Umstrittene Forschung

Junger Forscher blickt in ein Mikroskop.

Stammzellen

Umstrittene Forschung

Dürfen Wissenschaftler in Deutschland mit embryonalen Stammzellen forschen oder nicht? 2002 stimmten die Abgeordneten des Bundestages über das Stammzellgesetz ab. Leicht haben sie es sich nicht gemacht, denn um solche Stammzellen zu gewinnen, müssen Embryonen zerstört werden.

Mäuse lieferten die ersten embryonalen Stammzellen

1981 ist es Forschern zum ersten Mal gelungen, embryonale Stammzelllinien von Mäusen zu gewinnen. Sie entnahmen die befruchtete Eizelle einer Maus. Die Zygote, aus der sich der Embryo entwickelt, hatte nur wenige Zellteilungen hinter sich.

Die Forscher nennen die Zellen in diesem frühen Stadium embryonale Stammzellen. Aus ihnen können sich noch die verschiedenen Zelltypen eines Organismus entwickeln, darunter Herzmuskelzellen, Nervenzellen, Hautzellen oder Blutzellen. Vorausgesetzt: Die Zellen verbleiben in der Gebärmutter, sodass der Embryo heranwachsen kann.

Im Labor müssen die Forscher sehr umsichtig vorgehen, wenn sie die Stammzellen entnehmen, um diese anschließend in einer Nährlösung heranzuzüchten. Ein Fehler und die Zellen sterben ab. Den Forschern ist nicht nur das mit Mäusezellen gelungen, sondern auch, dass sie sich im Labor unendlich oft weiter teilten.

Im folgenden Schritt regten die Wissenschaftler die Maus-Stammzellen an, sich zu bestimmten Zelltypen zu spezialisieren. Sie konnten die Stammzellen so etwa in Herzmuskelzellen umwandeln. Das brachte die Wissenschaftler ins Träumen: Wäre es möglich, Gewebe wie Herzmuskeln irgendwann künstlich zu erzeugen und in der Medizin einzusetzen?

Forscher züchten die Stammzelllinien von Menschen

Ein Hand hält ein Reaganzglas mit einer Knochenmarkspende.

Stammzellen in Knochenmarkspenden retten Leben

1981 forschten Wissenschaftler noch an Mäusen – in den Jahren darauf an weiteren Tieren, darunter an Kaninchen und Rindern. Doch nur von wenigen Organismen ließen sich Stammzelllinien gewinnen. Das sind Stammzellen, die sich immer weiter teilen. Manche Forscher zweifelten daran, dass es jemals gelingen würde, die Stammzelllinien des Menschen heranzuzüchten.

Dass es geht – das bewies James Thompson 17 Jahre später. Der Wissenschaftler etablierte in den USA die erste Stammzelllinie eines Menschen. Er wurde damit zum Vater der embryonalen Stammzellforschung. Für Wissenschaftler auf der ganzen Welt eröffnete das ungeahnte Perspektiven. Eine davon: Organe und Gewebe von Menschen nachzuzüchten.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt wollten embryonale Stammzellen von Menschen in ihren Labors untersuchen. Doch die Forschung war und ist ethisch nicht unumstritten: Um an die embryonalen Stammzellen heranzukommen, müssen Embryonen zerstört werden.

Forschen oder Nichtforschen, das ist hier die Frage

Eine Maus in einer Hand mit einem Einweghandschuh.

Erste Versuche starteten an Mäusen

In Deutschland ist die Forschung mit Embryonen bis 2002 verboten gewesen – die deutschen Wissenschaftler sahen darin einen Wettbewerbsnachteil. Der Mediziner Oliver Brüste beantragte 2000, an embryonalen Stammzellen forschen zu dürfen. Nun lag es an der Politik, eine Entscheidung zu treffen. Stammzellforschung ja oder nein – und wenn ja, unter welchen Bedingungen.

Warum ist die Forschung umstritten? Aus Sicht der Kirche beginnt das Leben in dem Moment, in dem die Eizelle und das Spermium miteinander verschmelzen. Wer an embryonalen Stammzellen forsche, töte damit dieses frühe Leben.

Die Befürworter argumentieren damit, dass während einer künstlichen Befruchtung überzählige Embryonen entstünden, die sowieso entsorgt würden. Warum diese nicht für die Forschung verwenden? Aus den neuen Erkenntnissen ließen sich neue Therapien entwickeln – und damit Leben retten.

Nein, sagen die Gegner. Ein junges Leben darf nicht geopfert werden, um das Leben eines Kindes oder Erwachsenen zu retten. Das eine Leben sei nicht mehr wert als das andere.

Eine weitere Angst: Die Therapie von Krankheiten sei nur der Anfang vom Ende. Als nächstes würden Mediziner in ferner Zukunft damit beginnen, ganze Menschen zu klonen. Und dieser Schritt sei ein ethisches Tabu – da sind sich die Forscher vorwiegend einig.

Seit 2002 in Kraft: Das deutsche Stammzellgesetz

Bundeskanzler Gerhard Schröder wirft seinen Stimmzettel in eine Wahlurne. Er ist umringt von Bundestagskollegen.

2002: Der Bundestag stimmt über Importe von Stammzellen ab

Ob Forscher in Deutschland an Stammzellen forschen dürfen – vor 2002 sah es so aus, als ob die Politiker sich nicht einigen könnten. Die Gesetzesentwürfe wurden abgelehnt, es fand sich keine Mehrheit. Für die entscheidende Abstimmung wurde der Fraktionszwang aufgehoben, allein das Gewissen sollte entscheiden.

Das 2002 erlassene Stammzellgesetz gestattet es den Wissenschaftlern, embryonale Stammzellen aus dem Ausland zu importieren und an diesen zu forschen. Aber nur, wenn die Embryonen ursprünglich für eine Schwangerschaft erzeugt wurden. In Deutschland dürfen Wissenschaftler keine Stammzellen gewinnen.

Die nach Deutschland importierten Zellen müssen vor einem bestimmten Stichtag existiert haben. Das soll verhindern, dass embryonale Stammzellen extra für Deutschland hergestellt werden. Zunächst war dieser Stichtag der 1. Januar 2002. Weil die Stammzellen den Forschern aber irgendwann zu alt wurden, verschob der Bundestag den Stichtag auf den 1. Mai 2007.

Die Diskussion über Stammzellforschung geht weiter

Embryonale Stammzellen unter einem Elektronenmikroskop in dreidimensionaler Ansicht.

Embryonale Stammzellen: Jedes Land hat eigene Forschungsregeln

Wie weit die Wissenschaftler in der Stammzellforschung gehen dürfen – dafür haben die Staaten in Europa jeweils eigene Lösung gefunden. In Großbritannien und Schweden sind die Regelungen zu embryonalen Stammzellen am lockersten. In Polen ist die Forschung mit Stammzellen verboten, auch mit importierten.

Obwohl in Deutschland das Stammzellgesetz verabschiedet wurde, ist die Diskussion nicht verstummt. Weder die Gegner noch die Befürworter sind wirklich zufrieden mit dem Kompromiss, der 2002 getroffen wurde.

2013 verkündeten Forscher der Universität für Gesundheit und Wissenschaft im US-Bundesstaat Oregon, erstmals erfolgreich die Stammzellen des Menschen geklont zu haben. In diesem Verfahren würden Embryos zerstört, kritisierten die Gegner. Zudem sorgen sich manche darum, dass Wissenschaftler Klonversuche am Menschen durchführen.

Da die embryonalen Stammzellen umstritten sind, wenden sich viele Forscher anderen Stammzellen zu, für die sie keine Embryos benötigen. Sie stellen diese Stammzellen künstlich her, indem sie das Erbmaterial einer Zelle in eine Eizelle einführen. Diese induzierten, pluripotenten (auch adulten) Stammzellen weisen ähnliche Eigenschaften wie ihre embryonalen Kollegen auf.

Autoren: Inka Reichert/Sarah Weiss

Weiterführende Infos

Stand: 20.06.2016, 11:46

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