Was hilft gegen Betrug in der Wissenschaft?

Porträtfoto von Prof. Dr. Martin Reinhart

Wissenschaftliches Arbeiten

Was hilft gegen Betrug in der Wissenschaft?

Wenn Wissenschaftler Daten manipulieren, Studienreihen erfinden oder abschreiben, ist Prof. Dr. Martin Reinharts Interesse geweckt. Der Wissenschaftssoziologe von der Humboldt Universität zu Berlin erforscht wissenschaftliches Fehlverhalten.

Planet Wissen: Täuscht der Eindruck, oder gibt es immer mehr Wissenschaftler, die schummeln?

Prof. Dr. Martin Reinhart: Die Anzahl von Fällen, bei denen wissenschaftliches Fehlverhalten aufgedeckt wurde, die steigen an. Da sind wir uns einigermaßen einig. Die Frage ist nur, was die Ursache ist: Gibt es mehr Wissenschaftler, die sich falsch verhalten, oder wird ihr Verhalten heute öfter aufgedeckt? Zum ersten Teil lässt sich unglaublich schwer etwas sagen. Sagen können wir nur, dass ihr Verhalten immer häufiger aufgedeckt wird.

Woher kommt es, dass wissenschaftliches Fehlverhalten immer häufiger aufgedeckt wird?

Wir haben heute eine Reihe von Institutionen, die nichts anderes tun, als sich mit wissenschaftlichem Fehlverhalten zu beschäftigen. In den USA gibt es beispielsweise das "Offive of Research Integrity". Das Institut hat im Rahmen der biomedizinischen Forschung weitreichende Untersuchungs- und Bestrafungsbefugnisse.

In Deutschland kennen wir das Ombuds-System von Universitäten und Forschungsinstitutionen. Dort gehen Ombudspersonen Anschuldigungen oder Verdächtigungen betreffend wissenschaftlichen Fehlverhaltens nach.

Welche Rolle spielen denn Fachverlage bei der Aufdeckung?

Es sind deutlich mehr wissenschaftliche Zeitschriften dazu übergegangen, bereits veröffentlichte Artikel zurückzuziehen, als noch vor zehn oder 20 Jahren. Offensichtlich liegt bei den Fachverlagen inzwischen so etwas wie eine Wahrnehmung des Problems und einer Notwendigkeit darauf zu reagieren vor.

Bereits vor der Veröffentlichung prüfen Fachzeitschriften die Artikel mit Hilfe einer Peer Review. Wie sieht die aus?

Kollegen des Fachs gucken auf den Artikel. Sie nehmen sich einen halben Tag, einen ganzen Tag Zeit. Sie überlegen, ob das zu dem passt, was man aus der Forschung sonst schon weiß. Vielleicht prüfen sie auch die eine oder andere Quelle.

Vor allem machen sie sich Gedanken darüber, ob das, was im Artikel steht, irgendwie neu und relevant ist. Peer Review könnte man als eine Kontrolle auf Plausibilität beschreiben. Sie ist nicht darauf ausgelegt, Fälschungen aufzudecken.

Aber wäre das nicht wünschenswert?

Ein Großteil der Forschung geht mit Experimenten einher. Um feststellen zu können, ob etwas wirklich gefälscht ist, wäre es notwendig diese zu wiederholen. Das wäre ein Aufwand, der so nicht zu rechtfertigen ist. Das ist gewöhnlich auch nicht wirklich problematisch.

Die Erwartungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft an ein einzelnes Papier ist nicht, dass darin die unumstößliche Wahrheit zu finden ist. Sondern es ist meistens so etwas wie ein einzelner Datenpunkt. Das ist ein neues Resultat. Das hat man in den Wissensstand des Fachs einzuordnen.

Forschung ist häufig Teamarbeit. Dennoch scheint es oft zunächst keinem der beteiligten Wissenschaftler aufzufallen, dass einer unter ihnen schummelt. Wie kommt das?

Eine Erklärung ist: Wenn man gemeinsam publiziert und forscht, versucht man möglichst eine strikte Arbeitsteilung durchzuführen. Auf diese Art und Weise kommt man am schnellsten voran. Was mein Kollege tut und beiträgt, muss ich nicht noch einmal selbst tun und überprüfen. Wir gehen davon aus, dass wir beide sauber arbeiten. Man überprüft sich nicht zwingend gegenseitig.

Aber tauscht man sich in der Forschungsgruppe nicht gewöhnlich auch aus?

Ja, und darüber müsste eine Reihe von Problemen eigentlich deutlich werden. Es ist schon auffällig, wenn es lange bestehende Kooperationen und häufige Co-Publikationen gibt und sich einer der Autoren als Betrüger herausstellt. Da stellt man sich zu Recht Fragen.

Schweigen die Teamkollegen vielleicht, weil sie sich selber schützen möchten?

Bei Fällen von Fehlverhalten in der Wissenschaft gibt es keine Gewinner. Wenn ein Fall auftaucht, wenn jemand beschuldigt wird, dann sind eigentlich fast alle Beteiligten irgendwie geschädigt. Im Minimalfall verlieren sie an Reputation. Das führt natürlich bei den Beteiligten zu Verteidigungsstrategien. Man versucht seinen Namen zu schützen, wenn es irgendwie geht.

Glauben Sie, wenn man das Kontrollsystem noch weiter ausbauen würde, dass man wissenschaftliches Fehlverhalten weitestgehend ausschließen könnte?

Nein, wir kennen kein Zusammenleben von Menschen ohne Fehlverhalten. Das ist auch in der Wissenschaft so. Natürlich versucht man derzeit an den verschiedensten Orten Formen der Kontrolle einzusetzen. Das hat damit zu tun, dass in den letzten Jahrzehnten häufiger Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten öffentlich geworden sind.

Könnte eine zu starke Kontrolle, um Fehlverhalten aufzudecken, auch negative Effekte haben?

Es könnte die Innovationskraft von Wissenschaft schwächen. Ein Teil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versucht laufend neue, bahnbrechende, revolutionäre Dinge herauszufinden. Und wie der Name schon sagt: Wenn man bahnbrechende Dinge herausfinden will, muss man bestehende Konventionen überschreiten. Und deshalb ist es an dieser Grenze, wo neues Wissen produziert wird, schwierig zu unterscheiden: Sind das jetzt triviale methodische Fehler, vielleicht sogar Fehlverhalten, oder ist das jetzt irgendwie eine geniale Idee. Das klärt sich erst mit der Zeit.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt Autoren, die argumentieren, dass die Versuchsreihen zum Vererbungsprozess, die Gregor Johann Mendel veröffentlicht hat, so nicht stimmen können. Dass die zu idealisiert sind, mathematisch zu schön aufgehen. Wenn man diese Versuche heute wiederholt, dass man eine größere Bandbreite in den Daten hat. Da haben wir eine Situation, wo damals jemand etwas Neues produziert hat. Und vielleicht hat die Messung nicht nach bestem Wissen und Gewissen stattgefunden.

Der Wunsch, das neu gefundene möglichst schön, möglichst überzeugend zeigen zu können, hat vielleicht dazu geführt, mit den Daten nicht ganz sorgfältig umzugehen. Es würde aber niemand bestreiten, dass deswegen der genetische Vererbungsprozess, den Mendel anhand dieser Daten postuliert hat, nicht stimmen würde.

Interview: Birgit Amrehn

Stand: 12.12.2018, 13:16

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