Selbstversuch: Kann jeder ein besseres Gedächtnis bekommen?

Porträt Britta Schwanenberg.

Gedächtnis

Selbstversuch: Kann jeder ein besseres Gedächtnis bekommen?

Fünf Schritte, um sich jeden Namen zu merken – so einfach soll das sein? Unsere Autorin Britta Schwanenberg, selbst notorische Namensvergesserin und Zahlenverdreherin, macht den Selbstversuch: Mit den Methoden von Gedächtnisweltmeister Boris Konrad will sie ihr Gedächtnis trainieren. Und das ihrer elfjährigen Tochter gleich mit. Die muss schließlich sowieso für die Schule lernen.

Gedächtnisleistungen aus anderen Sphären

Natürlich weiß ich, dass es Gedächtnissportler gibt. Auch von Mnemotechniken habe ich schon gehört. Und in ganz aussichtslosen Momenten, also in Vorstellungsrunden mit mehr als drei fremden Gesichtern, hab ich es auch schon mal auf eigene Faust probiert. Im Kopf versuchte ich, neue Namen mit Bildern zu verknüpfen. Funktioniert hat es nie. Und offen gestanden: Meine Skepsis, dass ich es je lerne, könnte kaum größer sein.

Das Bild zeigt Boris Konrad vor einer Hirnscanaufnahme auf PC-Bildschirm.

Gedächtniskünstler Boris Konrad

Mein erster Kontakt zu Gedächtnisweltmeister Boris Konrad ist ein Telefongespräch: Ich will für eine Planet Wissen-Fernsehsendung mit ihm als Studiogast ein Gesichter-Ratespiel vorbereiten. Es geht um die Frage, wie viele Gesichter wir ihm vorsetzen können. Ich schlage 60 Personen vor, bin aber unsicher, ob das nicht inmitten des Fernsehtrubels viel zu viel ist. Er wolle jetzt nicht arrogant klingen, meint Boris Konrad gut gelaunt. Es sei ihm eigentlich aber ganz egal, wie viele Menschen wir einplanten.

Ich lese nach. Boris Konrad erzielte den Weltrekord mit 201 Namen und Gesichtern in 15 Minuten. So viele bekämen wir ohnehin nicht ins Fernsehstudio. Mir wird klar: Der Mann schwebt gedächtnistechnisch in anderen Sphären. Und da will ich hin. Oder mir zumindest vier fremde Namen und Gesichter hintereinander merken können.

Von schielenden Männern und duftendem Heu

Der erste Schritt zu einem besseren Gedächtnis heißt: lernen, in Bildern zu denken. Was das bedeutet, erfahre ich als Leserin von Boris Konrads Buch "Superhirn" sehr schnell, denn das Buch beginnt mit einer völlig wirren Story.

"Stellen Sie sich bitte vor", lese ich meiner elfjährigen Tochter Carlotta vor, "Sie stehen vor einem großen, frisch riechenden Haufen Heu. Dieser Haufen ist so hoch, dass Sie nicht sehen, was dahinter liegt. Daher graben Sie mit Ihren Händen eine große Lücke." Meine Tochter guckt irritiert. Ich fasse den Rest etwas kindertauglicher zusammen. "Durch die Lücke springt ein Hai und der beißt einen Mann, der dann voll Schmerz zur Seite schielt." – "Ja, und was soll das Ganze?"

Offen gestanden frage ich mich das auch. Es dauert, bis ich verstehe, dass es um die Reihenfolge der deutschen Bundespräsidenten geht. "Heu" steht für Heuss, den ersten Bundespräsidenten, erkläre ich meiner wenig geschichtsinteressierten Tochter. Die Lücke für "Lübke", das war der Zweite. Die Methode erscheint mir fragwürdig. Ob ich selbst bei "schielen" jemals an Scheel denken werde?

Dass Carlotta, die ohnehin keine Bundespräsidenten mit Namen kennt, mit dieser Story überhaupt in unser Projekt starten kann, halte ich für ausgeschlossen.

Überraschung beim Abendbrot

Es folgt die Überraschung. Zehn Minuten später rasselt Carlotta am Abendbrottisch fehlerfrei die deutschen Bundespräsidenten runter. Ihr Vater ist beeindruckt, ich verblüfft.

Ich will verstehen, warum es mit dieser völlig wirren Geschichte leichter wird, eine Namensliste ins Gedächtnis zu rufen. Ich lese mehr über die Mnemotechniken und erfahre: Je wirrer die Geschichte, desto besser. Denn je mehr Sinne und Emotionen in der Geschichte angesprochen werden, je "merkwürdiger" also die Eindrücke, desto besser funktioniert das Ganze.

Unser Entschluss steht: Wir werden uns die Mnemomethoden systematisch vorknüpfen.

Rückschläge beim Lernen für die Schule

Der Praxisteil in Boris Konrads Buch beginnt mit einer Rechenmethode. 154 mal 316. "Woher soll ich das wissen?", ächzt meine Tochter. Es lässt sich angeblich spielerisch im Kopf rechnen, wenn man die Zahlen nach einem bestimmten System kreuzweise einzeln multipliziert. Wir versuchen es eine ganze Weile im Kopf, kommen aber trotz großer Anstrengung ständig durcheinander.

Meine Tochter verweist darauf, dass sich das sehr einfach im Handy ausrechnen lasse. Ich gebe ihr gerne Recht. Für diese Methode fehlt uns die Konzentrationsfähigkeit. Von Matheaufgaben lassen wir fortan die Finger.

Doch auch die Anwendung der Geschichtenmethode, mit der Carlotta ohne Mühe die Bundespräsidenten gelernt hat, erweist sich als schwierig. Meine Tochter muss gerade Eckdaten aus dem Leben von Johann Sebastian Bach für die Schule pauken. Uns fehlt aber jede Idee, wie wir aus Zahlen Bilder entwickeln können.

Erst einmal Sinnfreies lernen

Gedächtniskünstler Boris Konrad begann seine Karriere als Gedächtniskünstler, um sich besser und vor allem schneller aufs Abitur vorzubereiten. Was uns etwas tröstet: Auch er erlebte Rückschläge bei dem Versuch, die neu erlernten Methoden gleich anzuwenden. Es brauche eine Weile, bis man souverän genug werde, um mit echtem Lernstoff zu arbeiten. Gedächtnissportler empfehlen Einsteigern deshalb, erst einmal sinnfreie Inhalte zu lernen.

Das Bild zeigt Teilnehmer der 19. Gedächtnisweltmeisterschaft in China.

Volle Konzentration: Gedächtnisweltmeisterschaft in China

Wahrscheinlich sind die Wettkämpfe und Rekordversuche der Gedächtniskünstler genau zu diesem Zweck erfunden worden. Selten geht es hier um wirkliche historische Daten. Es werden Spielkarten- oder Ziffernreihenfolgen gelernt oder die Geburtsdaten anwesender Personen. Wie beim Schachsport stellen auch Gedächtniskünstler spielerisch ihre Konzentrations- und Leistungsfähigkeit unter Beweis.

Ich habe glücklicherweise auch ohne Wettbewerb gleich zwei Gründe, warum ich das ganze Projekt jetzt nicht schmeiße: Ich muss einen Text darüber schreiben und will vor meiner Tochter nicht als inkonsequent und denkfaul dastehen.

Die Routenmethode

Die wichtigste Geheimwaffe der Gedächtnissportler sei die Routenmethode, lese ich an einem Samstagmorgen, eine Woche später, meiner Tochter vor. Mein Abgabetermin für diesen Artikel rückt bedenklich nah – ich will jetzt Erfolge sehen: Zum Lernen der Routenmethode lädt Boris Konrad zu einem Gedanken-Spaziergang ein.

Wir legen los: Wir sollen uns vorstellen, wir stoßen auf ein Stück der Berliner Mauer. Unser Weg wird von einer Straßenlaterne beleuchtet, über die jemand eine stinkende Hamburger-Verpackung stülpte. Vorbei geht es an bizarren Szenarien, wir entgehen knapp einem Unfall mit einem Porsche und begegnen später einem überdimensionalen Hahn.

Und ich frage mich, warum sich der Gedächtniskünstler nur wildes Zeug ausdenkt, statt Sinnvolles. Das Ganze erstreckt sich über zwei Seiten. Es folgt die Aufforderung, sich selbst zu überprüfen. Wir stellen stolz fest, dass wir beide nur jeweils eine Station der Geschichte vergessen haben und sie fast fehlerfrei wiedergeben können.

"Herzlichen Glückwunsch!", lese ich vor. "Mithilfe dieser Bilder haben Sie sich gerade die Reihenfolge der 16 größten Städte Deutschlands, geordnet nach Einwohnerzahl eingeprägt." Wir lachen sehr – denn tatsächlich wären wir da wohl gar nicht drauf gekommen.

Was macht der Salat über der Nachttischlampe?

Das Erfolgsrezept der Routenmethode ist damit schnell erklärt. Bei der Methode stellt man sich einen bekannten Weg vor, den man mit "Stichworten" bestückt. Im vorliegenden Fall mit den größten Städten Deutschlands geht es nicht darum, genau den Namen der Stadt am Routenpunkt zu platzieren.

Besser ist es, sich vorzustellen, dass wir an jeder Station etwas Verrücktes erleben, das wir mit der Stadt verbinden. Wenn wir einmal Porsche im Gedächtnis haben, kommen wir alleine auf Stuttgart. Bei Hahn fällt uns auch Hannover wieder ein.

Ein Mädchen schreibt mit Kuli eine Liste auf Papier.

Carlottas Route geht quer durchs Haus

Jeder Gedächtniskünstler hat etliche Routen (Körperrouten, ihm gut bekannte Wege) sicher in seinem Hirn gespeichert, die er wechselweise mit Ereignissen bestückt. Wir beginnen sofort damit, verschiedene Routen durch Kinderzimmer und Küche auszuarbeiten und auswendig zu lernen. Anstatt einen Einkaufszettel zu schreiben, können wir nun beispielsweise die zu kaufenden Salatköpfe vor unserem inneren Auge über die Nachttischlampe stülpen.

Fazit: Dran bleiben!

Bloße Neugier ist bei mir nun echtem Interesse gewichen. Es verblüfft mich, wie unser Gehirn scheinbar zu besserer Leistung überlistet werden kann. Neurowissenschaftler haben inzwischen die Hirne verschiedener Gedächtnisweltmeister untersucht. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass diese während des Lernens viel mehr Hirnbereiche aktivieren als Vergleichspersonen. Gedächtniskünstler sind also keine geborenen Superhirne – sie können ihr Hirn aber besser einsetzen.

Ich suche nach Trainingstipps: Im Internet finde ich viele und sogar kostenlose Informationen, etwa auf der Vereinsseite von Memory-xl, einem Verein zur Förderung des Gedächtnisses. Gedächtnissportler sind eine enthusiastische Gemeinschaft, sie geben bereitwillig Auskunft über ihre Geheimwaffen.

Innerhalb von zwei Tagen haben wir uns ein System angeeignet, um Zahlen mithilfe von Wörtern zu lernen. 1685, das Geburtsjahr des Komponisten Bach, setzt sich nach dieser Methode zusammen aus Tasche und Falle. Das Gute: Diese Methode lässt sich – einmal gelernt – sofort praktisch anwenden.

Wer mehr darüber erfahren möchte, folgt dem Link unter diesem Text zur Seite von Memory-xl. Dort wird das zunächst etwas komplizierte System genau erklärt.

Uns gelingt es schließlich, aus den in Wörter übersetzten Zahlen Geschichten zu spinnen. Für ihren Musiktest ist meine Tochter jetzt super gerüstet. Die Eckdaten von Johann Sebastian Bach sind zu folgender Story geworden: Der Komponist ist bei seiner Geburt in eine Tasche gefallen. Gestorben ist er an der Theke durchs Lasso. Für den Fall, dass der Lehrer die Zahlenmethode nicht selbst beherrscht, habe ich ihr aber doch noch den Tipp gegeben, das Ganze wieder aufzulösen.

Autorin: Britta Schwanenberg

Stand: 13.10.2015, 13:00

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