"Toiletten bedeuten Würde"

Ein Herzchen in einer hölzernen Toilettentür

Verdauen

"Toiletten bedeuten Würde"

Toiletten sind ein Menschenrecht. Das haben die Vereinten Nationen 2010 beschlossen. Aber wir sind weit entfernt von der Umsetzung: Rund ein Drittel aller Menschen muss ohne hygienische sanitäre Anlagen auskommen. Thilo Panzerbieter, Gründer der German Toilet Organization, kämpft für eine bessere Toilettensituation in der Welt. Denn fehlende Toiletten führen zu Vergewaltigungen und Krankheiten.

Darum geht's:

  • Rund 40 Prozent der Menschheit hat keinen Zugang zu Toiletten.
  • Sanitäre Anschlüsse werden in der Dritten Welt vernachlässigt.
  • Aufklärung ist wichtiger als finanzielle Zuwendungen.
  • Frauen leider unter fehlenden Toiletten mehr als Männer.
  • Ein Wasserklosett ist nicht für jede Region der Welt die Lösung.

Herr Panzerbieter, Toiletten für alle – gibt es nicht wichtigere Themen auf der Welt?

Absolut nicht: Durchfall ist die zweithäufigste Todesursache bei kleinen Kindern: Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren aufgrund von Krankheiten, die auf schlechte sanitäre Anlagen zurückzuführen sind.

Rund 40 Prozent der Menschheit hat keinen Zugang zu hygienischen Toiletten. 1,1 Milliarden Menschen verrichten ihr Geschäft ausschließlich auf freiem Feld, in Büschen oder in Gewässern. Dabei verbreiten sich Krankheitserreger, die Cholera, Ruhr und Typhus hervorrufen.

Diese Krankheiten hat es vor 100 Jahren und in der Nachkriegszeit auch bei uns noch häufig gegeben. Aber mit der flächendeckenden Toilettenverbreitung sind sie verschwunden.

Thilo Panzerbieter vor der Tür einer Herrentoilette

Thilo Panzerbieter kämpft für Zugang zu sauberen Toiletten überall in der Welt

Wir brauchen also mehr Geld für mehr Toiletten?

Ja, das habe ich früher auch mal gedacht. Aber Geld allein ist nicht die Lösung: Das Bewusstsein der Menschen muss sich ändern. Über Toiletten spricht man nicht. Und darum fordert man sie auch nicht.

Die Politik reagiert in erster Linie auf das, was ihre Wähler und Unterstützer wollen. Das sind Dinge wie mehr Arbeitsplätze und bessere Arbeitsbedingungen, vielleicht sogar Schulen, aber auch Luxusgüter wie Mobilnetze. Ein Internet-Zugang ist vielen Gemeinden in unterentwickelten Regionen viel wichtiger als sanitäre Anschlüsse. Toiletten sind auf der Wunschliste ganz unten.

Ich war in Kibera, einem großen Slum in Kenias Hauptstadt Nairobi. Da gibt es ganz gut funktionierende öffentliche Toilettenanlagen, weil es in den Häusern keine Toiletten gibt. Dafür muss man zahlen. Die meisten dort zahlen die Toilettengebühr über ihr Handy. Das Handy ist ihnen wichtig, dafür geben sie viel Geld aus. Die eigene Toilette spart man sich dann lieber.

Indische Kinder sitzen nebeneinander am Straßenrand und verrichten ihre Notdurft

Kinder in Madurai (Indien) benutzen die Straße als Toilette

Wie wollen Sie die Menschen dazu bekommen, Toiletten wichtiger zu nehmen?

Wir gehen in die Dörfer und vermitteln den Menschen, was alles durch den Kot übertragen wird. Es ist oft auch eine Imagefrage: Wenn ein wichtiger Mann im Dorf eine Toilette einrichtet, ziehen andere nach. Aber das Ganze funktioniert nur, wenn die Versorgung auch flächendeckend ist. Auch das wird den Leuten dann klar. Unsere größten Unterstützer sind die Frauen. Aber die haben oft leider immer noch viel zu wenig zu sagen.

Toiletten sind also auch eine Geschlechter-Frage?

Auf jeden Fall. Männer haben meist kein Problem damit, sich an jeder Ecke zu erleichtern. Oft finden sie es auch ganz schön, mit Freunden oder Kollegen gemeinsam ihr Geschäft zu verrichten. Und als Familienvorstände bestimmen die Männer, wofür Geld ausgegeben wird. Denen ist dann ein Flachbildfernseher oft wichtiger als eine Toilette.

Wenn man sein ganzes Leben lang sein Geschäft im Freien verrichtet, ist die Vorstellung, dafür immer in einen engen, nicht gut riechenden, dunklen Raum zu gehen, vielleicht auch nicht besonders verlockend.

Piktogramm Damen- und Herrentoilette

Männern sind Toiletten oft nicht so wichtig

Und bei den Frauen ist das anders?

Sehr viele Frauen, vor allem in Indien, leiden wirklich unter der fehlenden Toilette. Sie empfinden es als beschämend, sich in der Öffentlichkeit erleichtern zu müssen. Sie fühlen sich hilflos dabei – zu Recht.

Denn immer wieder werden Frauen beim Stuhlgang im Freien überfallen und vergewaltigt. Darum sagen wir: Toiletten bedeuten Würde. Das weiß jede, die schon mal gezwungen war, ihr Geschäft im Freien zu verrichten.

Besonders schwierig ist es für junge Mädchen, wenn sie ihre Menstruation haben. Sie können sich oft keine Tampons oder Binden leisten und sind darum darauf angewiesen, sich in dieser Zeit immer wieder zu reinigen. Wenn es dann in der Schule keine Toilettenräume gibt, gehen die Mädchen oft nicht zur Schule.

Fehlende Toiletten verhindern also Bildung und Gleichberechtigung?

Ja, das ist krass, oder? Und fehlende Toiletten machen Frauen sogar krank: Viele trinken zu wenig, damit sie nicht so oft müssen. Gerade für schwangere Frauen ist das ein großes Problem. Oder sie verkneifen sich die Notdurft, solange es geht. Dann bekommen sie Darmprobleme.

In Indien haben Feministinnen eine Kampagne gestartet: No toilet – no bride, auf Deutsch also: Keine Ehefrau ohne Klo. Junge Männer sollen ein Bewusstsein dafür bekommen, wie wichtig eine Toilette für die Frauen in ihrer Familie ist.

Und mit einer großen Toilettenaktion könnte man das Problem aus der Welt schaffen?

So einfach ist das leider nicht. Wir haben ein riesiges Nachholbedürfnis. Ich habe mal ausgerechnet: Selbst wenn wir jede Sekunde ein Klo bauen würden, würde es noch 80 Jahre dauern, bis jeder auf der Welt Zugang zu einer Toilette hat.

Wie sind Sie eigentlich zum Thema "Toilette" als Lebensaufgabe gekommen?

Ich bin Ingenieur, habe Wasserwirtschaft studiert. Erst habe ich mich natürlich mehr für die saubere Seite, die Wasserversorgung, interessiert. Aber dann habe ich bei Projekten im Ausland gemerkt, wie wichtig und entscheidend diese Toilettensache ist und habe mich da immer weiter spezialisiert.

Vor zehn Jahren habe ich mit einigen Freunden ehrenamtlich die German Toilet Organization als Vernetzungsstelle gegründet. Das ist immer mehr geworden, sodass wir die Arbeit dafür zu unserem Beruf machen konnten.

Und heute ist das wirklich ein Fulltimejob: Demnächst reise ich zu einer internationalen Konferenz der Wasserminister und hier in Deutschland haben wir im Moment viele Anfragen bei der Einrichtung von Flüchtlingsunterkünften.

German Toilet Organization (GTO)

Die German Toilet Organization (GTO) setzt sich dafür ein, dass weltweit alle Menschen Zugang zu einer sauberen Toilette bekommen. Die GTO wirbt unter anderem bei Regierungen, Entwicklungs- und Hilfsorganisationen für das Thema, unterstützt bei sanitären Projekten in Asien und Afrika und betreibt Aufklärungsarbeit. Dazu veranstaltet die Organisation zum Beispiel Aktionstage an deutschen Schulen.

Was machen Sie denn da?

Viele gläubige Muslime würden niemals eine Toilette benutzen, die nach Mekka ausgerichtet ist. So was ist wichtig bei der Planung. Oder: In anderen Kulturen hat man simple Plumsklos. Da kommt aller organische Abfall mit ins Klo. Hierzulande führt das zur völligen Rohrverstopfung.

Da muss man drüber reden. Und beim Reden merkt man oft, wie merkwürdig unsere eigenen Gebräuche für andere Kulturen sind. Ein Syrer hat mich neulich gefragt, warum wir unsere Toiletten immer so hoch bauen: Es wäre doch sehr unbequem, immer erst auf die Schüssel zu steigen. Er war eben nur Stehklos gewöhnt.

Wie kann global eine langfristige Lösung aussehen?

Das Problem: Alle Welt will unser luxuriöses Spülklo. Da gibt es wenig Geruch und die Fäkalien werden direkt abtransportiert. Dieses Wasserklosett ist aber eine irrsinnig aufwendige Konstruktion, die sich in vielen Teilen der Welt gar nicht umsetzen lässt: zu wenig Wasser, zu schwierige Bedingungen für ein Kanalsystem.

Es gibt ganz gute andere Systeme, zum Beispiel Trocken- und Trenntoiletten, bei denen die Ausscheidungen aufgefangen und kompostiert werden. Aber das gilt immer als Toilette zweiter Klasse.            

Gekachelte Stehtoilette im Boden mit Eimer zum Nachspülen

In weiten Teilen der Welt Normalität: die Stehtoilette

Bill Gates hat vor einiger Zeit einen Wettbewerb gestartet, um das Klo neu zu erfinden: Es soll spülbar und wassersparend sein, es soll die Fäkalien als Ressourcen nutzen, aber sauber und hygienisch daherkommen. Vielleicht wird es bald ein neues System geben, das die gute alte Toilette, wie wir sie kennen, nach 200 Jahren ablöst.

Interview: Barbara Garde

Stand: 15.03.2016, 09:00

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