Andreas Fath: Von der Rheinquelle zur Mündung

Der Rhein

Andreas Fath: Von der Rheinquelle zur Mündung

In der eiskalten Quelle des Rheins am Schweizer Tomasee beginnt die ungewöhnliche Dienstreise von Andreas Fath. Sein Ziel: die 1230 Kilometer entfernte Mündung in der niederländischen Nordsee. Der Chemiker will den gesamten Rhein abschwimmen – und das in einer Rekordzeit von 25 Tagesetappen. Ein Wagnis, das bis zum Jahr 2014 nur einem einzigen Menschen geglückt ist. Für den 49-Jährigen ist es nicht nur sportliche Herausforderung, sondern auch ein wissenschaftliches Experiment: Der Professor will den Rhein beproben. Doch der Rhein wird auch ihn auf eine harte Probe stellen.

Darum geht's:

  • Chemieprofessor Andreas Fath will den gesamten Rhein entlangschwimmen.
  • Der Grund: Er will Aufmerksamkeit für seine Forschung bekommen.
  • Mit dabei sind 24 Studenten, die währenddessen Proben analysieren.
  • Nach 28 Tagen erreicht Andreas Fath den Hafen von Rotterdam.
  • Nach dem sportlichen Projekt beginnt die wissenschaftliche Arbeit.

"Nicht nur trockene Theorie!"

Als Professor für analytische Chemie an der Hochschule Furtwangen kennt sich Fath in der Theorie bestens mit Rheinwasser aus. Seit vielen Jahren ist Gewässerschutz sein Forschungsschwerpunkt. Dass einige Menschen so sorglos mit der wichtigen Ressource umgehen, ärgert Andreas Fath.

Immerhin liefert der Rhein Trinkwasser für 22 Millionen Menschen, der Fluss ist Europas größtes Trinkwasserreservoir. Obwohl der Wissenschaftler weiß, dass gerade im Rhein schon viel erreicht wurde, kennt er auch beängstigende Studien zu Medikamentenrückständen oder Mikroplastik im Flusswasser.

An seiner Universität arbeitet Fath an neuen Methoden, mit denen sich gesundheitsgefährdende Rückstände elektrisch zersetzen lassen. Um diese Forschung voranzutreiben, fehlt ihm ein kostspieliges Analysegerät, das schließlich den Anstoß für die wahnwitzige Expedition gibt. Die Idee entsteht bei einem Grillabend.

Fath ist deprimiert, weil sein Antrag für das Analysegerät zum zweiten Mal abgelehnt wurde. Plötzlich ist ihm klar, wie er mehr Aufmerksamkeit für den Gewässerschutz gewinnen und gleichzeitig einer großen Leidenschaft frönen kann: "Ich schwimme den Rhein entlang", offenbart er der überraschten Runde, "und zwar von der Quelle bis zur Mündung".

So ganz zufällig kommt die Idee nicht. Als Achtjähriger begann Fath mit dem Leistungsschwimmen. Seither zieht er täglich seine Bahnen. Natürlich lernte er seine Frau im Schwimmbad kennen. Drei Söhne haben sie mittlerweile – und genau wie Andreas Fath heimsen sie Preise in Schwimmkämpfen aller Altersklassen ein.

Chemieprofessor Fath mit Reagenzglas zwischen seinen Studenten.

Der Professor will den Rhein beproben

Todesangst und Königsetappe

Von Beginn an steht für Andreas Fath fest, dass er nicht als Einzelkämpfer startet. Für ein Jahr stürzen sich 24 Studenten in die Organisation der Expedition: Sie suchen Sponsoren, kalkulieren Kosten und nehmen etliche bürokratischen Hürden.

Ihr wissenschaftlicher Anspruch ist hoch. Sie wollen den Rhein beproben, wie es bislang niemand versucht hat: Mit einem Chip können sie bis zu 150 Mikroorganismen wie Krankheitserreger nachweisen. Und täglich sollen Wasserproben gezogen und auf Hormone, Arzneimittelrückstände und vieles mehr überprüft werden.

Immer wieder gibt es Momente des Schreckens, zum Beispiel als sie nach einer Fehlkalkulation plötzlich mit 20.000 Euro in den Miesen sind und nicht wissen, wie sie das dem Rektor der Universität beichten sollen. Und immer wieder gibt es eine Lösung. Am 28. Juli steigt Andreas Fath umringt von aufgeregten Gesichtern in die eisigen Fluten des Tomasees. Es geht los.

Gleich die ersten Etappen sind tückischer als geplant. Der Vorderrhein ist eigentlich unschiffbar, der unbegradigte Fluss dient nur einigen Waghalsigen als Wildwasserrafting-Strecke. Begleitkanus dirigieren den schwimmenden Professor, damit er nicht gegen einen der vielen Felsen kracht. Andreas Fath erlebt Momente der Todesangst. Seine Sicherheit und manchmal sogar sein Leben hängen jetzt vom Team ab.

Teamarbeit

Immer wenn der schwimmende Professor etwas Ungewöhnliches riecht, sieht oder schmeckt, nehmen seine Studenten Proben. Als "lebendes Forschungsobjekt" sammelt er zudem auf der gesamten Strecke Schadstoffe, denen er begegnet. Dafür trägt er einen sogenannten Sampler am Bein, der später ausgewertet wird.

Für erste Analysen treffen sich die Studenten im mitreisenden Wohnmobil. Ein großer Teil des entnommenen Rheinwassers wandert dann in verschiedene Labors in Deutschland.

Eine Studentin füllt in einem Wohnmobil eine Gewässerprobe ab.

Erste Analyse im mitreisenden Wohnmobil

Der größte Feind: Routine

Die Bodensee-Etappe muss Andreas Fath wegen Erschöpfung vorzeitig abbrechen, dann geht lange Zeit alles gut. Im Rheinland kollidiert er mit einer Boje. Er merkt: Für das letzte Drittel muss er all seine Kräfte bündeln. Der Neoprenanzug scheuert, der Magen drückt und zwischen dem regen Schiffsverkehr und Faths Schwimmlotsen auf den Begleitbooten gibt es wenig Neues zu entdecken.

Drei Wochen nach dem Start droht vor allem eines: Routine und Langeweile. Denn Abschalten darf Andreas Fath während seines täglichen Schwimmpensums von 50 Kilometern keine Sekunde.

Herbstlicher Endspurt

Rheinschwimmer Andreas Fath vor einer Brücke.

Nicht immer ist die Aussicht so schön

200 Kilometer vor dem Ziel wird es dann auch noch unerwartet herbstlich. Die winkenden Fans am Ufer tragen Trenchcoat. Regen und Nebel erschweren die Sicht. Andreas Fath ist am Ende seiner Kräfte, als er am 24. August 2014 in Hoek van Holland zu seiner letzten Etappe aufbricht. Unter dem erleichterten Jubel seiner Familie lässt er sich in Rotterdam von der Küstenpolizei aus dem Hafenbecken fischen. Er hat es geschafft – in einer Rekordzeit von 28 Tagen.

Damit ist er am Ziel, aber noch lange nicht am Ende seiner Reise. Vor dem Team liegen spannende Wochen der Auswertung unzähliger Kisten mit Rheinwasserproben. Schnell ist klar, dass es viele gute Nachrichten gibt. "Die Ergebnisse sind genauso erfreulich wie langweilig", heißt es in einer Labormitteilung zu der Industriechemikalie PFT (perfluorierte Tenside).

Die Stoffe stehen im Verdacht krebserregend zu sein, finden sich dennoch immer wieder in Rheinwasserproben der vergangenen Jahre. Andreas Fath hatte sie deshalb besonders auf dem Plan. In seinen eigenen Rheinproben ließ sich PFT dann glücklicherweise so gut wie nicht mehr nachweisen.

Doch er stößt auch auf bedenkliche Zusammenhänge. Röntgenkontrastmittel entdeckt er im Rheinwasser unterhalb der Fabriken, in denen ein solches Mittel produziert wird.

Und in den Gewässerproben, die entlang größerer Rheinstädte genommen wurden, weist das Team immer wieder Schmerzmittelrückstände nach – in steigender Konzentration abhängig von der Bevölkerungsdichte. Dass sich der Medikamentenkonsum der Deutschen seit Jahren stetig erhöht, lässt sich über das Abwasser der Haushalte also auch im Rhein nachweisen.

Ein weiteres großes Thema der Forscher ist das Mikroplastik. Die Partikel, die durch den Zersetzungsprozess von Plastik entstehen oder wegen ihrer Abriebfunktion Kosmetik beigesetzt werden, sind Meeresforschern schon lange ein Graus. Das Forschungsteam weiß inzwischen: Ein Teil des Mikroplastik kommt aus dem Rhein.

Die Studenten erstellen eine Datenbank, für die sie etliche Zahnpasten und Kosmetikprodukte genau analysieren. So wollen sie das darin enthaltene Mikroplastik wie einen Fingerabdruck zuordnen. Am Ende hoffen sie genau sagen zu können, wo welche Produkte das Rheinwasser verunreinigen.

Das Team hat die Forschungsarbeit noch längst nicht beendet. Doch schon jetzt steht für alle außer Frage: Sie haben mehr gelernt als in jeder Vorlesung. Diese Expedition werden sie nicht vergessen.

Autorin: Britta Schwanenberg

Weiterführende Infos

Stand: 01.08.2017, 13:51

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