frauen ohne Hochschulabschluss. Über 40 sind allerdings nur die wenigsten Frauen: Im Jahr 2013 entfielen auf sie nur drei Prozent aller Geburten.

Mit zunehmendem Alter lässt sich eine Schwangerschaft immer schlechter planen. Bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft bei etwa 30 Prozent pro Monatszyklus. Doch schon mit 35 Jahren nimmt die Fruchtbarkeit ab. Mit 40 Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit pro Zyklus noch bei zehn Prozent und sinkt dann rapide.

Ein deutsches Phänomen sind alte Eltern nicht. Statistiker verzeichnen in allen Ländern, in denen die Bildungschancen für Frauen steigen, eine Zunahme der späten Mütter.

Erst die Arbeit, dann das Kind?

Warum warten Frauen in Deutschland mittlerweile recht lang, bevor sie sich für ein Kind entscheiden? 43 Prozent der kinderlosen deutschen Frauen zwischen 35 und 40 wollen sich laut einer Umfrage des Statistik-Portals Statista zunächst um die Karriere kümmern.

Bei anderen wiederum geht es nicht um eine hohe Position im Job, sondern erst einmal um einen sicheren Arbeitsplatz. Vor allem wenn beide Partner einen unsicheren, befristeten Arbeitsplatz haben, schieben sie oft den Kinderwunsch erst einmal auf.

Viel entscheidender ist aber bei vielen die Frage nach dem passenden Partner: 59 Prozent der befragten Frauen sagten, dass ihnen zum Kinderkriegen "der Richtige" fehle. Bei den kinderlosen Männern waren es sogar 64 Prozent. Mehrfachnennungen waren möglich.

Frauen ab 35 sind Risikoschwangere

Macht der Arzt sein Kreuzchen bei "Risikoschwangerschaft", wird einigen Frauen angst und bange. Dabei handelt es sich lediglich um eine Schwangerschaft, die der Arzt aufgrund erhöhter statistischer Risiken stärker bewacht. Jede Frau jenseits der 35 gilt als Risikoschwangere.

Doch nur selten gibt es ernsthafte Probleme. Frauenärzte sehen auch viele Vorteile: So werden diese Schwangerschaften meist bewusst geplant. Werdende Mütter leben dann gesünder und richten ihre Lebensumstände auf die Schwangerschaft ein.

Dennoch liegt das Risiko einer Fehlgeburt bei über 40-jährigen Müttern doppelt so hoch wie im Durchschnitt. Auch die Gefahr für schwangerschaftsbedingte Krankheiten, Gestosen genannt, oder Schwangerschaftsdiabetes ist höher.

Hinzu kommt das Risiko für einen genetischen Defekt beim Kind. So steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit Down-Syndrom von einem Prozent bei einer Schwangerschaft mit 40 Jahren auf etwa zehn Prozent mit 48 Jahren.

Eine schwangere Frau mit Ultraschallaufnahme

Guter Hoffnung? 80 Prozent aller Frauen gelten als Risikoschwangere

Social Freezing – die Schwangerschaft verschieben

"Wir schaffen die Wechseljahre der Frau ab!" – so bewerben Ärzte Social Freezing. Mit diesem Verfahren können Frauen ihren Kinderwunsch im wahrsten Sinne des Wortes erst einmal auf Eis legen.

Wenn eine Frau ihre Eizellen einfrieren lassen will, muss sie sich zunächst Hormone spritzen, um die Eierstöcke zu stimulieren. Danach entnimmt der Arzt möglichst viele Eizellen und friert sie ein. Zu einem späteren Zeitpunkt können diese dann befruchtet und der Frau wieder eingesetzt werden. Wissenschaftler haben das Blitzgefrieren so optimiert, dass inzwischen rund 85 Prozent der Eizellen überleben.

In den USA wurde Social Freezing schon 2013 zur Standardbehandlung erklärt. 2014 kündigten die Unternehmen Apple und Facebook an, ihren Mitarbeiterinnen das teure und aufwendige Verfahren zu finanzieren.

Ursprünglich entwickelt wurde es für junge Krebspatientinnen, damit diese auch nach einer Chemotherapie Kinder ohne genetische Schäden bekommen können. Beim Social Freezing geht es nun darum, an der biologischen Uhr zu drehen.

Das wird heiß debattiert. Unter Befürwortern gilt Social Freezing als Geheimwaffe im Geschlechterkampf. Nun müssen auch Frauen nicht mehr beruflich oder privat in Stress geraten, weil ihnen die Zeit davonläuft.

Andere halten dagegen: Ein Arbeitgeberzuschuss zum Social Freezing erzeuge einen Druck zur Selbstoptimierung und unterwerfe die Frauen einem ausbeuterischen System, anstatt familienfreundliche Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Inzwischen bieten auch deutsche Kliniken an, Eizellen einzufrieren. In München kostet jeder Versuch der Eizellentnahme 3000 Euro, die Lagerung kostet jährlich 240 Euro (Stand: 2015). Genaue Zahlen, wie viele deutsche Frauen das Angebot nutzen, liegen noch nicht vor. Einzelne Kinderwunschkliniken wie in Hamburg oder Tübingen nennen einige Dutzend jährliche Behandlungen.

Das wissenschaftliche Netzwerk Fertiprotekt verzeichnete in Deutschland für das Jahr 2013 insgesamt 134 Social-Freezing-Patientinnen. Es verweist aber darauf, dass nicht alle Kliniken und Kinderwunschzentren ihre Zahlen an sie weitergeben.

Eine Schwangerschaft auf Knopfdruck garantiert das Social Freezing aber noch lange nicht. Neben dem Risiko, das eine Hormonbehandlung und die Vollnarkose zur Eizellentnahme bedeuten, weisen Kritiker auch auf die bescheidenen Erfolgschancen hin. Schließlich muss die eingefrorene Eizelle noch erfolgreich befruchtet und eingesetzt werden.

Je aufgetauter Eizelle lag die Implantationsrate in ausländischen Kliniken bei elf Prozent, wenn es sich um jüngere Spenderinnen handelte. Bei Frauen, die sich ihre Eizellen erst mit 35 entnehmen lassen, sinkt die Erfolgsquote.

Und auch ethische Bedenken gibt es. Schließlich macht Social Freezing es möglich, eine Frau weit jenseits der Wechseljahre zur Mutter zu machen. Deutsche Ärzte entscheiden bislang nach eigenem Ermessen, bis wann sie älteren Frauen zur Schwangerschaft verhelfen.

Das Bild zeigt einen Behälter mit gefrorenen Eizellen im Universitätsklinikum Tübingen

Eingefrorene Eizellen können theoretisch Jahrhunderte gelagert werden

Das späte Kind und das Glück

Jedes Jahr kommen in Deutschland über 28.000 Kinder mit Eltern jenseits der 40 auf die Welt. Geht es ihnen schlechter als anderen Kindern? Nein, sagen viele Psychologen. Das Gegenteil sei oft der Fall. Späte Eltern seien gerade dadurch, dass sie sich selbst verwirklichen konnten und finanziell meist abgesichert sind, gelassener.

Und dennoch lassen sich mittlerweile auch psychische Risiken für Kinder später Eltern nachweisen. 2014 sorgte eine US-Studie für viel Aufmerksamkeit, weil sie erstmals die Risiken durch späte Väter vor Augen führte.

Wissenschaftler hatten im Erbgut der Männer über 45 Jahren Veränderungen entdeckt, die Risiken für ein Kind bergen können. Werden die veränderten Gene an das Kind weitergegeben, können sie Grundlage für spätere psychische Erkrankungen sein.

So zeigte der Wissenschaftler Brian D'Onofrio in seiner Studie, dass Kinder älterer Väter ein höheres Risiko haben, an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus zu erkranken. Den Ursachen dieses für viele überraschenden Phänomens sind die Forscher noch auf der Spur.

Stand: 19.07.2019, 14:30

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