Nanothriller zwischen Science und Fiction

Nanotechnologie

Nanothriller zwischen Science und Fiction

Nanoteilchen vereinigen sich zu einem Super-Computer und bedrohen die Welt: Diese Vision in Michael Crichtons Roman "Beute" ist eindeutig Science-Fiction. Der Nanothriller "Der Lotus-Effekt" einer deutschen Forscherin und Autorin hingegen ist ganz nah dran an der Wirklichkeit. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Nanothrillern: Sind sie eher Wissenschaft oder eher Fiktion?

"Grey Goo"-Szenarien: Grauer Nanoschleim zerstört die Erde

Porträtfoto von Michael Crichton.

Michael Crichton: Nanoroboter geraten außer Kontrolle

Nanotech-Krimis sind im Kommen! Der bekannteste Thriller um die winzigen Teilchen dürfte jener von Jurassic-Park-Erfinder Michael Crichton sein: "Beute", im englischen Original "Prey". Darin geht es um ein Forschungslabor in der Wüste Nevadas: Mithilfe der Nanotechnologie werden Miniaturkameras für die Kriegsführung entwickelt. Doch dann entwischen einige dieser Mikroroboter und jagen alles, was in der Wüste lebt.

Sie replizieren sich und werden immer intelligenter. Sie ergreifen Besitz von den Forschern, steuern deren Gedanken und Verhalten. Schließlich entwickelt sich ein Super-Organismus, der nicht mehr als Wolke umherschwirrt, sondern die Gestalt von Personen imitiert - und somit den angereisten Weltretter in die Falle lockt.

Die Idee, dass Nanoteilchen sich zu einem Supercomputer in Form einer Staubwolke formieren, beschrieb auch der US-Mathematiker und Science-Fiction-Autor Vernor Vinge: In dem 1999 erschienen Buch "Eine Tiefe am Himmel" fliegt sogenannter denkender Staub ("smart dust") über eine Landschaft, um feindliche Armeen zu überwachen und sogar lahmzulegen.

Doch Crichton ging mit "Beute" noch weiter: Die Nanoroboter geraten außer Kontrolle und zerstören die Biosphäre, um Rohstoffe für ihre Selbst-Replikation zu gewinnen. Dieses Szenario wird als "Grey Goo" bezeichnet: graue Schmiere.

Die Befürchtung, dass Nanoteilchen als grauer Schleim die Erde überziehen und zugrunde richten, wurde Ende der 1990er Jahre vielerorts diskutiert. Dennoch sei das 2002 erschienene Buch "Beute" eher rückwärtsgewandt als zukunftsweisend, schreiben beispielsweise die Zukunftsforscher Angela und Karlheinz Steinmüller in einem Zeitschriftenartikel: "Im Grunde haben die Nanopartikel-Wolken Crichtons mehr mit mittelalterlichen Dämonen gemein als mit realer Nanotechnologie. Zum Schluss hilft nur noch eine Dämonenaustreibung per elektromagnetischem Puls."

Misslungene Nanoexperimente und dubiose Mordversuche

Sehr realistisch kommt hingegen "Der Lotus-Effekt" von Antonia Fehrenbach daher: "Ich wollte zeigen, dass Nanopartikel im medizinisch-therapeutischen Bereich noch unreif sind", sagt die Autorin, die am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen promoviert hat und sich mittlerweile nur noch der Schriftstellerei widmet.

In ihrem Roman geht es um eine junge Forscherin, die in der Abteilung für Toxikologie am Uniklinikum Marburg dahinterkommt, dass eine neue Nanotherapie doch nicht unbedenklich ist: In den Experimenten stirbt bald eine Versuchsratte nach der nächsten.

Die Wissenschaftlerin forscht mit einigen Kollegen auf eigene Faust nach – und wird dabei in Intrigen und Mordversuche verwickelt. Dennoch ist kein Lehrbuch entstanden, sondern ein lesenswerter Krimi: Das Fachwissen zu Nanotechnologie, Forschungsfinanzierung und zum Karrieregerangel in Laboren kommt in Form von Dialogen, E-Mails und Gedanken und somit in verständlicher Umgangssprache daher.

"Nur wenige Autoren machen sich die Mühe, wissenschaftlich in die Tiefe zu gehen"

Bunt gefärbte 3-D-Darstellung einer Nanokohlenstoffröhre.

Nanopartikel bei Meg Gardiner: Gefahr fürs Gehirn

Das Gegenbeispiel liefert die frühere US-Anwältin Meg Gardiner mit ihrem Roman "Die Strafe": Hier sind die winzigen Partikel zwar der Ausgangspunkt der Handlung, doch wird die Nanotechnologie nur sehr knapp und oberflächlich abgehandelt.

Der Protagonist des Buches ist mit einer Nanosubstanz verseucht, sodass ein Teil seines Gehirns geschädigt ist und er sich nichts Neues mehr merken kann. Hinzu kommt, dass Frau und Kind des Protagonisten entführt wurden, die Nanoteilchen sich über Blut auf andere Menschen übertragen haben und der Rest der mysteriösen Nanosubstanz hochexplosiv ist, ergo dringend gefunden werden muss.

"Nur wenige Autoren machen sich die Mühe, wissenschaftlich in die Tiefe zu gehen", hat Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller beobachtet, "aber das ist auch ganz gut so, ehe das dem Roman schadet." Er meint damit, dass nicht jeder Schriftsteller in der Lage ist, wissenschaftliche Fakten oder Prozesse gleichzeitig verständlich, fachlich korrekt und in einem literarischen Stil zu Papier bringen. Deswegen unterscheidet Steinmüller auch drei Formen, wie Nanotechnologie in Krimis vorkommt: als Kulisse, als Randgeschehen des Plots oder als zentrale Geschichte.

Trilogie aus Nanothrillern: viel Unterhaltung, wenig Bildung

Porträtbild von Jeff Carlson.

Jeff Carlson: Nanoseuchen liefern genug Stoff für eine Trilogie

Der US-Schriftsteller Jeff Carlson hat sogar eine ganze Nanotrilogie geschrieben: "Nano", "Plasma" und "Infekt". Erst sterben fünf Milliarden Menschen an Nanoviren. Dann entwickelt eine Forscherin einen Impfstoff, der von der US-Regierung aber für die Vernichtung der Menschheit missbraucht werden soll. Und schließlich wird eine neue Nanoseuche entwickelt, woraufhin die "gute" Forscherin ein Gegenmittel sucht.

"Meine Trilogie ist haarsträubend, aber plausibel", sagt Carlson selbst. Immerhin habe er – wie Crichton, Fehrenbach und Co. – vor dem Schreiben Fachliteratur gewälzt und mit Experten gesprochen. Und auch wenn er seine Leser ein wenig bilden wolle, so ginge es ihm doch hauptsächlich um die Unterhaltung, sagt Carlson.

"Nanotechnologie wird zur Projektionsfläche für Ängste"

Grafische Darstellung verschiedener Nanoteilchen, wie sie im Blutstrom eingesetzt werden könnten.

Nanopartikel: Stoff für Wissenschaft und Science-Fiction

In vielen Nanokrimis wird außerdem deutlich: Nanoteilchen kommen oft einfach nur deswegen vor, weil sie gerade aktuell sind. Früher hätte man die gleiche Handlung wohl mit Viren oder genmanipulierten Insekten durchgespielt. Hinzu kommt, dass es große Versprechungen gibt und die Risiken der Nanotechnologie bislang nur unzureichend untersucht worden sind: Das regt natürlich die Fantasie der Autoren an.

Zu Science-Fiction werden Nanokrimis aber erst dann, meint Steinmüller, "wenn die Wirkungen der Nanotechnologie an Zauberei grenzen, Nano zur Wunscherfüllungsmaschine oder zur Projektionsfläche für Ängste wird". Eindeutig Science-Fiction sind demnach die Nano-U-Boote in Blutgefäßen, wie sie etwa als "Naniten" in der Serie "Star Trek" vorkommen.

Auch die künstlichen Nanoblutkörperchen, die in dem Buch "Das Cusanus-Spiel" von Wolfgang Jeschke Infektionen verhindern und Verletzungen reparieren sollen, sind Wunschdenken. Und dass in "Necroville" des Briten Ian McDonald Tote durch Nanoteilchen wiederbelebt werden und dann Menschen zweiter Klasse sind, ist schlichtweg utopisch. Allerdings werden Medikamenten- oder Genfähren im Nanoformat tatsächlich längst entwickelt, um Wirkstoffe aus Arzneien zielgerichteter durch den Körper zu schleusen.

"Selbst reale Nanoforscher kokettieren mit Science-Fiction-Visionen"

Laborratten in einem Käfig.

Laborratten leben bei Antonia Fehrenbach gefährlich

Auch die Nanowissenschaftler selbst tragen dazu bei, dass Nanokrimis teils real, teils fantastisch sind, meint Stefan Gammel vom "nanobüro" der Technischen Universität Darmstadt: "Die Forscher kokettieren regelrecht mit den Science-Fiction-Visionen." So gab es Anfang 2010 ein Forscher-Kolloquium mit dem Titel "Wir leben Science-Fiction! Fantastische Technologien in der Realität".

Allerdings sei dieses Verhalten wohl eher eine Hassliebe, glaubt Gammel: "Einerseits gelingt es den Nanowissenschaftlern, ihre Arbeit attraktiver und verständlicher zu machen. Andererseits haben sie aber auch Angst, ihr seriöses Ansehen zu verlieren."

Zumal in den Krimis selten die Nanotechnologie an sich Schuld an der Katastrophe ist: Wenn man von den "Grey Goo"-Szenarien absieht, werden Nanoteilchen eher "als Werkzeug im Spiel zwischen Gut und Böse instrumentalisiert", sagt Gammel. Letztlich sei das Drama meistens auf das Fehlverhalten von Menschen zurückzuführen.

Nanothriller thematisieren also – mal direkt, mal indirekt – den verantwortungsvollen Umgang mit Nanotechnologien. Und das ist keine Science-Fiction, sondern ein wertvoller Beitrag, um Menschen für die Risiken der Nanotechnologie zu sensibilisieren.

Autorin: Franziska Badenschier

Stand: 23.12.2016, 13:00

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